veröffentlich wenige Stunden vor dem Eklat im Oval Office (28.2., 16.25 Uhr)
Foto: StH – Die Telekom in Bonn-Gronau – 2025 – Kommunikation mal etwas anders;)
somalische Grundsätze der Kommunikation
Vorab: somalische Kommunikation war in meiner Wahrnehmung in den 1990er Jahren keinesfalls stets „konstruktiv“ oder friedlich.
Doch erlebte ich auch einen bemerkens- und bedenkenwerten Grundsatz: „Vermeide stets, dass Dein Gegenüber „sein Gesicht verliert“
Konkret liefen Diskussionen/Verhandlungen auf dieser Grundlage häufig mit folgenden Regeln ab:
Jeder hat einen eigenen Standpunkt, von dem in den Verhandlungen ausgegangen wird. Ein Gegenüber einer Verhandlung ohne oder mit wachsweichem Standpunkt wird nicht ernst genommen.
Jede/r Verhandlungspartner stellt zu Beginn der Verhandlung diesen Standpunkt dar und hört sich denjenigen der anderen Seite zumindest an.
Auf der Grundlage der nun offengelegten Standpunkte beginnt die Verhandlung – und im Idealfall wurde dann eine „dritte Lösung“ gefunden, ob nun ein „Kompromiss“ oder durch gemeinsames Denken „out of the box“.
Natürlich war eine Grundvoraussetzung neben dem eigenen Standpunkt auch eine echte Verhandlungsbereitschaft, also auch den Standpunkt der Gegenseite ernsthaft zu erwägen und ggf. den eigenen zumindest teilweise zu verlassen! Das mag Narzisten nicht ohne weiteres gegeben sein (?)
Verhandlungsergebnis war dann: entweder: wurde eine für beide Seiten akzeptable und letztlich „gesichtswahrende“ Lösung gefunden, und dann war das Ergebnis neben dem inhaltlichen auch eines persönlicher Anerkennung des Gegenüber. So sagte mir ein Somali, mit dem ich einige sehr harte Verhandlungen geführt hatte, zum Abschied: „It’s a pitty you leave!“ – Ich entgegnete: „Jetzt bekommst Du doch vielleicht eher, was, was Du möchtest.“ – „Maybe – but it was nice, working with you!“ oder :Wurde ein Verhandlungspartner dazu gezwungen, insbesondere vor Dritten, sein „Gesicht zu verlieren“, konnte dies auch zu einer mittelfristig gewalttätigen „Rache“ führen, wie ich selbst einmal durch mein eigenen Verhalten („Nobody is perfect!“ – Und natürlich auch ich nicht!) und einmal durch das gegen meinen ausdrücklichen Rat gezeigte Verhalten eines Dritten erleben musste. und Emotionen sind auch häufig dabei und trüben bekanntlich den konstruktiven Blick 🙁 – Im ersten Fall war ich einige Stunden „stark in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt“, – im anderen wurde nachts eine Handgranate geworfen, die zum Glück nur Sachschaden anrichtete.
Alles auch uns nicht unbekannt, aber vielleicht trotzdem manchmal sinnvoll und hilfreich, sich derartiger „Verhandlungsgrundsätze“ zu vergegenwärtigen.
Was mag uns das nun bezüglich des Gesprächs zwischen dem amerikanischen Präsidenten und seinem Vize und dem ukrainischen Präsidenten sagen?
Eines scheint recht klar:
Beide hatten eine klare eigene Agenda basierend auf ihrem interessengeleitetem Standpunkt:
Der Ukrainische Präsident hoffte auf die anhaltende Unterstützung durch die USA, ihm war klar, wie wichtig die bisherige Unterstützung war, doch betonte (wohl nach den gemachten Erfahrungen von 2014 und 2022) die Unabdingbarkeit von Sicherheitsgarantien, bei gleichzeitigem Interesse an einem „gerechten Frieden“. Dafür war er grundsätzlich wohl auch bereit, Trumps Wunsch des Zugriffs auf die ukrainischen Rohstoffe zu erfüllen, aber eben im Gegenzug gegen Sicherheitsgarantien, damit nicht in wenigen Monaten oder Jahren der nächste, dann dritte Griff nach der vollständigen Kontrolle des russischen Regimes über die Ukraine zu befürchten wäre. Der Erhalt solcher Sicherheitsgarantien war wohl sein Hauptanliegen.
Das US-Regime wollte die (wirtschaftliche) Kontrolle über die ukrainischen Rohstoffe, und das erste „Angebot“ an die Ukraine war von dieser offensichtlich als zu unvorteilhaft angesehen worden, und somit abgelehnt worden, was Trump vermutlich ärgerte. Trump war sehr bewusst, dass er sich in der stärkeren Verhandlungsposition aufgrund der Verwundlichkeit der Ukraine im Krieg befand.
Vermutlich ist Trump nicht unbedingt an fairer Verhandlungsführung „auf Augenhöhe“ interessiert, sondern macht seiner „Deal“ lieber aus einer Position der und unter Ausnutzung der eigenen Stärke – quasi das „Recht des Stärkeren“ und einen „Kompromiss“ mag er schon als Niederlage empfinden (?)
Entsprechend machte die US-Gesprächsführung, in dem dem amerikanischen „Verhandlungsteam“ das Behalten des „Gesichts“ der „Gegenseite“ keinerlei Wichtigkeit zu haben schien, sondern eigentlich der „absolute Triumpf“ und die „bedingungslose Unterwerfung“ von Selenski das Ziel war. Und tatsächlich bot der ukrainische Präsident ja wenige Tage später die Rohstoffe ohne Gegenleistung sowie die quasi vollständige Unterwerfung unter Trumps Willen an.
Und Trump erwartete wohl von Anfang an den „schnellen Frieden“, den er im Wahlkampf versprochen hatte. Und wenn Putin sich explizit unnachgiebig gebährdet, also1: „Frieden gerne, aber ohne Abstriche zu meinen Bedingungen“, dann wird es für Trump schwierig, sein Versprechen einzuhalten. Das Einfachste ist dann wohl, Denjenigen in der schwächeren Position zu zwingen – insbesondere, wenn man dafür in Form von gewährter oder entzogener Unterstützung die „besseren Karten“ bzw. „alle Trumpfkarten“ in der Hand hat.
Der Ukraine mag dieses – man mag es „skrupellos“ nennen -Verhalten durch die russische Vorgehensweise bekannt vorkommen.
Trump mag sich bzgl. seines Vorgehens „seelen-verwandt“ mit dem neurussischen Zar fühlen und dessen Vorgehen seit 2014 nicht nur verstehen, sondern im tiefsten Herzen anerkennen und „bewundern“
Nun hat Präsident Selenskyi vor aller Welt „das Gesicht verloren“ und er wurde im Oval Office zutiefst gedemütigt.
Doch das ficht den amerikanische Präsidenten vermutlich nicht an, sondern bestärkt ihn nur im eigenen „Verhandlungsgeschick“, und bekommt ja mit Rohstoffen und (vielleicht) „schnellem Frieden“ alles, was er als Ziel hat.
Wie heißt es: „Den Krieg mögen Putin und Trump dann gewonnen haben“, den „Frieden“ wir alle wohl eher nicht! Aber muss das Menschen wie Putin oder Trump interessieren? Und: ob Putin überhaupt irgendein Interesse an „Frieden“ hat, bleibt wohl abzuwarten – und es bleibt wohl zu befürchten, dass dem nicht so ist!
Bevor das Auto losfahren kann, wirft uns der fünfjährige Joseph ein forderndes „Snap“ entgegen. Das heißt: Aussteigen und ein Foto machen! Als das passiert, stürzen auch weitere Kinder aus Moyamba herbei, so dass Joseph umringt ist
Kinder in Moyamba (Foto: StH, 2000) – Joseph rechts
Das verzögert den Aufbruch. Moyamba ist ein ruhiger und grüner Ort in Sierra Leone, eigentlich nicht weit von der Hauptstadt Freetown entfernt. Aber in der gegenwärtigen Kriegslage muss man sich beeilen. Um drei Uhr nachmittags geht es schließlich los, voll beladen mit vier Passagieren, dem persönlichen Gepäck für etwa die eine Woche, die diese Reise gerade gedauert hatte, einer Ziege und einem Huhn, die Geschenke der Bevölkerung waren und deren Zurückweisung sehr unhöflich und somit nicht möglich gewesen wäre. Die Medikamente für 8.000 Menschen, die auf der Hinfahrt transportiert worden waren , ermöglichten nun im Krankenhaus in Moyamba für die dortigen Patienten eine bessere medizinische Versorgung.
Das vom der deutschen Regierung und auf Empfehlung von UNICEF unterstützte Hospital in Moyamba (Foto: StH, 2000)
Die Straße ist zunächst recht gut, so dass wir gut und komfortabel vorankommen. Die Straße ist allerdings eben auch die Hauptverbindung zwischen den Städten wie Bo und Kenema im Osten des Landes und der Hauptstadt Freetown, und entsprechend werden viele Waren befördert.
So vollgeladen wie der voranfahrendeWagen , ist unser Fahrzeug allerdings nicht. (Foto StH: Sierra Leone, 2000)
Bei der Wegkreuzung von Rotifunk, 30 Kilometer weiter und anderthalb Stunden später, werden Zigaretten eingekauft. Das muss sein, damit an Straßensperren die ein oder andere Zigarette den Besitzer wechselt, was die Miene des Empfängers aufhellt, den Schlagbaum öffnet und dem vorherigen Besitzer einen weiteren Freund beschert.
Ein Stau mit dreißig Autos
Gegenverkehr. Also kommen Autos über die Mabang-Brücke. Das ist nicht selbstverständlich. Mabang ist Sierra Leones Nadelöhr – eine Holzbrücke auf der derzeit einzig sicheren Straße zwischen der Hauptstadt Freetown und dem Osten des Landes. Normalerweise würde man den weiter nördlich liegenden „Highway“ über die Orte Masiaka und Mile 91 benutzen, aber der ist Kriegsschauplatz seit Sierra Leones Bürgerkrieg neu ausgebrochen ist. Also bevorzugen jetzt selbst Lkws den schwierigeren Weg über die alte Eisenbahnbrücke von Mabang, deren Holzbohlen und Bretter unter der schweren Last immer wieder brechen. Wenn dann ein Fahrzeug festhängt, geht erst mal nichts mehr auf der einspurigen Brücke.
Um 17 Uhr liegt Mabang vor uns – und eine Reihe von Autos. Zwölf vor, zwanzig hinter uns. 30 Autos vor dieser Brücke sind gleichbedeutend mit einem 50-Kilometer-Stau in Deutschland.
Am Anfang der Brücke steht eine Gruppe von UNO-Soldaten aus Guinea. Sie wollen sofort fotografiert werden, um eine Erinnerung an diesen berühmt-berüchtigten Ort zu haben, wenn sie nach ihrer Mis-sion wieder zu Hause sind. Ein paar Meter weiter ist ein Lkw auf den halben Palmenstämmen, alten Eisenbahnbohlen und sonstigen Stöcken und Brettern der Brücke eingebrochen. „God Go With You“
eingebrochener LKW an der Mabang-Brücke (Foto: StH, 2000)
steht auf den Schmutzabweisern der Hinterräder – tja. Wie immer in solchen Fällen verdienen sich einige Einwohner von Mabang ein Zubrot dadurch, dass sie mit Wagenhebern hantieren und nach stundenlanger Arbeit Bretter unter die Räder des eingebrochenen Lkws legen, so dass dieser hoffentlich bis zum Ende der Brücke weiterfahren kann. Gewöhnlich werden dann erst einmal die wartenden Pkws durchgelassen, weil diese die Brücke meist ohne Zwischenfall passieren, bevor der nächste Lkw irgendwo einbricht. Vor den Pkws sind natürlich noch die Fahrzeuge der UNO an der Reihe. Selbstverständlich ist das erste wartende Fahrzeug vor der Brücke ein UN-Lastwagen. Es kann also dauern.
Der festhängende Lkw und die eingebrochenen Bretter werden ausgiebig begutachtet und rege diskutiert. Die Brücke verspricht, ein gastlicher Ort zu werden. In weiser Voraussicht hat sich einer der Blauhelmsoldaten aus Guinea mittlerweile ein Feldbett vor den UN-Lastwagen gestellt. Vor der Brücke gibt es viele Stände mit Zigaretten, Getränken, Batterien, Broten – praktischerweise.
Straßenstand an der Mabang-Brücke (Foto: StH, 2000)
An den wartenden Autos gehen Kinder und Frauen vorbei: „Beafletti 500’“, murmeln sie, lüften den Deckel des Topfes und lassen einige Fleischspieße zum Vorschau kommen. „500’“ meint den Preis von 500 Leoni, etwa 50 Pfennig. Einige Stunden später macht ein Junge sich einen Spaß daraus, „Beafletti 500`“ zu rufen, den Deckel zu heben und den leeren Topf zu zeigen – sein Tagesgeschäft hat er gemacht, dem eingebrochenen Lastwagen sei Dank.
Die örtliche Bevölkerung von Mabang nutzt Staus durch auf der Brücke eingebrochene LKWs zu Verkäufen von lokalen Snacks (Foto: StH, 2000)
Der Kommandeur des Brückenortes muss immer wieder mit Autofahrern und Passagieren diskutieren, die ihn davon überzeugen wollen, dass sie aber wirklich die allerersten sein müssen, die über die Brücke fahren, wenn, ja wenn das bestehende Problem dort gelöst ist. Mittlerweile ist es 19 Uhr. Von der anderen Seite der Brücke könnten wir in einer Stunde in Freetown sein. Ab 23 Uhr ist in der Hauptstadt Ausgangssperre.
Dann. Der Lkw fährt! Das tut er etwa 10 Meter, dann bricht er wieder ein. Vielleicht sorgt ja der hochrangige Vertreter der sierra-leonischen Straßenbehörde, der diesmal ebenfalls vor der Brücke wartet, bald für Besserung. Die Bewohner von Mabang schimpfen jedenfalls bei jedem Stau und drohen, die Autos nicht mehr durchzulassen, da „keiner der Regierung sagt, wie schlecht der Zustand der Brücke ist“, wie einer von ihnen behauptet.
Nach wenigen Stunden vor der Brücke kennt man sich. Ein Kleinbus gehört der Methodistenkirche, die in der Südprovinz Sierra Leones ein Bildungsprogram hat, ein weiterer Bus gehört einer anderen kirchlichen Organisation, dann kommen die Blauhelme aus Guinea.
In einem Mercedes sitzt ein gut gekleideter Mann mit leichtem Bauchansatz, eine ebenso gut gekleidete Frau und ein etwa vierjähriges Kind. Kind und Mann spielen Kungfu. Schließlich möchte auch einer der Blauhelmsoldaten mitspielen. Das darf er aber erst nach einiger Zeit und nachdem das Kind sich zuvor des Schutzes der Mutter vergewissert hatte – zu viele Kinder in Sierra Leone haben schlechte Erfahrungen mit Männern in Uniform gemacht.
Es gibt Gerüchte, dass die Batterie des Lkws leer ist. Später stellt sich heraus, dass er keinen Diesel mehr hat. Das Ergebnis ist das gleiche. Einige Wartende versuchen den Besitzer des Lkws davon zu überzeugen – nicht nur mit freundlichen Worten – dass er abladen müsse, um sein Gefährt leichter zu machen. Der Besitzer weigert sich hartnäckig.
Mittlerweile ist es stockdunkel. Ein anderer Lkw ist von der anderen Seite auf die Brücke gefahren, um den LKW ohne Treibstoff abzuschleppen und somit den Weg endlich frei zu machen. Es passiert, was passieren muss: Der helfende Lkw bricht ebenfalls ein.
Eine Stunde später ist der Besitzer des zuerst eingebrochenen Lkws „sanft`“ überzeugt worden, dass er abladen muss. Alle Männer helfen. Bananen, Cassava-Blätter, Reis, Holz, Holzkohle. Die meisten Säcke werden auf die andere Brückenseite transportiert, aber einige Säcke werden auch von den „Helfenden“ zur Seite gelegt. Nun ist klar, warum der Besitzer nicht entladen wollte. Diese Brückenüberquerung wird für ihn richtig teuer.
Um halb elf Uhr nachts ist der leer geräumte Lkw mit vereinten Kräften endlich auf die andere Seite geschoben worden. Nun gibt es das übliche Chaos, da alle Wartenden versuchen, als Erstes mit ihrem Fahrzeug auf die Brücke zu kommen. Dieses Chaos wird nicht ohne lautstarke und ausgiebige Diskussionen gelöst, aber schließlich können auch wir passieren. Es ist 22.50 Uhr.
Ausgangssperre in zehn Minuten
Die Zeit drängt. Die Ziege hinten im Auto hat bereits mehrmals plätschernde Geräusche gemacht. Und in zehn Minuten beginnt im nahen Freetown die Ausgangssperre, dann ist es nichts mehr mit dem Ankommen im sicheren Heim.
Gegen 23.15 Uhr ist die Kreuzung zur Hauptstraße nach Freetown erreicht. Da kommt aus dem Dunkel ein „Stooooop!“. Also Stopp. „Mach das Licht aus!“ Wird gemacht. Ein Bewaffneter schleicht heran, leuchtet mit einer Taschenlampe in den Wagen. Auf der anderen Seite taucht noch ein Bewaffneter auf. Auf dem Gewehr des einen steckt ein Granatenaufsatz. Beeindruckend.
Die Zigaretten überzeugen von unserer Harmlosigkeit. Man bedeutet uns, bis zu einer Taschenlampe vorzufahren, die etwa 30 Meter weiter vorne leuchtet. Dort angekommen, wird ein Platz zum Parken angewiesen. Einige andere Autos, die schon vor der Brücke gestanden hatten, stehen bereits dort. Weitere kommen.
Diese Straßenkreuzung ist ein Stützpunkt von Milizen, die mit der Regierung verbündet sind. Nördlich und südlich dieses Checkpoints sind Blauhelmsoldaten aus Jordanien stationiert. Die Jordanier dulden keinerlei Verkehr nach 22.30 Uhr. Schließlich ist diese Gegend die Hochburg der „West Side Boys“, einer anderen Miliz, die einmal mit der Regierung verbündet war und nun Ärger macht, zum Beispiel durch die Gefangennahme britischer Soldaten.
Also muss die Nacht im Auto verbracht werden, mit Huhn und stinkender Ziege. Der Sternenhimmel ist dafür überwältigend. Bei Tagesanbruch fahren wir weiter nach Freetown, das wir somit ziemlich früh am nächsten Morgen erreichen. Das Huhn bekommt der Fahrer.
Die Ziege wird geschlachtet und zusammen mit Cassava und Cassavablättern wird sie in ein leckeres Mal verwandelt, das auf unseren Tellern landet. Auf dem lokalen Markt vor dem Haus wird alles, was die Bewohner des Zentrums der Hauptstadt benötigen, von Palmöl über sonstige Lebensmittel bis zu Kleidung und Küchenutensilien feilgeboten. Wie üblich pulswiert dort das Geschehen. Stimmengewirr und die Rufe der Verkaufenden sind zu vernehmen.
Pulsierender Markt im Zentrum Freetowns. Foto (StH, 1999)
Durch diese Straße waren im Mai 1999 auch die Rebellen der „Revoluntary United Front (RUF) unter ihrem Anführer „Mosquito“ mordend und brandschatzend gezogen. Das Haus, von dem aus dieses Foto gemacht wurde, war als solide gebautes Haus für den Besitzer, seine Familie und etwa 30 Menschen aus der Nachbarschaft eine Schutzburg, während viele der anderen Häuser in der Nachbarschaft niedergebrannt und geplündert wurden. Der Besitzer dieses Hauses öffnete seine Türen für die schutzsuchenden Nachbarn, und teilte mit ihnen für gut zwei Wochen Nahrung und Wasser. Als der Wassertank auf dem Dach des Hauses zerschossen war, kochten sie Reis mit den Infusionslösungen, die in einem Raum gelagert waren, um später z.B. im Moyamba-Hospital eingesetzt zu werden. Als auch diese zu Ende gingen, führte dieser so beeindruckende Mann libanesischer Herkunft, der in Sierra Leone aufgewachsen war und unser Repräsentant in Sierra Leone war, die Gemeinschaft nachts entlang des Strandes in den Westteil der Stadt, der noch unter Kontrolle der Blauhelme war, und somit Sicherheit bot. Auch war von dort der internationale Flugplatz in Lungi mit einer Fähre oder einem der Transporthubschrauber sowjetischer Herkunft zu erreichen, wenn dies auch bisweilen ein recht abenteuerlich anmutender Transfer war.
Einer der Hubschrauber für den Transfer zwischen dem Flughafen Lungi und Freetown (Foto: StH – 2002)
Während dieser Tage der RUF-Attacke, von denen auch in Deutschland berichtet wurde, versuchte ich von Deutschland aus mit diesem Mitarbeiter in Freetown, Hassan, in Verbindung zu bleiben. Das war oft nicht einfach, da die Verbindung häufig zusammenbrach.
In diesen Tagen entschieden eine Reihe von Mitarbeitern und Mitgliedern von Terra Tech, Hassan und seine Familie für eine Weile nach Deutschland zu holen, damit sie sich von dem Schrecken und Strapazen etwas erholen könnten. Insbesondere die drei Töchter, deren jüngste auch in Deutschland zunächst zusammenzuckte, wann immer sie eine Uniform sah, bedurften eines derartigen Wechsels und der Erholung. Sie blieben etwa 6 Wochen in Deutschland und kehrten dann nach Sierra Leone zurück, wo ich auch in den folgenden Jahren in ihrem Haus lebte, wenn ich die Projekte besuchte.
Apropos „Barmherzigkeit“: Ich bin noch immer beeindruckt von der Offenheit und fast grenzenlosen Hilfsbereitschaft dieses gläubigen Muslims, nicht nur in dieser so kritischen Situation des RUF-Angriffes auf Freetown. Seine Tür war stets offen für hilfesuchende Nachbarn, und häufiger sah ich ihn während meiner Aufenthalte bei ihm mit Nachbarn oder anderen Hilfesuchenden in seinem Wohnzimmer geduldig zuhörend reden und ihnen Rat und manches Mal etwas Geld gebend. Auch ich war als Gast in seinem Hause stets willkommen. Ich bin nur froh, dass wir ihm in dieser kritischen Situation ein wenig durch die Ermöglichung eines vorübergehenden Aufenthaltes im sicheren Deutschland als kleine Anerkennung seiner stets gelebten und bedingungslosen Gastfreundschaft zurückgeben konnten.
Wie mir später berichtet wurde, sind bei dieser Attacke der RUF etwa 5.000 Menschen getötet und noch mehr verstümmelt worden, indem ihnen Arme, Beine, Ohren, Nasen und andere Körperteile abgeschnitten wurden.
Die Brutalität war kaum vorstellbar, doch waren auch viele Täter selbst Opfer. Sie waren aus ihren Dörfern geraubt worden, mussten teilweise eigene Familienmitglieder ermorden, damit die RUF-Führer sich der Loyalität dieser als Soldaten zwangsrekrutierten Kinder sicher sein konnten, da sie nach diesen Taten ja keinen Platz und keine Gemeinschaft für eine Rückkehr mehr hatten.
Beim Angriff selbst, wurde ihnen – wie mir berichtet wurde – die Ader an einer Schläfe angeritzt und ein Stück Kokain mit einem Pflaster auf diese Wunde geklebt. Das führte dann zur Hemmungslosigkeit und Brutalität der Kindersoldaten.
Jahre später befand sich ein Mann, dem während dieses Angriffs beide Arme abgeschnitten worden waren, auf dem Märkt nahe „Clocktower“ im Freetown, an einem Ende der Marktstraße, als er den „Täter“ erkannte. Er sprach ihn an. Andere Marktbesuchende wollten den „Täter“ lynchen, doch das Opfer sagte: „NEIN! Ich möchte nur, dass er versteht, was er getan hat““ – und streckte ihm seine beiden Armstummel entgegen.
Was für eine menschliche Größe dieses Opfers! Aber wer ist in einer solchen Situation nur „Täter“? Selbst viele der Rebellenführer waren in Sierra Leone, wie auch in Uganda oder im Kongo Jahre zuvor als Kinder in ihren Dörfern überfallen und geraubt worden.
Mein Bruder war in den 1980er Jahren in Sierra Leone und – wie alle anderen, die in den 70er und 80er Jahren Sierra Leone besucht hatten, vollkommen angetan von der Freundlichkeit und Offenheit der Bevölkerung. Kaum konnten sie verstehen, was in den 1990er und 200oer Jahren dann dort geschah.
Letztlich ging es in Sierra Leone wie auch in Zaire/DRC stets um Bodenschätze und die Macht über diese – in Sierra Leone um Diamanten. Der Reichtum dieser Länder ist leider oft auch gleichzeitig ihr Fluch. Einige wenige profitieren und saugen sich skrupellos voll, die meisten „normalen“ Menschen leiden unter den Zuständen – Fast wie im „normalen Leben“ fast überall auf der Welt 🙁
Meine Erfahrung auch bei späteren Aufenthalten im Land war die große Toleranz z.B. zwischen den Religionen. Häufig fuhren wir ins „Feld“ zu Projektbesuchen mit Autos, in denen Muslime und Christen saßen – es gab keine Anfeindungen, sondern gegenseitige Anerkennung der Andersartigkeit. Auch bei Einweihungsfeiern sprachen sowohl die lokalen Imame als auch Priester und beteten zusammen für ein Gelingen des Projektes.
Selbstverständlich trank und aß ich während des Ramadans nicht vor meinen muslimischen Mitreisenden, sondern ging etwas abseits – ein ganz kleines und einfaches Zeichen der Wertschätzung.
Andererseits hatte Hassan stets eine Kiste des lokalen Biers in seiner Gefriertruhe, wenn ich oder andere „Westler“ nach Freetown kamen und bei ihm wohnten. Er selbst trank als gläubiger Muslim keinen Alkohol, aber wusste und akzeptierte, dass wir ein kühles Bier nach der Hitze und dem Staub des Tages genossen.
Ich habe in diesem Land sehr viel gelernt, und wirklich beeindruckende Menschen kennengelernt, denen ich für all die Menschlichkeit und Gastfreundschaft extrem dankbar bin.
Der Fluss ist gleichermaßen Spielplatz, Freibad und Waschküche der ansässigen Bevölkerung Foto: StH (2002)
Diese Begegnungen sind das, was ich an meiner „humanitären Arbeit“ besonders schätzte und als sehr wertvolles „Geschenk“ empfand. Diese kompensierten auch die weniger schönen Erlebnisse, die es selbstverständlich auch in der Konfrontation mit Elend, Leid, Tot und Gefahr, gab.
Derartige Erlebnisse werden z.B. in folgenden Beiträgen dargestellt:
Foto: StH – ein Buschflieger wird auf dem Airstrip in Belet Weyne betankt – 1993
Hiran-Region/Somalia im September 1991,
Die internationale Hilfsorganisation, für die Sven in Somalia ist, ist in vier Regionen des Landes tätig, und hat ihren Sitz der Hauptdelegation auf dem Gelände eines ehemaligen Krankenhauses in der Hauptstadt Mogadischu. Von dort aus verteilen sie Hilfsmittel in Zentralsomalia von Mogadischu aus gen Norden bis in die Region Beledweyne nahe der äthiopischen Grenze.
So befindet sich Sven auch im September 1991 in der am Shebele-Fluß gelegenen Region „Hiran“, um dort insgesamt etwa 500 Tonnen Lebensmittel und Saatgut zu verteilen. Diese Verteilung von humanitären Hilfsgütern soll die Ernährungssicherung aus eigener landwirtschaftlicher Produktion der Bevölkerung nach Dürre und Kriegshandlungen unterstützen.
Nach einer in einem lokalen Hotel verbrachten Nacht trifft Sven am kommenden Morgen Ibrahim in Beledweyne. Ibrahim ist ein lokaler Mitarbeiter aus Mogadischu, der dem hauptsächlich im Norden Somalias um die Stadt Harguesa angesiedelten Isaaq-Clan, einer der sechs größten Clanfamilien im Land, angehört.
Alle Clans Somalias haben eine Repräsentanz ihrer Stammesbevölkerung in der Hauptstadt, auch wenn ihr Hauptstammesgebiet in anderen Regionen liegt. Und so lebt und arbeitet auch Ibrahim in Mogadischu, und arbeitet dort als Fahrer für die internationale Hilfsorganisation.
Nun erzählt er Sven, er sei mit einem der in Mogadischu von der Hilfsorganisation benutzten PKW bei einer Fahrt in der Hauptstadt von bewaffneten Räubern angehalten worden sei, die das Auto dann gestohlen hätten.
Vermutung zum „Verkaufsweg“
Er sei sich aber sicher, dass die Räuber versuchen würden, den Wagen über die Grenze nach Äthiopien zu bringen, um ihn dort zu verkaufen. Da sie dafür sehr wahrscheinlich über Beledweyne kämen, habe er sich gestern hierhin aufgemacht. Die Wachen am Checkpoint auf dem Hügel oberhalb der Stadt, den jeder Reisende passieren muss, habe er auf das gestohlene Auto aufmerksam gemacht. Er habe es ihnen mit Typ und Kennzeichen beschrieben, doch sei es am Aufkleber der Hilfsorganisation ohnehin leicht zu erkennen. Er habe die Wächter gebeten, den Wagen dort unter einem Vorwand festzuhalten und ihn zu informieren, sollte das Auto tatsächlich am Checkpoint auftauchen. Seinen in Beledweyne ansässige Clanältesten (eine Art „Konsul“ des Clans in der Hiran-Region) habe er ebenfalls informiert.
Und tatsächlich bekommen sie einige Zeit später eine Information vom Checkpoint, dass der gesuchte PKW dort angekommen sei und nun dort festgehalten werde. Ibrahim informiert seinen örtlichen Clan-Vertreter und begibt sich mit ihm zum Checkpoint.
Der Prozess
Nachdem dort nun auch die Clan-Zugehörigkeit der Räuber geklärt ist, wird eine traditionelle Gerichtssitzung anberaumt, bei der die jeweiligen örtlichen Clan-Vertreter jeweils die Interessen der beteiligten Clans vertreten. Ibrahim bittet auch Sven, mit ihm zu Ort der Verhandlung zu kommen.
Dort wird Sven ein Stuhl angeboten, und zu Beginn werden von allen Beteiligten einführende Reden gehalten. Den Vorsitz hat der Älteste des ortsansässigen Hawiye-Clans. Nach den Ältesten ergreift auch Ibrahim das Wort, und schildert den Raub in Mogadischu. Danach zeigt er auf seinen Issaq-Vertreter und sagt, das sei sein Clanältester, bevor er auf Sven weist, und sagt, dass sei der Älteste seines Arbeitsclans, also der internationalen Hilfsorganisation, für die er zum Wohle der Somalis arbeite.
Nun beginnt ein etwa zweistündiges Palaver, das Sven natürlich nicht versteht, doch übersetzt ihm Ibrahim das Gesagte in groben Zügen.
Wichtig für Somalis ist stets, dass alle ihr Gesicht behalten können, und letztendlich eine gütige Einigung erzielt wird, die ggf. Kompensationszahlungen enthält, aber weitere Feindseligkeiten, oder gar Gewaltanwendung oder Kriegshandlungen vermeidet.
Und so wird auch hier ein Urteil getroffen und vereinbart: Der Clan der internationalen Hilfsorganisation soll einen Kompensationsbetrag in sechsstelliger Höhe in Somali-Schilling zahlen, dafür aber sofort den Wagen zurückerhalten.
Über Recht und Gerechtigkeit
Einerseits kann es befremdlich erscheinen, dass der Geschädigte (Beraubte) auch noch zahlen soll, um das Raubgut zurückerhalten. Andererseits vermeidet eine derartige Lösung weitere Gewaltanwendung, da alle Seiten ihr Gesicht erhalten können. Und da zu der Zeit etwa 8.000 Somali-Schilling einem US-Dollar entsprach, ist auch ein sechsstelliger Schilling-Betrag letztlich ein übersichtlicher Dollarbetrag, und das Auto diesen allemal wert. Sicher enthält der Betrag auch noch „Gerichtskosten“, also eine „Aufwandsentschädigung“ für die beteiligten Clan-Ältesten.
Also stimmt Sven dem Deal zu, was er später seinen Chefs in Mogadischu noch erklären muss. Nach seinen Erläuterungen akzeptieren jedoch auch diese den Deal.
Ibrahim fährt mit dem Wagen anschließend zurück nach Mogadischu. Sven verteilt mit seinen Begleitern in den folgenden drei Tagen die Hilsgüter in einer größeren Anzahl von Dörfern und regionalen Städten , bevor auch er mit seinem Fahrer Gessi und allen anderen Begleitern wieder in Mogadischu eintrifft.
Fazit:
Manchmal erscheint eine auch zunächst ungewöhnliche Einigung sinnvoller als Gewalt und Krieg, wenn alle Beteiligten ihr „Gesicht“ erhalten können.
Das funktioniert jedoch nur bei gutem Willen aller Beteiligten sowie allseits anerkannten Regelungen (wie die Clantraditionen u Somalia des Jahres 1991 oder z.B. das internationale Völkerrechts in der heutigen Welt. „Restore Hope“, also die militärische Intervention in Somalia ab Dezember 1992 trug zur Schwächung dieser zuvor funktionierenden Traditionen bei, ohne ein alternativ funktionierendes System anzubieten. Daran leidet Somalia in gewisser Weise auch gut zwei Dekaden noch immer. Und was mag die derzeitige Schwächung des UN-Systems und des internationalen Rechts aus scheinbar egozentrischen nationalen Macht- und Finanzinteressen an langfristigem Schaden anrichten?
Der Tempel von Garni ist der einzig erhaltene Tempel aus griechisch-römischer Zeit, dem 1. Jhd. n. Chr., umgeben von Bergpanoramen) – Foto: Stefan Hagelüken – 1990:
Armenien ist eine sehr alte Kultur: Der Tempel von Garni ist der einzig erhaltene Tempel aus griechisch-römischer Zeit, dem 1. Jhd. n. Chr., umgeben von Bergpanoramen Der Ararat im Hintergrund der in der heutigen Türkei liegt, sich jedoch von Armenien aus zu sehen ist, und im ehemals armenischen Siedlungsgebiet der Osttürkei erhebt wird mit der biblischen „Sintflut“ in Verbindung gebracht
Hintergrund
Am 26.3.25 beschloss das armenische Parlament den Beginn des EU-Beitragsprozesses Traditionell war Russland die „Schutzmacht“ Armeniens, doch während des russischen Krieges in der Ukraine fühlten sich die Armenier in ihrer Auseinandersetzung um Berg-Karabach mit Aserbaidschan von Russland enttäuscht.
Im September unterlag Armenien nach mehreren Jahrzehnten im Konflikt mit Aserbaidschan um Berg-(Nagorny-)Karabach, nachdem Aserbaidschan mit Hilfe der Türkei am 19.9.23 eine Großoffensive auf das überwiegend von ethnischen Armeniern besiedelte Gebiet gestartet hatte. Am 20.9.23 wurde ein Waffenstillstand vereinbart und Berg-Karabach am 28.9.23 seine Auflösung zum 1.1.24 angekündigt hatte. Bis Ende September waren über 100.000 ethnische Armenier aus der Region geflohen.
Ein weiteres für Armenier sehr wichtiges Ereignis war der Völkermord an Armeniern (Armenozid) im Jahre 1915 und 1916 unter Verantwortung der jungtürkischen Regierung des Osmanischen. Dabei wurden durch Massaker, Todesmärsche und gezielte Vernichtungspolitik geschätzt 300.000 der über 1,5 Millionen Armenier getötet.
Das armenische Siedlungsgebiet umfasste neben dem heutigen Armenien damals auch sechs armenische Provinzen (Erzurum, Van, Bitlis, Diyarbekir, Mamuret ül Aziz (heute Elazig) und Sivas in Ostanatolien sowie Gebiete im Südosten (Südtürkei) rund um Adana, Maras und die historische Hauptstadt Sis. In Istanbul, Izmir und Alexandrien bildeten armenische Gemeinden bedeutende Minderheiten in Handel und Handwerk.
In Eriwan, der heutigen Hauptstadt Armeniens gibt es eine Gedenkstätte an diesen Armenozid, an dem diesem jährlich gedacht wird. Dort brennt eine ewige Flamme und es werden dort ständig viele Blumen abgelegt.
Am 7. 12.1988 um 11.41 Uhr Ortszeit erschütterte ein schweres Erdbeben insbesondere die Regionen Spitak und Leninakan, bei dem geschätzt 70.000 Menschen umkamen und viele Gebäude, die in Sowjetzeiten nicht erdbebensicher erstellt worden waren, zerstört wurden.
Nach diesem Erdbeben lief noch in Zeiten der Sowjetunion eine große internationale Hilfsaktion westlicher Länder an, in deren Rahmen ich für das Deutsche Rote Kreuz von März bis September 1990 in Armenien humanitär (im Wiederaufbau) tätig war.
In dieser Zeit schrieb ich den nachfolgenden Text:
Geschichte wird geschrieben
29.8.1990
Blick auf den Ararat hinter Eriwan (Foto: StH – 1990)
Ein ganz normaler Tag. Wie gewöhnlich sind morgens schon Eriwans
Verkehrschaos in Eriwan
Ein ganz normaler Tag. Wie gewöhnlich sind morgens schon Eriwans Straßen erfüllt von Autohupen und Abgasen: Ampeln sind, wie üblich, Diskussionsgrundlage und ehe man sich einig geworden ist, ob sie rot oder grün war, ist sie schon Geschichte.
Etwas erstaunt nur der Stau an ungewohnter Stelle direkt hinter dem Hotel auf dem Weg zum Büro, doch lange wundert man sich in einer Stadt hierüber nicht, in der jeden Tag andere Straßen gesperrt sind, weil irgendwo Leitungen repariert werden oder sonst etwas gebuddelt wird.
Vollkommen gewöhnlich ist dabei auch, dass es zum Stau kommt, weil die viel zu enge Einbahnstraße in beiden Richtungen befahren wird.
Die Bedeutung dieses Staus erfahre ich erst später …
Die Ursache der Staus
Nachts konnte man vom Hotel Schüsse hören, doch auch das ist nicht das erste Mal. Dann jedoch wird zunehmend klar, dass der Tag alles andere als normal ist. Die Übliche, noch etwas müde, Ausgelassenheit des ersten Kaffees im Büro des Deutschen Roten Kreuzes in der Puschkinstraße 3a fehlt heute morgen. Unsere armenischen Mitarbeiter erscheinen bedrückt und erzählen von einer nächtlichen Schießerei zwischen „HeHeSche“ und „HAP, bei der zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Einer der beiden Toten ist ein Deputierter der neuen armenischen Regierung.
Auch in den anderen Büros im „Journalistenhaus“ herrscht Unruhe. Man redet miteinander, tauscht Informationen aus, und berät sich über zu treffende Maßnahmen, um Eventualitäten vorzubeugen und die Sicherheit der Mitarbeitenden so weit wie möglich zu gewährleisten. Wir telefonieren mit dem Vizepräsidenten des Armenischen Roten Kreuzes und dem Präsidenten der Katastrophen-Schutz-Gruppe „Spitak“ . Beide haben gute Kontakte zur neuen Regierung, die erst vor wenigen Tagen die Unabhängigkeit Armeniens ausgerufen hat, wie dies schon zuvor andere Sowjetrepubliken in der ein oder anderen Form getan haben.
Beide waren Freunde des ermordeten Abgeordneten. Mit unserer Dolmetscherin Marina fahre ich zum Oberstem Sowjet, um zusätzliche Informationen und deren Lageeinschätzung zu hören.
Eigentlich ist die Straße gesperrt, an der die Hauptpapiere von HeHeSche und HAP sich schräg gegenüber in einer Entfernung von nur etwa einhundert Metern liegen. Deshalb entstand heute morgen der Stau, da die enge Einbahnstraße als Umleitung herhalten musste. Doch öffnen das Rot-Kreuz-Auto und Marinas Geschick uns alle Sperren. Auch am Obersten Sowjet brauchen wir nicht lange auf Einlass zu warten – zu gut ist das Ansehen gerade des DRK in Armenien, da das DRK sofortige und umfassende Erdbebenhilfe geleistet hat. Nach kurzer Wartezeit empfängt uns der Staatssekretär. Ja, die Lage sei ernst, doch könnte man die Sicherheit unserer Mitarbeiter garantieren. Heute Nachmittag um 16.oo Uhr werde eine Erklärung der Regierung in Fernsehen und im Rundfunk ausgestrahlt. Es bestehe eine nächtliche Ausgangssperre von 22.00 bis 6.00 Uhr. Man werde uns auf dem Laufenden halten.
Die Vorkommnisse der Nacht
Was war passiert? Nach Informationen des Staatssekretärs und unserer anderen Gesprächspartner waren einige Leute von HeHeSche zu einer Tankstelle gefahren, um dort Ordnung zu schaffen. Durch die Blockade herrscht Benzinmangel in Armenien – das Auto ist aber auch des Armeniers „liebstes Kind“. So kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen an den Tankstellen, um ein paar Tropfen Benzin. Nach einer Weile kam ein Auto mit Bewaffneten (offensichtlich HAP-Mitglieder), die das Feuer eröffneten. Drei Personen wurden verletzt. Außerdem war in der Nacht das Hauptquartier von HeHeSche durch HAP-Kämpfer angegriffen worden. Eine Abordnung von HeHeSche unter der Leitung des Deputierten fuhr zum Hauptquartier von HAP, um dort zu erfahren, was das alles sollte. Als sie aus dem Auto stiegen, wurde sofort das Feuer eröffnet. Zwei Menschen starben im Kugelhagel.
Zurückgekehrt hören wir in Radio. Die Regierung hatte folgendes erlassen:
1.nächtliche Ausgangssperre von 22.00 bis 6.00 Uhr
HAP ist nicht länger eine illegale Organisation
3. Ultimativ werden alle Mitglieder von HAP aufgefordert, ihre Waffen abzugeben. Jeder, der diesem Ultimatum nicht nachkommt, ist an morgen früh kriminell
Die Regierung kann sich auf eine breite Zustimmung beim Volk stützen: auch wenn HAP bislang viele Anhänger hatte. Die Ermordung des Deputierten jedoch stößt auf allgemeines Unverständnis und Missbilligung.
Wer ist HAP? Wer ist HeHeSche?
HeHeSche ist hervorgegangen aus dem Karabach-Komitee“, jener politischen Gruppierung, die sich (damals) seit längerer Zeit für die Unabhängigkeit der in Aserbaidschan liegenden Exklave „Nagorny-Karabach“ oder deren Angliederung an Armenien bemüht. Diese Exklave ist (war – bis 2023) größtenteils von Armeniern bewohnt, doch wurde sie Aserbaidschan angegliedert und unter aserbaidschanische Verwaltung gestellt. Hieran entzündeten sich die Auseinandersetzungen zwischen Aserbaidschan und Armenien. Das Karabach-Komitee versucht die Aktivitäten unzähliger kleiner und großer Gruppierungen von „Freiheitskämpfern“ zu organisieren und zu koordinieren. HeHeSche ist seit wenigen Wochen die Partei, die die neue armenische Regierung zu großen Teilen stellt; auch der Anfang August neu gewählte Präsident Armeniens, Lewon Ter-Petrosjan kommt aus den Reihen von HeHeSche.
HAP (Nationale Befreiungsarmee Armeniens) ist eine konkurrierende Gruppierung. Oberflächlich betrachtet haben sie die gleichen Ziele. Auch sie wollen die Befreiung Karabachs, auch sie wollen das gefahrlose Leben der in Karabach lebenden Armeniern gewährleisten. Neben HeHeSche ist HAP die größte und einflussreichste Gruppierung in der ziemlich unübersichtlichen Landschaft von Gruppen und Grüppchen. Wie viele Mitglieder HAP hat, weiß keiner so genau, fünfstellig ist ihre Zahl sicherlich. Bewaffnet sind sie bis an die Zähne; neben Gewehren, Maschinengewehren und „was man sonst so braucht“, besitzen sie auch Panzer und Hubschrauber.
Die Hintergründe der Auseinandersetzung sind unklar. Gerüchte gibt es, dass HAP mit dem KGB zusammenarbeitet oder von Aserbaidschan oder der „armenischen Mafia“ bezahlt werde, und die Aktion unter dem Stichwort „Provokation“ anzusiedeln sei; und tatsächlich ist auch das am meisten gehörte Wort auf Armeniens Straßen.
Sicher scheint nur, dass HAP einen Teil ihrer Waffen und sonstigen Ausrüstung von der ehemaligen Regierung Armeniens erhalten haben. Zu Zeiten der Auseinandersetzungen mit Aserbaidschan und der schweren Übergriffe in Baku und Nagorny-Karabach in den Jahren 1988 unde 1989 wurden Freiwillige, die die Grenze Armeniens und die Armenier verteidigen wollten, mit Waffen und Fahrzeugen ausgerüstet. Ein anderer Teil der Waffen kam durch Diebstahl in den Besitz von HAP. Auch wird ihnen vorgeworfen, eine größere Anzahl von Privatautos – vor allen geländegängige und weitverbreitete, also unauffällige Lada-Niva – gestohlen zu haben.
Beratung und Beruhigung der Situation
Abends kommen der Vizepräsident von Armcross und der Präsident der „Spitak“-Gruppe ins Hotel, um uns nochmals zu berichten und unsere Sicherheit zu garantieren. Wir beschließen, uns die Nacht über ruhig im Hotel zu verhalten und am nächsten Morgen die Lage zu erkunden, bevor wir unsere Mitarbeiter ins Büro kommen lassen. Das Ultimatum der Regierung steht: ob HAP seine Waffen jedoch freiwillig abgibt, muss angezweifelt werden. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass es nachts zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen wird. Für die neue Regierung, auf die viele Armenier ihre Hoffnungen gründen, ist diese Situation eine echte Bewährungsprobe.
Am nächsten Morgen kommt der Präsident der „Spitak-„Gruppe freudestrahlend ins Hotel. Fast alle Mitglieder von HAP in Eriwan haben vergangene Nacht gegen 5.00 Uhr ihre Waffen abgegeben. Nur eine kleine Gruppe von ca. 30 Leuten ist der Aufforderung noch nicht nachgekommen. Die Situation ist völlig unter Kontrolle, die akute Gefahr ist vorbei. Wir informieren unsere Mitarbeitenden und nehmen unsere Arbeit wie gewohnt wieder auf. Uns allen fällt ein kiloschwerer Stein vom Herzen, unsere armenischen Mitarbeiter lachen und scherzen wieder. Auch sie haben wieder Hoffnung und Zuversicht in ihr Land erlangt und die Befürchtungen von gestern überwunden.
Normalisierung
An diesem Tag, dem 30.8.1990, bekommen wir Sondergenehmigungen, um unsere Arbeit auch nachts fortzusetzen. Als ich wenige Nächte später zum Flughafen muss, um sechs Mitarbeiter abzuholen, passiere ich sechs Straßensperren auf den ca. 12 Kilometer vom Hotel zum Flughafen. Ich werde angehalten, freundlich gegrüßt und ein Blick auf meine Papieren geworfen. Auf der Rückfahrt winkt man mir schon nur noch zu, und ich kann ohne Kontrolle weiterfahren.
Einige Tage später gibt auch ein Großteil der HAP-Kämpfer in den Rayons (Provinzen) Armeniens seine Waffen ab.
Foto von unbekannt: Kinder während einer Sommerfreizeit in der Nähe von Twer im Jahr 1999
Vorab – und anlässlich der neuen Spaltung Europas seit Februar 2022:
Eines ist, um mit Sting zu sprechen, gewiss: The Russian love their children, too! Das durfte ich in einem Kontakt mit einem Zentrum in Twer zwischen 1996 und 2002 selbst erleben.
Twer ist eine Stadt mit etwa 500.000 Einwohnern, die zwischen Moskau und St. Petersburg gelegen ist, und in der Sowjetzeit Kalinin hieß.
Dass die Russen mit ihrer oft so herzlichen Seele und ihrem großen Herzen, ihre Kinder ebenfalls lieben, ist völlig unbestreitbar! Zu fragen ist lediglich, ob die derzeitigen Machthaber Russlands, also das Putin-Regime auch die Kinder anderer russischer Eltern – wenn schon nicht „lieben“, so wenigstens „achten“ und „wertschätzen“, oder lediglich als Spielfiguren und „Kanonenfutter“ zur Erreichung ihrer geopolitischen Gelüste ansehen?
Wie kam ich in Kontakt zur „Hoffnungsinsel“?
Etwa Ende 1996/Anfang 1997 reiste der Behindertenfachmann Johannes Roloff aus Straelen nach Twer, um sich im Zentrum „Hoffnungsinsel“ dort einige behinderte Kinder und ihre Behinderungsformen anzusehen sowie sich nach erfolgter Diagnose mit dem Personal des Zentrums sowie anderem therapeutischen Personal in der Stadt Twer auszutauschen.
Er kam voller intensiver Eindrücke über das Zentrum zurück. Dieses war von einer Elterninitiative behinderter Kinder in einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gebäude gegründet worden. Die Eltern hatten das Gebäude in Eigenarbeit renoviert. Johannes fragte den Marburger Verein Terra Tech Förderprojekte e.V., ob dieser das Zentrum nicht unterstützen könne.
Foto: Stefan Hagelüken: Das Gebäude des Zentrums im Jahr 1997
Na und – was machen wir nun?
Aus dieser Anfrage entstand ab 1997 eine intensive Zusammenarbeit des Zentrums für behinderte Kinder („Hoffnungsinsel“) mit des Verein Terra Tech, Als Projektleiter und später Geschäftsführer von Terra Tech besuchte ich das Zentrum in Twer zwischen 1997 und 2002 jährlich etwa zweimal.
Komponenten dieser Kooperation während meiner Zeit waren:
Ausbildung behinderter Jugendlicher im Metall- und Holzhandwerk
1997-1999: ein von der EU im Rahmen des Programmes TACIS-LIEN gefördertes Projekt, in dessen Rahmen je eine Holz- und eine Metallwerkstatt für behinderte Jugendliche ausgerüstet wurde. Anschließend wurden zwei Gruppen behinderter Jugendlicher von russischen Meistern mit Unterstützung zweier Meister mit Erfahrungen in deutschen Behindertenwerkstätten im Metall- bzw. im Holzhandwerk ausgebildet. Des weiteren wurde eine Orientierungsreise russischer Fachkräfte des Zentrums in deutsche Behindertenwerkstätten in der Region Marburg sowie am Niederrhein organisiert.
Die Ausbildung beinhaltete auch eine Abschlussprüfung mit einer theoretischen Prüfung sowie der Herstellung eines Werkstücks, das der Prüfungskommission bestehend aus den Ausbildern und Repräsentanten der lokalen Industrie- und Handelskammer vorgelegt wurde.
Natürlich wurde der Abschluss der Ausbildung auch gebührend gefeiert. Bei dieser Feier wurde den Jugendlichen eine Abschlussurkunde übergeben. Die Jugendlichen strahlten, da sie sich vermutlich erstmals in ihrem Leben wirklich wertgeschätzt fühlten, und in Form des jeweiligen Werkstückes einen eigenen Beitrag zur Ausstattung Ihres Elternhauses beigetragen hatten.
Eines der während der Ausbildung und unter Anleitung des russischen Meisters gefertigtes Werkstücke. Andere Jugendliche fertigten einen Schemel, ein Regal oder einen großen Holzhammer.
Die Jugendliche waren mit sehr viel Ernst, Konzentration und Freude bei der Sache (Foto: StH)
Der Glanz in den Augen der Jugendlichen bei der Feier ist kaum zu beschreiben – den muss man erlebt haben! Auf jeden Fall war jedem der Jugendlichen die Freude an der absolvierten Ausbildung und ihr Stolz auf den Erfolg anzumerken. Die Abschlussfeier mit Zeugnisübergabe war offensichtlich ein ganz besonderer Tag in ihrem Leben.
Einige der Jugendlichen konnten nach bestandener Prüfung an lokale Betriebe vermittelt werden, so dass sie zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen konnten. Andere blieben mit den russischen Ausbildern weiterhin im Zentrum, um Möbel und Therapiegeräte für das Zentrum herzustellen.
Nach dem von der EU finanzierten Projekt stellte sich die Frage, wie die Fachkräfte und Institutionen in Twer künftig selbständiger Projekte planen und umsetzen könnten.
Workshop zur Projektplanung
Eine Arbeitsgruppe während des Workshops im Jahr 2000 in Twer. (Foto: StH)
Hierzu gelang es uns, Gelder von der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes zu erhalten, mit deren Hilfe wir einen Workshop mit pädagogischen, administrativen und medizinischen Fachkräften aus dem Oblast (Verwaltungsregion) Twer durchführen konnten, bei dem die Teilnehmenden Methoden und das Vorgehen bei der Identifikation von Bedürfnissen und der Planung von entsprechenden Maßnahmen erlernten.
Aus diesem Workshop ergaben sich weitere Ideen, die in den folgenden Jahren dank unterschiedlicher Finanzierungsinstrumente umgesetzt werden konnten:
Weitere Ausbildungen mit behinderten Jugendlichen
Nach den sehr positiven Erfahrungen mit den ersten beiden Ausbildungsgängen begannen wir mit Förderung der Aktion Mensch zwei weitere Ausbildungsgänge: eine Nähgruppe und eine Computerklasse, für die wir gebrauchte, aber funktionsfähige Gerätschaften mit Zubehör aus Deutschland dem Zentrum zur Verfügung stellten:
Auch für diese Ausbildungsgruppe wurde eine russische Fachkraft gefunden. Die Jugendlichen fertigten u.a, Stofftiere aus Stoffresten.
Ein großer Elefant wurde mir für meinen Sohn übergeben. Der Transport per Flugzeug nach Deutschland war ein wenig herausfordernd, doch begleitete der Stoffelefant dann die erste Jahre meines Sohnes.
Gewächshaus
Mit Mitteln der Stiftung Sternstunden des Bayrischen Rundfunks konnten wir ein Gewächshaus auf dem Gelände des Zentrums errichten, in dem behinderte Jugendliche theoretisch und praktisch im Gemüse- und Kräuteranbau ausgebildet wurden. Die erzeugten Salate, Gurken, Tomaten und Kräuter wurden für die Ernährung der Kinder beim Mittagessen eingesetzt.
theoretische Ausbildung in Gemüsebau und Pflanzenkunde
sowie deren praktische Anwendung
Sommerfreizeit für behinderte Jugendliche
Mit Hilfe von Spendengeldern konnte für eine Gruppe behinderter Jugendlicher eine Sommerfreizeit im Waldgebiet bei Twer organisiert und angeboten werden.
für einige der Kinder war es der erste Urlaub in ihrem Leben Foto: von unbekannt)
Inklusionsklasse
Dank des Kontakte und des Engagements des Direktors des Zentrums und der Offenheit der Direktion und der Lehrendenschaft einer der Schulen in Twer gelang es uns, einige behinderte Kinder in eine Regelklasse dieser Schule in Twer einzuschulen.
drei der aus dem Zentrum stammenden Schülerinnen, die in die erste Klasse der Regelschule aufgenommen wurden (Foto: StH)
Im Rahmen dieses Projektes reisten auch drei Lehrkräfte aus Tver zu einer Anregungsreise für Inklusion und Unterrichtsgestaltung nach Mittelhessen, wo sie einige Institutionen wie die Blindenstudienanstalt in Marburg besuchten, und Anregungen u.a. zur Herstellung von Unterrichtsmaterialien erhielten.
Einige (persönliche) Schlussbemerkungen
Ich danke den Mitarbeitenden des Zentrum, den Eltern und insbesondere den Kindern des Zentrums in Twer für die sehr beeindruckenden Einblicke in ihr Leben, ihren Alltag – und soweit mit Übersetzung möglich – in ihre Ängste und Hoffnungen.
Russland war damals zu Beginn meiner Besuche noch ein anderes Land und erst ab 1999 erlebte ich gewisse Veränderungen:
Eine war, dass Vladimir Putin 1999 an die Macht kam, und auf z.B. die Gouverneurswahl in Twer direkten Einfluss zu nehmen suchte, indem er den ihm genehmen und schließlich siegreichen Kandidaten unterstütze.
Ironie der Geschichte ist, dass dieser Kandidat mich während seines Wahlkampfes zum Gespräch bat, in dem er mich aufforderte, „meine guten Kontakte zur EU“ zu nutzen, um die Finanzierung weiterer Projekte in Twer zu ermöglichen. Meine Erläuterungen des Prozesses von Projektbeantragung und -finanzierung sowie die Beteuerung meiner fast vollständigen Macht- und Einflusslosigkeit in dieser Hinsicht stießen auf taube, und offensichtlich verschlossene, Ohren:
Wenige Tage nach unserem Treffen berichteten mir meine Partner im Zentrum, der Kandidat habe in den örtlichen Medien verlauten lassen, durch seine hervorragenden Kontakte zur EU werde es bald weitere Hilfsprojekte in Twer mit Finanzierung der EU geben.
So ändern sich die Zeiten: Ich fürchte, in heutiger Zeit würden das Zentrum, seine Mitarbeitenden und die Elterninitiative als „Ausländische Agenten“ verunglimpft, und der Mitteltransfer für solche Projekte wäre – wenn nicht völlig unmöglich, so doch zumindest mehr als herausfordernd.
Ein anderes Erlebnis hatte mit dem zweiten Tschetschenienkrieg ab Herbst 1999 zu tun. Sicher aufgrund der auch damals bereits recht einseitigen Berichterstattung standen meine russischen Partner völlig hinter diesem Krieg, bei dem die Millionenstadt Grosny zerbombt und ihre Einwohnerschaft massenhaft getötet oder verwundet wurde.
Es wurde berichtet, dass russische Offiziere den Tschetschenen Waffen und Munition verkauften, mit denen die russischen Soldaten anschließend angegriffen und bekämpft wurden.
Auch erhielt ich durch Berichte und Erzählungen meiner Partner in Twer Einblick in die unmenschliche und völlig schikanöse Behandlung junger russischer Wehrpflichtiger, bis sie selbst lange genug dabei waren, um neue Wehrpflichtige zu quälen.
Sicher möchte ich in keiner Armee und schon gar nicht im Krieg „Dienst tun müssen“, aber die (westlichen) Armeen scheinen gemäß dieser Schilderungen sehr „human“ zu sein.
Die Eltern der gequälten und damals in Tschetschenien oder heute in der Ukraine verheizten Jugendlichen lieben ganz bestimmt auch ihre Kinder – und jeder Tote im Krieg – egal auf welcher Seite – ist ein Opfer zu viel!
Bleibt nur die Frage, wie Kriege am Besten beendet oder – besser noch – in Zukunft verhindert werden können? Und hier habe ich meine persönliche Meinung seit der Großdemo auf der Bonner Hofgartenwiese (LEIDER!!!) ändern müssen.
Nicht zuletzt frage ich mich, wie viele der damals Jugendlichen möglicherweise in den letzten gut 3 Jahren vom Regime Putin in die Ukraine geschickt wurden, und dort möglicherweise traumatisiert, verwundet oder getötet wurden?
Am Ende geht es immer und überall um Menschen, von denen ich einige in beeindruckender Weise kennenlernen und erleben durfte!
Und nicht zuletzt durfte ich erleben, dass Projekte der Entwicklungszusammenarbeit tatsächlich einen sehr positiven Einfluss auf das konkrete und tägliche Leben von Menschen haben können!
Katastrophenhilfe und Ethnologie von Stefan Hagelüken
in 1995 im Holos-Verlag/Bonn erst veröffentlichte Magisterarbeit – hier eingestellt am 10.8.25
Hilslieferung in Eritrea (Foto: StH: 2000)
Da es den Holosverlag in Bonn nicht mehr zu geben scheint, das Thema und die Inhalte meiner Magisterarbeit der Ethnologie jedoch auch heute noch interessant und relevant erscheinen, entschloss ich mich, dieses 1995 im Holos-Verlag veröffentlichte Buch nun in meinem Blog digital anzubieten.
Dabei stelle ich öffentlich folgende Teile des Buches ein, damit Interessierte sich einen ersten Eindruck verschaffen können:
Inhaltsverzeixchnis
Abkürzungsverzeichnis
Vorwort und Einleitung
Schlussbemerkungen und Ausblick
Wen diese Teile neugierig gemacht haben, der kann gegen eine Schutzgebühr von 13 € (zzgl. Porto + Verpackung) die ganze Publikation auf einem USB-Stick bei mir bestellen, indem er/sie ein Mail an Stefan.hagelueken@web.de schickt.
Es ist selbstredend, dass seit dem Schreiben und Veröffentlichen dieses Buches im Jahr 1995 sehr viel geschehen ist, das damals noch nicht berücksichtigt werden konnte. Andererseits enthält das Buch m.E. auch heute noch interessante Gedanken, an denen sich ein Weiterdenken lohnt, oder die Anstoß und Ausgangspunkt auch für heutige Entwicklungen und Diskussionen sein können.
Ich habe mich derzeit dagegen entschieden, das Buch inhaltlich zu überarbeiten bzw. zu aktualisieren. So könnte sich anbieten, dem von mir 1995 bereits erwähnte Konzept der „Verwundbarkeit“ das seitdem erweiterte und in unterschiedlichsten Bereichen (der Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Ökologie) weit diskutierte Konzept der „Resilienz“, also der Widerstandsfähigkeit in Situationen von Verwundbarkeit hinzuzufügen.
Auch in den Politikbereichen „Migration“, sowie der Diskussion um Entwicklungszusammenarbeit hat sich in den vergangenen 30 Jahren seit dem Verfassen und der Erstveröffentlichung des Buches viel getan.
Nicht zuletzt gab es die SDGs (Nachhaltigkeitsziele) im Jahr 1995 noch nicht und selbstredend war seinerzeit das parteipolitische Spektrum in Deutschland, Europa und der Welt noch ein ganz anderes.
Ob ich den ab 2026 bevorstehenden „Unruhestand“ nutze, um das Buch auch inhaltlich zu überarbeiten oder zu erweitern, kann ich derzeit noch nicht versprechen, möchte dies aber auch nicht ausschließen.
Und das Buch wurde vor der deutschen Rechtschreibreform geschrieben, so dass einige Wörter in ihrer Schreibweise möglicherweise etwas befremden könnten 🙂
Nun aber die oben angekündigten Kapitel für einen ersten Eindruck:
1. Inhaltsverzeichnis
Danksagung 1
0. Vorwort und Einleitung 3
1. Katastrophen 7
1.1 Was sind Katastrophen? 7
1.2 Krisenfaktoren, Ursachen, Krisen und Katastrophen 9
1.3 Die Auswirkung der sich verschärfenden Situation auf die Betroffenen 10
1.4 Krisensituationen und ihre Dynamik von Faktoren über Ursachen bis hin zu Krisen und Katastrophen 11
1.4.1 „Naturkatastrophen“ 11
1.4.2 Kriege und Bürgerkriege 12
1.4.3 Technische Katastrophen 14
1.4.4 Epidemien und Krankheiten 15
1.4.5 Degradation des Ökosystems 15
1.4.6 Überbevölkerung 16
1.4.7 Strukturelle und individuelle Verarmung 19
1.4.8 Flucht und Migration 20
1.4.9 Zusammenbruch von staatlichen, regionalen oder lokalen Strukturen 21
1.5 Das Zusammenspiel von Ursachen bei der Katastrophenentstehung 22
1.6 Der Kontext 23
1.6.1 Der situative Kontext 23
1.6.2 Der zeitliche Kontext 28
1.6.3 Der räumliche Kontext 28
1.6.4 Der kognitive Kontext 29
1.6.5 Der Kontext der Machtverteilung 31
1.7 Verwundbarkeit 32
2. Hilfsmaßnahmen 33
2.1 Ideologien von Hilfsmaßnahmen 33
2.2 Kategorien von Hilfsmaßnahmen 35
2.2.1 Stadium des Eingreifens 37
2.2.2 Ort des Eingreifens 38
2.2.3 Art des Eingreifens 39
2.2.4 Ausgangspunkt der Hilfe 39
2.2.5 Ansatzpunkt der Hilfe 39
2.2.6 Spezifische Fachrichtung des Eingreifens 39
2.2.7 Vorgehen bei Hilfsmaßnahmen 40
2.3 Hilfsorganisationen 41
2.3.1 Indigene Hilfsorganisationen 41
2.3.2 Exogene Hilfsorganisationen 42
2.4 Die Helfer 43
2.5 Die Betroffenen 45
2.6 Voraussetzungen für effektive Hilfsmaßnahmen 45
2.6.1 Der Planungs- und Durchführungsprozess 46
2.6.1.1 Beobachtung 46
2.6.1.2 Frühwarnung 46
2.6.1.3 Analyse 46
2.6.1.4 Zieldefinition 47
2.6.1.5 Identifizierung von Ansatzpunkten für Hilfsmaßnahmen 47
2.6.1.6 Planung der Maßnahmen 47
2.6.1.7 Abstimmung verschiedener Maßnahmen und Maßnahme-träger . 48
2.6.1.8 Durchführung 48
2.6.1.9 Fortlaufende Analyse 48
2.6.1.9.1 Maßnahmen 48
2.6.1.9.2 Weitere Entwicklung in der relevanten Region 49
2.6.1.10 Rückkoppelung dieser Erkenntnisse in Planung und Durchführung 49
2.6.1.11 Zusammenfassung 49
2.6.2 Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit (EZ) 50
2.6.3 Koordinierung von Hilfsmaßnahmen 54
2.6.4 Partizipation der Betroffenen 56
2.6.4.1 Wobei und wie soll beteiligt werden? 59
2.6.4.2 Wer soll beteiligt werden? 61
2.6.4.2.1 Staatliche Stellen und lokale Betroffenheit 61
2.6.4.2.2 Lokale Mitarbeiter 62
2.6.4.2.3 Einheimische Partnerorganisationen 62
2.6.4.2.4 Lokale Autoritäten 64
2.6.4.2.5 Die Bedürftigen 66
2.6.4.2.6 Zusammenfassung 67
2.6.4.3 Innere und äußere Kriterien – Wer soll entscheiden? 68
2.6.4.4 Hilfsorganisationen, Partnerorganisationen und ihre Mitarbeiter 70
2.6.4.5 Partizipative Methoden 71
2.6.5 Auswahl und Qualifizierung von Mitarbeitern 76
3. Ethnologie 77
3.1 Sollen sich Ethnologen in der Praxis benutzen lassen? 78
3.2 Beiträge der Ethnologie zur Katastrophenhilfe 80
3.2.1 Mitarbeit von Ethnologen in der Katastrophenhilfe 80
3.2.1.1. Die Kontextanalyse 80
3.2.1.1.1 Der situative, zeitliche und räumliche Kontext 81
3.2.1.1.2 Der kognitive Kontext 83
3.2.1.1.3 Der Kontext der Machtverteilung 85
3.2.1.2 Evaluierung besonders verwundbarer Individuen und Gruppen innerhalb einer Gemeinschaft 85
3.2.1.3 Beobachtung und Frühwarnung 86
3.2.1.4 Fortlaufende Analyse der Maßnahmen und der weiteren Entwicklung in der relevanten Region sowie Rückkoppelung der Erkenntnisse in Planung und Durchführung 86
3.2.1.5 Partizipation in der Katastrophenhilfe 87
3.2.1.6 Zusammenarbeit internationaler Hilfsorganisationen und ihrer einheimischen Partnerorganisationen bzw. ausländischer und einheimischer Mitarbeitern vor Ort 88
3.2.2 Nutzung und Weiterentwicklung ethnologischer Methoden 91
3.2.2.1 Ethnologische Feldforschung 91
3.2.2.2 Partizipative Methoden 93
3.2.2.3 Netzwerkanalyse 96
3.2.2.4 Techniken der Ethnohistorie 98
3.3 Anforderungen an Ethnologen in der Katastrophenhilfe 100
3.4 Für die Ethnologie als Fachwissenschaft interessante Themenfelder aus der Katastrophenhilfe 101
3.4.1 Kulturwandel 102
3.4.2 Die Begegnung menschlicher Kulturen und Gruppen mit ihrer natürlichen Umwelt 103
3.4.3 Konflikte und Lösungsstrategien in Konfliktsituationen 104
3.4.4 Verwundbarkeit: kulturelle Formen und Gründe ihrer Entstehung .. 105
3.4.5 Kulturelle Institutionen und Gruppen in krisenhaften Situationen 106
3.4.6 Partizipative Methoden in der Katastrophenhilfe 106
3.5 Krisenethnologie: Ein neues Sachgebiet? 107
4. Zusammenfassung 109
5. Schlussbemerkungen und Ausblick 115
6. Literatur 117
Abkürzungsverzeichnis
AT Appropriate Technology (Angepaßte Technologie)
BMZ Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit
DED Deutscher Entwicklungsdienst
DRK Deutsches Rotes Kreuz
DSE Deutsche Stiftung für Internationale Entwicklung
EU Europäische Union
EZ Entwicklungszusammenarbeit
EZE Evangelische Zentralstelle für Entwicklungshilfe
GTZ Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
IDNDR International Decade for Natural Disaster Reduction (von den Vereinten Nationen 1989 ausgerufene Dekade)
IKRK Internationales Komitee vom Roten Kreuz
MHD Malteser-Hilfsdienst
NGOs Non-Governmental Organisations (Englisch für NROs)
NROs Nicht-Regierungs-Organisationen
PRA Participatory Rural Appraisal (Schönhuth und Kievelitz folgend im Rahmen dieser Arbeit: Partizipatory Appraisal)
PTD Participatory Technology Development
ROs Regierungsorganisationen
THW Technisches Hilfswerk
UN United Nations = Vereinte Nationen
UNITAF United Nations Task Force (for Somalia)
UNHCR United Nations High Commissioner for Refugees
UNOSOM United Nations’ Operation in Somalia
Vorwort und Einleitung
Das vorliegende Buch ist eine Überarbeitung einer im Februar 1995 an der Universität zu Köln im Fach Ethnologie vorgelegten Magisterarbeit. Hierbei wurden neben geringfügigen Veränderungen und Ergänzungen in allen Teilen der Arbeit vor allem die Kapitel 2.6.4.5 „Partizipative Methoden“ sowie 3.2 „Beiträge der Ethnologie zur Katastrophenhilfe“ erweitert.
Die Anzahl und Schwere der Katastrophen nehmen ständig zu. Waren es in den 70er und 80er Jahren jene Katastrophen in der Sahelzone und speziell aus dem Sudan und Äthiopien, so stellten Kurdistan 1991, Somalia in den Jahren 1992/93 und Ruanda 1994 Dimensionen bislang nicht gekannten Ausmaßes dar. Auch in Ex-Jugoslawien und in der ehemaligen Sowjetunion sowie in Angola, Kambodscha und Kuba befinden sich z.T. langanhaltende Krisenherde mit beinahe unvorstellbarem Leid für die Betroffenen. Die Versuche der Vereinten Nationen, diese Krisen zu beenden, muten fast als ohnmächtige Versuche an.
Auch während der Erstellung dieser Arbeit kam es zu katastrophalen Situationen an vielen Stellen der Welt (die Flüchtlingssituation in Zaire, in Kuba und Haiti, die Pestepidemie in Indien, die Bürgerkriege in Bosnien-Herzegowina und Tschetschenien, erneute kriegerische Handlungen in Somalia und Burundi, das Erdbeben in Japan u.v.a.m.).
Darüber hinaus beschäftigt sich auch die internationale Öffentlichkeit mehr und mehr mit den Ursachen solcher Ereignisse – etwa auf der Rio-Konferenz, auf der Kairo-Konferenz, durch die International Decade for Natural Disaster Reduction (IDNDR), durch die UN-Einsätze zur Friedenserhaltung und Friedensschaffung in Somalia, Ex-Jugoslawien, Ruanda u.a.m. Diese Diskussion wird mittlerweile über die eigentliche Fachöffentlichkeit hinaus geführt.
Ebenso traten Hilfsmaßnahmen verstärkt ins öffentliche Bewusstsein und wurden z.T. sehr kontrovers diskutiert. Dies zeigte sich am Beispiel des Bundeswehreinsatzes in Somalia ebenso wie bei anderen UN-Einsätze sowie bei der CARE-Deutschland-Aktion in den ruandischen Flüchtlingslagern in Zaire. Auch wurde und wird ein deutsches Hilfskorps und weiterhin die künftige Rolle der Bundeswehr erörtert.
Mein Studium der Ethnologie unterbrach ich dreimal, um in Maßnahmen der Katastrophenhilfe mitzuwirken. Dabei war ich zunächst im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen in Armenien, anschließend in der Soforthilfe in Somalia und im Südsudan und schließlich in der Rehabilitation in Somalia tätig.
Einerseits ermöglichten mir diese praktischen Tätigkeiten ethnologische Anregungen und eine Fülle von Anschauungsmaterial für die Studienzeit in Köln. Andererseits musste ich mich jedes Mal wieder auf die völlig anderen Tätigkeiten und Themenfelder eines Studiums derEthnologie einstellen, und manches Mal fragte ich mich nach der praktischen Relevanz der an der Universität vermittelten Lehrinhalte. In gewisser Weise bewegte ich mich zwischen zwei Welten, wobei die Umstellung von der Universität zur Praxis in der Katastrophenhilfe mir meist weit leichter fiel als umgekehrt. Dennoch empfand ich nach einer Weile gerade diesen Wechsel als sehr interessant und fruchtbar.
So gesehen stellt diese Arbeit einerseits den Versuch dar, ethnologische Theorie und die Praxis der Katastrophenhilfe, aber auch die in der Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit (EZ) theoretisch diskutierten Fragen in eine systematische Arbeit einfließen zu lassen. Andererseits gab sie mir auch die Möglichkeit, viele Aspekte der in der Praxis gemachten Erfahrungen zu reflektieren und zu verarbeiten.
Innerhalb der deutschen Ethnologie hat das Thema Katastrophen und Katastrophenhilfe bislang relativ wenig Aufmerksamkeit gefunden. Zwar arbeiten einige Ethnologen für und in Hilfsorganisationen – dann jedoch häufig in fachfremden Funktionen. Zwar gibt es einige Beiträge über lokale Bewältigungsstrategien und lokales Wissen, über Konflikte und Konfliktlösungsstrategien, zwar beginnt auch innerhalb der Katastrophenhilfe langsam eine Diskussion über Partizipation der Betroffenen, zu der auch Ethnologen beitragen, doch hat dieses Themenfeld meines Wissens bislang noch keinen Eingang in die Universitäten und die Lehre gefunden. Auch ist mir keine systematische ethnologische Arbeit zu diesem Thema bekannt. Mit dem z.T. verwandten Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) beschäftigt sich auch die deutsche Ethnologie seit einigen Jahren weit mehr. In der EZ sind weit mehr Ethnologen tätig. Verschiedene Veranstaltungen – auch in Köln – beschäftigen sich mit der EZ, und es gibt mittlerweile eine Reihe von Texten zu Problematiken der EZ, die von Ethnologen verfasst worden sind. Da im Gedankengang dieser Arbeit EZ und Katastrophenhilfe verwandte Bereiche sind (vgl. 2.6.2), werden auch solche Quellen und Diskussionspunkte über die EZ herangezogen und berücksichtigt.
Darüber hinaus liegen dieser Arbeit ethnologische Literatur, eigene Arbeitserfahrungen, Gespräche mit Kollegen sowie nicht-ethnologische Literatur aus den Bereichen Katastrophenhilfe und EZ zugrunde.
Das Thema „Katastrophenhilfe und Ethnologie“ gliedert sich in drei Hauptteile. Zunächst stellt sich die Frage, was Katastrophen sind und welche Formen sie haben. Folglich geht das erste Kapitel von der These aus, dass zwischen Krisen und Katastrophen zu unterscheiden ist. Es werden katastrophale Entwicklungen, ihre Genese von Krisenfaktoren bis hin zur Katastrophe sowie verschiedene Arten von Krisenfaktoren und deren Dynamik und Zusammenspiel beleuchtet. Anschließend wird erläutert, wie jede Katastrophe in einen spezifischen Kontext eingebettet ist, der sowohl bei ihrer Genese als auch bei ihren Auswirkungen und Möglichkeiten der Bewältigung eine wichtige Rolle spielt. Dieser wird in fünf Kontextteile gegliedert. Am Ende des ersten Kapitels wird das Konzept von Verwundbarkeit vorgestellt.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Hilfsmaßnahmen. Dabei werden zugrundeliegende Ideologien der Hilfsorganisationen angedeutet und die Hilfsmaßnahmen ebenso wie die Hilfsorganisationen in verschiedene Kategorien und Gruppen eingeteilt. Anschließend wendet sich die Arbeit verschiedenen bei Hilfsmaßnahmen relevanten Personengruppen zu – den Helfern oder Mitarbeitern von Hilfsorganisationen sowie den Betroffenen. Ausgehend von der These, dass eine größere Effizienz und Effektivität bei Hilfsmaßnahmen erreicht werden könnte, beschäftigt sich das Kapitel 2.6 mit den Voraussetzungen effektiver Hilfsmaßnahmen und beleuchtet dabei den Planungs- und Durchführungsprozess von Maßnahmen, das Zusammenwirken bzw. Getrennt Sein von Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit (EZ), Chancen und Grenzen sowie mögliche Formen der Koordinierung von Hilfsmaßnahmen, der Beteiligung der Betroffenen an Planung und Durchführung von Maßnahmen und der Auswahl und Qualifizierung von Mitarbeitern.
Im dritten Kapitel wird die Ethnologie im Zusammenhang mit der Katastrophenhilfe beleuchtet. Dabei beantwortet der Autor aus seiner Sicht zunächst die Frage, ob Ethnologen in der Katastrophenhilfe mitarbeiten und ihre Erkenntnisse der Anwendung in der Katastrophenhilfe öffnen sollten. Anschließend beschäftigt sich diese Arbeit sowohl mit den möglichen Beiträgen von Ethnologen zur Katastrophenhilfe als auch mit jenen Aspekten aus krisenhaften Situationen, die für die Ethnologie als Wissenschaft interessant und für die ethnologische Forschung und Theoriebildung nutzbringend sein könnten. Des weiteren werden einige Anforderungen an Ethnologen, die in der Katastrophenhilfe mitwirken wollen, dargelegt sowie die Frage nach dem Erfordernis einer neuen ethnologischen Teildisziplin – Krisenethnologie – negativ beschieden.
Arabische Zahlen in Klammern – z.B. (2.6.3.4) – stellen Querverweise auf andere Teilkapitel dieser Arbeit dar.
Der Leser findet nach dem Inhaltsverzeichnis ein Abkürzungsverzeichnis, in denen die benutzten Abkürzungen aufgeführt sind.
Die Zusammenfassung des Kapitels 4 gibt einen Überblick des Gedankengangs dieser Arbeit und ermöglicht dem Leser zusammen mit dem Inhaltsverzeichnis einen ersten Einstieg in die behandelte Thematik.
Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass ich auch Ethnologinnen meine, wenn ich von Ethnologen schreibe und Mitarbeiterinnen, wenn ich Mitarbeiter benutze. Aufgrund des gängigen Gebrauchs der deutschen Sprache habe ich, wo es ging geschlechtsneutrale Formen (wie Bildungsfachleute oder Fachpersonal) benutzt, ansonsten jedoch der Einfachheit halber und zwecks besserer Lesbarkeit die Formen des generischen Maskulin verwandt.
Schlussbemerkungen und Ausblick
Diese Arbeit beansprucht für sich keine Vollständigkeit der in der Katastrophenhilfe wichtigen Aspekte. Auch bedürfen viele der angesprochenen Punkte der tieferen Diskussion.
Es soll an dieser Stelle betont werden, dass in dieser Arbeit keinesfalls von einer generellen Möglichkeit ausgegangen wird, alle Katastrophen zu vermeiden. Katastrophenhilfe, und sei sie noch so präventiv, wird niemals erreichen können, dass keine Katastrophen mehr entstehen. Dennoch kann und soll sich die internationale Gemeinschaft (Regierungen, Hilfsorganisationen, Mitarbeiter, Wissenschaftler und Spender) bemühen, die Folgen dieser Vorkommnisse für die davon Betroffenen möglichst gering zu halten.
Das zur Zeit jüngste Beispiel, scheinbar vergeblicher Bemühungen, Katastrophen in den Griff zu bekommen, hat sich Mitte Januar 1995 in Kobe (Japan) ereignet. Zunächst scheint es bittere Ironie zu sein, wenn man auf dem Hintergrund dieser Ereignisse den Artikel „Japan: preparing for the worst gives best results“1 liest, der nicht einmal ein Jahr vor der Katastrophe geschrieben wurde. Dennoch bleibt uns nichts anderes übrig, als aus den Erfahrungen zu lernen und die festgestellten Mängel bei künftigen Präventivmaßnahmen zu berücksichtigen. Auch hätte dieses Beben ohne die japanischen Bemühungen um erdbebensicheres Bauen und andere Präventivmaßnahmen sicherlich weit verheerendere Auswirkungen gehabt. Des weiteren wurde in den Medien über Betrugsfälle bei den Bauausführungen berichtet, deren negativer Einfluss auf die Folgen des Erdbebens an dieser Stelle nicht verifiziert und nicht quantifiziert werden können.
Ein positives Beispiel präventiver Bemühungen ist Äthiopien seit dem Sturz Mengistus2. Äthiopien war über zumindest zwei Jahrzehnte der Weltöffentlichkeit als Katastrophengebiet bekannt und geradezu das bekannteste Beispiel für Dürre, Hunger und Tod. Es schien, dass Äthiopien und seine Menschen für immer von ausländischer Hilfe abhängig sein würden. Die Entwicklungen nach der Wahl ohne Oposition3, d.h. die vorausgesehenen Probleme nach der Wahl am 7. Mai 1995 in Äthiopien, bei deren Vorbereitung sich die revolutionäre demokratische Front des äthiopischen Volkes (EPRDF) offensichtlich wenig demokratisch verhält und möglicherweise diesbezüglich erneut die Fehler Mengistus begeht, müssen abgewartet werden. Allgemein sind die Prognosen leider nicht sehr gut.
Allerdings bemühen sich die Verantwortlichen in Äthiopien seit 1991 ernsthaft, Eigenverantwortung wahrzunehmen und präventive Maßnahmen einzuleiten. Die Weltgemeinschaft und die Hilfsorganisationen sollten Äthiopien bei derartigen Unternehmungen unterstützen.
Auch Uganda scheint nach Jahrzehnten von Bürgerkrieg und Elend eine überaus positive Entwicklung durchzumachen, wie ich mich 1994 selbst überzeugen konnte und mir von allen Ugandern, die ich traf, bestätigt wurde.
Es gibt also positive Entwicklungen auch dort, wo man es kaum noch für möglich gehalten hätte. Das schließt keineswegs aus, dass auch diese Länder und Regionen wieder von Katastrophen betroffen sein können.
Selbst Deutschland unterliegt einem solchen Risiko. Die beiden Weltkriege können sicherlich als katastrophale Ereignisse auch für die Bevölkerung in Deutschland gesehen werden. Mölln und Solingen betrafen unmittelbar nur wenige Menschen, doch stellen diese und andere derartige Ereignisse für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung in Deutschland (Ausländer und deren Nachkommen) zumindest eine schwere Krise dar. Diese Krise ist eindeutig von Menschenhand verursacht. Im Spannungsfeld von Politik, wirtschaftlichen und anderen Interessen fällt uns die Lösung dieser Krise im eigenen Land überaus schwer. Viele dieser Menschen leben in Deutschland, weil sie vor anderen Krisen und Katastrophen geflohen sind, was erneut die Komplexität und weltumspannende Bedeutung solcher Probleme deutlich macht.
Offensichtlich ist nicht alles in den Griff zu bekommen, doch ist dies kein Argument gegen das Bemühen, krisenhafte Situationen zu analysieren und präventiv tätig zu werden. Hilfsmaßnahmen sind ein nicht zu verachtender Wirtschaftsfaktor nicht nur in Deutschland. Es werden Gelder und andere Ressourcen in diesem Bereich mobilisiert und eingesetzt. Dies wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Sicherlich gibt es auf diesem Markt schwarze Schafe, sehr einseitige Interessen von Einzelpersonen und Organisationen und somit eine Verschwendung der zur Verfügung stehenden Mittel, die angesichts weltweit zunehmender Probleme eher knapper werden.
Es gibt aber auch eine Diskussion in der Fachöffentlichkeit – und zunehmend auch in der Medienöffentlichkeit – über Ansätze, Methoden, Möglichkeiten und Grenzen der Katastrophenhilfe. Gängige Denkmuster werden hinterfragt, es wird geforscht und neue Instrumente und Vorgehensweisen werden entwickelt, diskutiert und eingeführt. Vielleicht ist hier Sisyphos am Werk, doch meine ich, dass sich solche Bemühungen im Interesse der von Krisen und Katastrophen betroffenen Menschen sehr wohl lohnen und weitergeführt werden sollten. Gerade diese Diskussion bietet auch ein breites Betätigungsfeld für die Ethnologie. Sie hat, aus ihrem Blickwinkel und von ihren theoretischen Erkenntnissen her betrachtet, viel beizutragen. Ethnologische Theorie und die Praxis der Katastrophenhilfe zusammenzubringen, kann für beide Seiten fruchtbar sein. Diese Arbeit soll dazu ein kleiner Beitrag sein.
1 United Nations Department of Humanitarian Affairs, 1994a.
2 Vgl. United Nations Department of Humanitarian Affairs, 1994b sowie Transitional Government of Ethiopia, 1993a und b.
Aus der Aktualität bedingte Erinnerung (zurückversetzt ins Jahr 1991)
Der Nil vom Buschflugzeug aus (Foto: StH 1991)
Als Paul im April 2023 von der Evakuierung von Ausländern aus Khartum und dem Sudan in den Medien hörte, fühlte er sich gut 3 Jahrzehnte zurückversetzt:
Ende 1991: Paul flog mit einer von einer internationalen Hilfsorganisation angemieteten DC3 von der logistischen Basis Lokichoggio in Nord-Kenya zurück nach Leer im Unity State des Süd-Sudan. Hier war er seit einigen Wochen als humanitärer Helfer eingesetzt und verteilte Hilfsgüter wie Wolldecken und Küchenutensilien. In den letzten Wochen hatte er den Bestand der in einem großen Zelt untergebrachten Hilfsgüter dokumentiert. Diese Inventur erleichterte es, zusammen mit der Logistik-Abteilung in Lokichoggio die dringendsten Lieferungen in Buschfliegern festzulegen.
DC3 im Morgenlicht in Lokichoggio (Foto: StH – 1991)
In dem Zelt unter der Plane war es drückend heiß, und so rannen viele Schweißbäche sein Gesicht, seinen Nacken und Rücken herab.
Ethnien und Fraktionen (Hintergründe und Zusammenhänge des Bürgerkriegs)
Dinka und Nuer sind Rinderzüchter und liegen miteinander traditionell in Konkurrenz, wobei sie sich in Fehden und Raubzügen gegenseitig Rinder und Frauen rauben. Rinder spielen eine wichtige Rolle, da junge Krieger ohne die als Brautpreis geforderte Rinderzahl nicht heiraten können.
lokale Rinder grasen in überschwemmter Savanne (Foto: StH – 1991)
Im November 1991 war Paul im Auftrag seiner Hilfsorganisation in Bor gewesen, um dort die humanitäre Lage nach dem Angriff der Nasir-Fraktion Mitte November zu erkunden. Dieser Angriff wurde als das „Bor-Massaker“ bekannt . Paul war mit einem Buschflieger etwa Ende November für ein paar Stunden nach Bor geflogen und hatte sich dort mit lokalen Autoritäten unterhalten, die ihm gesagt hatten, sie bräuchten ALLES, da der Feind ihnen ALLES geraubt habe.
Am Landestreifen im Busch in Bor war Paul gewarnt worden, den Bereich der eigentlichen Landefläche auch nicht nur geringfügig zu verlassen, da an dessen Rändern Personenminen lägen, und so konnte er die Situation auch kaum eingehend begutachten, da er sich lediglich auf die Aussagen seiner Gesprächspartner stützen konnte.
Hier in Bor wie auch in Leer waren die humanitären Helfer in ihren Bewegungen überaus eingeschränkt. Sie durften nur sehen, was die Sudanese Relief and Rehabilitation Agency (SRRA), also der „humanitäre“ Arm der südsudanesischen Befreiungsbewegung SPLM unter John Garang oder Riek Machar und Lam Akol für die Nasir-Fraktion, Ausländern erlaubte.
Das Misstrauen gegen Fremde war überaus groß und so war Pauls Bewegungsfreiheit auch in Leer sehr eingeschränkt.
Bewegungs-„Freiheit“
Der Schlaf- und der Bürocontainer im Leer-Compound (Foto: StH – 1991
Dieser Tokul dient als Wohnzimmer, Ess- und Besprechungszimmer (Foto: StH – 1991)
Der Raum des freien Sich-Bewegens in Leer beschränkte sich auf seinen aus einigen Wohncontainern, die ihm „zu Hause“ bzw. Büro dienten und dem Lagerzelt bestehenden Compound. Außerdem durfte er sich zu einem vielleicht 400-500 m entfernten Gebäude der SRRA bewegen, in dem sein Funkgerät stand, über das er täglich zu festgelegten Zeiten Kontakt mit seiner logistischen Zentrale in Lokichoggio in Nord-Kenia hielt. Es war davon auszugehen, dass diese Gespräche abgehört wurden, aber sie waren wichtig, um die benötigten Hilfsgüter zu bestellen.
Ein „Buschflieger“ wird betankt – Foto: StH (1991)
Hilfsgüter wurden mit Buschflugzeugen von Lokichoggio in die Einsatzorte wie Leer, Pochalla, oder Nasir transportiert. Die kleinen Flugzeuge wie eine Cesna, eine Twin Otter oder etwas größere Flugzeuge mit mehr Ladekapazität wie eine DC3 und eine Buffalo landeten auf in die Buschlandschaft gerodeten und nur notdürftig für die Landung der Buschflieger planierten Landestreifen. Diesen Landestreifen in Leer konnte Paul außerdem zu den Zeiten der Hilfsgüterankünfte betreten, wobei er dabei stets in Begleitung war.
Außer diesen Orten durfte er lediglich den am örtlichen Krankenhaus gelegenen Compound einer weiteren internationalen Hilfsorganisation relativ frei und ohne vorherige Einholung einer Genehmigung aufsuchen. Das tat er gerne nach dem Arbeitstag, um mit den dort lebenden und arbeitenden Europäern ein Schwätzchen bei einer kühlen Dose Bier zu halten oder ein wenig Federball zu spielen. Auch der Austausch von Nachrichten war wichtig und willkommen. Dies insbesondere, wenn eine/r der Helfenden aus Lokichoggio oder gar Nairobi zurückgekehrt war, Von seinen niederländischen Mithelfenden wusste Paul, dass es etwa 80 km jenseits der Überschwemmungsgebiete eine weitere Niederlassung jener Hilfsorganisation gab.
Überschwemmungsgebiet vom Buschflieger aus (Foto: StH – 1991)
Wie jedes Jahr war auch in der derzeitigen Regenzeit das Umland nur wenige km von Leer entfernt überschwemmt, so dass man sich nur zu Fuß durch teilweise achselhohes Wasser oder mit einem Boot oder Flugzeug von einem Ort zum anderen bewegen konnte. Flugzeug und Boot (Barkasse) waren nicht verfügbar, mit einem Auto, selbst einem Geländewagen, war ca. 20 km nördlich von Leer Endstation. Der Fußweg wäre sicher kein Vergnügen, das wusste Paul, aber es wäre von Leer aus der nächste Zufluchtsort gewesen.
In Pauls Compound waren ein lokaler Koch, ein Mechaniker zur Wartung der Fahrzeuge und ein oder zwei weitere Lokalkräfte angestellt, sicher alle mit Berichtspflicht gegenüber der SPLA/SRRA. Mit dem „Verbindungsmann“ der SRRA traf Paul sich regelmäßig. All das diente sicherlich auch seiner Beobachtung, um nicht „Überwachung“ zu sagen.
Alltag eines „Expatriates“
Der Koch bereitete ihm auch sein stets köstliches und höchst abwechslungsreiches Menu, das einen Tag aus Reis mit Erbsen und Möhren aus der Dose bestand, am Folgetag dann zur Abwechslung aus Reis mit Möhren und Erbsen aus der Dose. Bisweilen war das Gemüse höchst schmackhaft mit Dosenpilsen angereichert. Ein Festmahl erwartete Paul, wenn gerade mit einem der Hilfsgütertransporte eine Kühlbox mit einer frischen Mango oder Ananas angekommen war, Kulinarische Abwechslung gab es lediglich, wenn er für ein Wochenende oder zu Besprechungen nach Lokichoggio flog.
Dort lebten einige Dutzend humanitäre Helfer dauerhaft oder sie hielten sich wie Paul vorübergehend aus ihren Arbeitsorten in verschiedenen Regionen des Süd-Sudans kommend dort auf. Es gab im dortigen, recht kargen und von Maschenzaun umgebenen Gelände im Siedlungsland der Turkana ebenfalls nur recht eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten außerhalb des Lagers, aber wenigstens gut gebaute lokale Rundhütten, die als Tokul bezeichnet wurden. In den Tokuls konnten die Helfenden in richtigen Betten schlafen und mussten dies ein paar Nächte nicht auf Feldbetten tun.
Ein beliebtes Ziel am Abend war ein Aussichtspunkt in den nahegelegenen Hügeln, von wo man den Sonnenuntergang beobachten konnte. Auch bot sich in Lokichoggio die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Abend mit anderen Delegierten bei Musik und einem kühlen Bier sowie tatsächlich guter und abwechslungsreicher Kost, die gewöhnlich auf einem Buffet aufgebaut war.
In der Nähe von Lokichoggio (Foto: StH (1991)
Der Süd-Sudan (politisch) damals und heute
Der Süd-Sudan wurde erst 2011 unabhängig vom Nord-Sudan, und war in den 1990er Jahren noch Teil des von Karthum regierten Sudans.
Bevor Paul diesmal nach Lokichoggio geflogen war, hatten in der Nähe von Leer Kämpfe mit angeblich etwa 3.000 angreifenden Dinkasoldaten der Garang-Fraktion unter dem Kommando von William Nyong begonnen. Diese seien mit Barkassen von Bor aus den Nil runter zur nahe Leer gelegenen Anlagestelle gekommen, und bewegten sich von dort aus auf Leer zu. Als Herkunftsort von Riek Machar war Leer von hoher symbolischer Bedeutung und vermutlich war dieser Gegenangriff auch eine Reaktion auf den wenige Wochen zuvor ausgeführten Angriff der Nuer auf Bor.
Natürlich hatte Paul seinen Chefs in Lokichoggio hiervon berichtet, allerdings nicht per Funk, sondern in seinem mit den Fliegern transportierten Situationsberichten, die nicht so leicht vom lokalen Geheimdienst ausspioniert werden konnten. Überhaupt musste Paul bzgl. seiner Mitteilungen über Funk sehr vorsichtig sein, und Mitteilungen über die militärische Lage waren absolut tabu. War die Kurzwellen-Funkverbindung mal wieder schlecht bis sehr schlecht, mussten die Nachrichten nach und von Lokichoggio mühsam im Nato-Alphabet Buchstabe für Buchstabe übermittelt werden. Dann musste Paul sowie die Funkenden auf der anderen Seite die einzelnen Buchstaben mitschreiben. Nur für bestimmte häufige Wendungen gab es allgemein bekannte Abkürzungen. So stand „asap“ für „as soon as possible“, also baldmöglichst.
Nun war Paul für einige Tage in der Basis in Lokichoggio gewesen, um über die Situation in Leer zu berichten, und gemeinsam mit der Logistikabteilung festzulegen, welche Hilfsgüter prioritär in Leer benötigt wurden und dorthin transportiert werden sollten. Das dortige etwas komfortablere Leben mit guten Betten und Essen und den anderen internationalen Helfenden, von denen einige durchaus Freunde geworden waren, hatte er genossen.
Eine gute Frage: „Warum macht Ihr das?“
Einmal, vor einigen Wochen, war ein Journalist im Lager in Lokichoggio gewesen, der angesichts der auch dort nicht gerade luxuriösen Bedingungen die Helfenden fragte, warum sie diese Arbeit überhaupt gewählt hatten. Das war keine schlechte Frage! Die sicher höchst individuellen Antworten reichten von „andere Kulturen und Weltgegenden kennenlernen“ bis zu „ich muss Geld verdienen, um überhaupt eine Chance zu haben, die Schulden meines pleitegegangenen Betriebes oder nach der Scheidung jemals begleichen zu können“. So war ein Schweizer Handwerker mit seinem Betrieb auf einer Baustelle ordentlich mit Arbeit und Material in Vorleistung getreten. Dann ging sein Schuldner in Konkurs und so war auch sein eigener Konkurs unausweichlich.
Natürlich gab es auch reinen Altruismus, und bei dem Ein oder der Anderen Wurzellosigkeit, da sie bereits zu lange in der humanitären Welt herumreisten, ohne noch einen Anker in irgendeinem Hafen zu haben. Überhaupt hörte man nach seiner Rückkehr von Freunden und Familien häufig „Toll, das könnte ich nicht, aber muss doch sehr interessant sein.“ Doch wirklich verstehend sich unterhalten konnte man sich eigentlich nur mit anderen humanitär Helfenden. Paul sagte für sich selbst, es sei eine Mischung aus Abenteuerlust, Berufung und Idealismus. Er war sich jedoch sicher, dass weder reiner Idealismus noch reiner Altruismus längerfristig gesund waren. Letztlich brauchten Helfende seiner Meinung nach eine gesunde Mischung aus Idealismus und Professionalität. Ohne Idealismus setzte man sich derartigen Situationen wohl kaum längerfristig aus. Ohne Professionalität verfiel man angesichts des erlebten Leidens in Frust oder Sarkasmus und Zynismus. Beispiele all dieser Gattungen hatte Paul bereits getroffen, und dann noch jene ewig Rastlosen und Ruhelosen, die vor irgendetwas zu fliehen schienen und wirklich nirgendwo mehr zu Hause sein konnten. Im Feld schwärmten sie von ihrem Herkunftsort, und dort vom Feld.
Zurück ins „Feld“
In Lokichoggio war Paul bei diesem Aufenthalt gefragt worden, ob er denn meine, angesichts der Lage nach Leer zurückkehren zu können. Ihm schienen die Kämpfe gemäß der zu hörenden Schüsse und zu erhaltenden Informationen jedoch noch ziemlich weit entfernt, so dass keine unmittelbare Gefahr für die eigentlich ohnehin durch das humanitäre Völkerrecht geschützten Helfenden zu bestehen schien.
Und so stand Paul am Montagmorgen sehr früh auf und war bereits gegen 6.00 Uhr fertig für den Rückflug nach Leer. Der Pilot war heute Gerhard, ein Österreicher und ein Mitglied des Pilotenteams, das ebenso wie Paul von der Hilfsorganisation angestellt war. Gerhard sagte ihm noch, er solle Bescheid sagen, sollte es zu gefährlich werden, dann käme er ihn evakuieren. Und nun erwartete Paul in Leer noch wichtige humanitäre Arbeit.
Insbesondere mussten aus dem großen Übergangslager in Pochalla im Osten des Süd-Sudans rückkehrende, süd-sudanesischen Familien nach ihrer Ankunft in Leer mit einer Grundausstattung für den Neubeginn versorgt werden.
Internally Displaced Persons und regionale Verflechtungen
Nach dem Sturz des äthiopischen Diktators Mengistu Haile Mariam im Jahre 1991 waren mehrere zehntausend Menschen, die sich zuvor vor dem Bürgerkrieg im Sudan fliehend in äthiopischen Flüchtlingslagern aufgehalten hatten, nach Pochalla ganz im Osten des Süd-Sudans geflohen.
Durch diesen massiven Zuzug in kurzer Zeit war die Bevölkerung dieses kleinen Ortes innerhalb von Wochen von einigen Tausend Bewohnenden auf fast 50.000 Menschen angewachsen. Selbstverständlich waren die natürlichen Ressourcen dieser Kleinstadt hoffnungslos überlastet. Selbst essbare Rinde, Wurzeln und Blätter waren bereits erschöpft.
Und so wurden Hilfsmittel wie die gemäß der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation zusammengestellten Grundration an Nahrungsmitteln per Flugzeugen aus Lokichoggio herantransportiert. Einige Güter wie die Kanister mit Speiseöl wurden mit landenden Maschinen gebracht, von denen eines eine generalüberholte DC3 war. Dieser Flugzeugtyp hatte bereits während der Berliner Luftbrücke Berühmtheit als „Rosinenbomber“ erworben. Auch in Vietnam war die DC3 massenweise eingesetzt und Dan, ein anderer der für die internationale Hilfsorganisation fliegenden Piloten aus den USA, hatte diesen Typ in Vietnam geflogen und kannte diese Maschine und ihre Flugeigenschaften sehr genau.
Einige Güter, insbesondere Mais und Bohnen wurden von den Transportmaschinen aus der Luft über einem markierten und für die Bevölkerung abgesperrten Gelände aus der Heckklappe abgeworfen. Dabei waren die Güter auf Holzpaletten derartig verpackt, dass die Bänder um die Nahrungsmittelsäcke, die diese an die Palette banden, von der nachfolgend aus dem Heck fallenden Palette aufgezogen wurden. Dadurch prallten die Säcke nicht noch auf der Palette montiert auf den Boden, was die Säcke hätte aufplatzen und die Nahrungsmittel verstreut hätte. Stattdessen fielen die Säcke einzeln auf die Abwurffläche, so dass nur wenige Säcke aufplatzten.
Aus dem Buschflieger werden in Pochala auf Paletten gepackte Säcke mit Mais oder Bohnen als Nahrungshilfe abgeworfen (Foto: StH – 1991)
Die Säcke lösen sich von den Paletten und „rieseln“ zu Boden, wo eine Fläche abgesperrt ist (Foto: StH – 1991)
Die Säcke selbst waren von der lokalen Bevölkerung als praktische und relativ reißfeste Verpackung sehr begehrt und waren derart auch auf dem lokalen Markt zu finden. Die Menschen durften einige Zeit nach dem Abwurf das zuvor abgesperrte Terrain betreten, und sammelten die Nahrung der doch aufgeplatzten Säcke gewissenhaft auf, auch um daraus lokales Bier zu brauen. Ansonsten wurden festgesetzte Lebensmittelrationen an die Familien der nach Pochalla Vertriebenen sowie der bereits traditionell dort lebenden Familien verteilt.
Ohne diese internationale Hilfe per Luftbrücke wäre das Überleben der einheimischen und zugezogenen Bevölkerung überhaupt nicht möglich gewesen. Und auch jetzt noch hielten die Krankenschwestern im Lager allzu oft und trotz aller Bemühungen Kinderleichname in den Armen, was eine sehr schwere psychische Belastung darstellte, die erneut nur durch eine gesunde Mischung aus Idealismus und Professionalität zu ertragen war. Natürlich gab es auch die wunderbaren Momente, wenn ein zuvor fast verhungertes Baby wieder zu Kräften gekommen war und die Schwestern babbelnd anlächelte und nach ihrem Finger griff.
Nach einigen Monaten dieser Luftbrücke war von lokalen Behörden und Hilfsorganisationen entschieden worden, das wild gewachsene Flüchtlingslager langsam aufzulösen, und die Familien in ihre Herkunftsgebiete zurückzuführen.
Und so machten sich auch einige hundert Familien auf den Weg in die Unity-Region um Leer. Sie liefen wochenlang zu Fuß, wobei die internationale Hilfsorganisation unterwegs versuchte, in wenigen Durchgangsstationen zumindest ein wenig Unterstützung durch frisches Wasser, Nahrungsmittel und eine medizinische Grundversorgung bereitzustellen.
Einige LKWs bringen Nahrungsmittel Wasser und Basismedikamente zu einen provisorisch eingerichteten Durchgangslager (Foto: StH – 1991)
Vom Überleben der Starken und dem Tod der Schwachen
Diese Familien hatte Paul vor Kurzem in Leer empfangen, registriert und ihnen Lebensmittelkarten ausgegeben, sowie ihnen Hilfsgüter wie Decken und Kochutensilien verteilt. Er hatte sich gewundert, dass fast alle Ankommenden zwischen 15 und 50 Jahren alt waren, bis ihm erklärt wurde, dass die Älteren und viele Kinder die strapaziöse und entbehrungsreiche Wanderung schlicht nicht überlebt hatten. Natürlich hatte es unterwegs auch Überfälle und Vergewaltigungen gegeben, leider allzu „normal“ in Kriegszeiten.
Und nun war Paul also wieder in Leer und konnte seine humanitäre Arbeit fortsetzen, die dringend erforderlichen Hilfsgüter hatte er in Lokichoggio bestellt und sie würden in den nächsten Tagen eigeflogen werden.
Nachts hatte Paul wieder Schüsse gehört, die nun näher zu sein schienen als vor seiner Abreise. Der Kommandant von Leer verfügte nach den Informationen, die Paul von den Niederländern erhalten konnte, über Krieger und Gewehre, aber nicht über ausreichend Munition. Die Munition wurde dringend per Airdrop, also den Abwurf aus Flugzeugen, aus Karthum erwartet. Die Allianzen im Sudan waren überaus wechselhaft und nicht leicht zu verstehen, bedenkt man, dass John Garang und die Nasir-Fraktion unter Riek Machar und Lam Akol noch vor Kurzem gemeinsam gegen die Zentralregierung in Khartum gekämpft hatten, aber so war nun mal die Paul geschilderte Information.
Nachdem Paul nach einer warmen Nacht im Schlafcontainer einen Arbeitstag mit den üblichen Verwaltungsaufgaben verbracht hatte, stellte Paul morgens fest, dass zwei seiner drei Kraftfahrzeuge sowie einige Stühle aus seinem Besprechungstokul verschwunden waren. Lediglich einen Pickup fand er morgens ohne Räder auf Steinen aufgebockt noch vor.
Die (militärische) Lage und ihre Erfordernisse
Paul begab sich zum Compound des lokalen Kommandanten, nachdem er die vermissten Pickups seiner Hilfsorganisation mit Soldaten der Verteidigungstruppen hatte in Richtung Front fahren sehen. Paul verwies auf das humanitäre Völkerrecht, doch der Kommandant hatte lediglich darauf verwiesen, dass die Umstände ihn zu diesem Verhalten zwängen. Paul, der in einem der ebenfalls verschwundenen Stühle seiner Hilfsorganisation dem in einem weiteren dieser Stühle sitzenden Kommandanten gegenübersaß, sagte, er betrachte dann die Autos als gestohlen. Der Kommandant antwortete: „Gestohlen“ sei ein derart hässliches Wort, er bevorzuge, es „konfisziert“ zu nennen! Im Ergebnis war das natürlich genau dasselbe, doch war Paul klar, dass eine weitere Diskussion nicht zielführend sein könne. In der Ferne hörte er die Explosionen von Mörsergranaten.
Am frühen Nachmittag kam ein lokaler Mitarbeiter zu ihm, und forderte ihn auf, eine Tasche mit seinen wichtigsten Dingen zu packen, da es sein könne, dass sie vor den Kämpfen aus Leer fliehen müssten. Es gehörte zum Evakuierungsplan, eine Tasche mit Ausweis und Papieren, Waschzeug und ein wenig Kleidung stets gepackt und schnell griffbereit zu haben. Und so packte Paul lediglich noch ein paar persönliche Dinge wie sein Buch, seinen Kurzwellenpfänger, sein Walkie-Talkie, einige Flaschen Trinkwasser sowie einige wichtige Arbeitsunterlagen dazu. Im Landcruiser, der zwar konfisziert worden war, ihm heute aber für eine eventuelle Flucht wieder zur Verfügung stand, war ein Funkgerät installiert, so dass Paul mit der Logistikzentrale in Lokichoggio kommunizieren konnte, solange dieses Fahrzeug sich in seiner Nähe befand.
Seine Kleidung packte er ebenfalls zusammen. Viel benötigte er in Leer ohnehin nicht.
Ja, auch Paul hatte wahrgenommen, dass die Mörser- und Gewehrgeräusche offensichtlich in den letzten Tagen nähergekommen waren, und die lokale Bevölkerung nervös geworden war. Am Spätnachmittag sah Paul viele Männer mit Ballen von Wolldecken auf dem Kopf über den Weg zwischen seinem Compound und dem etwa 200 m entfernten Lagerhauszelt laufen. Als er sich zu diesen Zelt begab, fand er es ohne Planen, und bis auf wenige zwischen den Holzpalletten verstreute Papierpäckchen mit Gemüsesamen vollkommen ausgeplündert vor.
Die im Lagerzelt aufbewahrten Decken, Küchenutensilien und sonstige Hilfsgüter waren inklusive der Zeltplane und Paletten bis auf ein paar Tütchen mit Gemüsesamen einer „spontanen Verteilung“ anheim gefallen (Foto: StH – 1991)
Es versetzte ihm einen Stich, doch wie sagt ein Sprichwort: „Gelegenheit schafft Diebe“, und die sich auflösende Ordnung und einsetzende Flucht war sicher eine derartige Gelegenheit. Zwar mag es einer eitlen europäischen Haltung entspringen, solches Verhalten den „Wilden in Afrika“ vorzuwerfen, doch bei Licht betrachtet, würde Ähnliches sehr sicher auch in Deutschland oder der „entwickelten Welt“ passieren – Vorkommnisse während und nach den Weltkriegen in Europa oder beim Blackout in New York im Jahr 1977 waren nur einige Beispiele hierfür.
Und so wartete er auf das, was kommen würde.
Gegen 17.00 Uhr kam dann der lokale Mitarbeiter und sagte, es sei Zeit zu fliehen, da der Feind sehr nahe sei. Also wurden alle Sachen und ein paar Lebensmittel in den Landcruiser gepackt und Paul, sein Koch und 2 weitere lokale Mitarbeiter fuhren von Leer weg etwa 20 km in den Norden, wo die befahrbare Straße am Rand des Überschwemmungsgebietes in dieser Jahreszeit endete. Dort wurde ein Lager aufgeschlagen und ein Abendessen bereitet, wie üblich aus schmackhaftem Reis mit Möhren und Erbsen aus der Dose.
Gelegenheit macht Diebe in zugespitzten Situationen
Etwas später kommt der Koch zu Paul und sagt, er müsse zurück zum Compound, da er vergessen habe, eine Tür zu schließen. Ob das nicht zu gefährlich sei, fragt ihn Paul. Ach, er passe schon auf. Also wünscht Paul ihm viel Glück und der Koch bricht auf.
Währenddessen bereiten die anderen sich für die Nachtruhe vor, so auch Paul. Gemütlich geht anders als sitzend im Landcruiser zu schlafen, aber etwas schläft er dann doch. Die Schüsse sind von hier aus wieder weiter weg. Allerdings muss Paul darüber nachdenken, was ihn in den nächsten Tagen erwarten könnte.
Sollten die Kampfhandlungen bis zu diesem Ort vorrücken, müssten sie wohl Auto und Funkgerät, also die Verbindung nach Lokichoggio zurücklassen, und müsste versuchen, die überschwemmten Gebiete zu durchqueren, um die Niederlassung der anderen internationalen Hilfsorganisation zu erreichen. Dann konnte er nur hoffen, dass er dort noch jemanden anträfe und von dort aus evakuiert werden könne. Allerdings ist diese Gefahr noch nicht eingetreten, und wird es hoffentlich auch nie?
Warten und Hoffen
Der Koch ist zurück und meint, es sei alles gutgegangen. Nach einem ziemlich kargen Frühstück fahren Paul und der SRRA-Verbindungsmann zum Compound des lokalen Kommandanten, der diesen auch weiter nach Norden und raus aus Leer verlegt hat. Paul fragt ihn, ob er sich nicht evakuieren lassen könne, da er derzeit und ohne Hilfsgüter, die sich ja gestern alle „spontan verteilt“ hatten, ohnehin seine Arbeit nicht ausführen könne, und sich überflüssig vorkomme. Der Kommandant antwortete jedoch, er könne Paul derzeit noch nicht gehen lassen. Paul ist irgendwie klar, dass seine Anwesenheit angesichts des Munitionsmangels der verteidigenden Nuer auch für die Aufrechterhaltung der Kampfmoral wichtig ist. Würde er gehen, wäre es für die verteidigenden Kämpfer ein weiteres Zeichen der Hoffnungslosigkeit. Und so blieb Paul nichts Anderes über, als zu warten. Er verbrachte den Tag mit „Focus on Africa“ in der BBC, etwas Lesen und ein paar Tassen Tee und regelmäßigen Gesprächen alle paar Stunden mit dem Kommandanten, während sie beide in den „konfiszierten“ Stühlen saßen. Natürlich äußerte sich der Kommandant nicht wirklich zur militärischen Lage und immer wieder musste Paul dessen Lager verlassen, wenn er militärische Besprechungen hatte.
Und so ging der Tag im Müßiggang dahin, aber die Kampfhandlungen schienen den Geräuschen nach zu urteilen, zumindest nicht näher zu kommen.
Schließlich ging dieser Tag in die zweite Nacht sitzend im Landcruiser schlafend über, doch hatten sie genug Wasser und Nahrung und konnten zumindest derzeit auch in der Nähe von Landcruiser mit Funkgerät bleiben, was im Vergleich zum 80 km weiten Fußweg sicher die bessere Alternative war.
Irgendwann hörte Paul einen heftigen Streit und sah den lokalen Verantwortlichen für das Kinderimpfprogramm den Koch heftig beschimpfen. Natürlich verstand Paul zunächst nicht, worum es ging, doch dann wurde ihm gesagt, der Koch habe bei seiner Rückkehr nach Leer gestern wohl den Impfkühlschrank gestohlen und in sein Privathaus geschafft. Der Impfverantwortliche sei so aufgebracht, weil er alle Impfstoffe achtlos auf dem Boden des Medikamentenlagers im Krankenhaus vorgefunden habe. Als er nun dem Koch vorwarf, dieser töte aus purem Egoismus Kinder, antwortete dieser wohl nur, seine eigenen Kinder seien bereits geimpft. Natürlich war auch Paul höchst enttäuscht vom Verhalten seines Kochs, dem er doch auch vertraut und gestern noch eine sichere Rückkehr gewünscht hatte. Andererseits war wohl auch dieses Vorkommnis nur ein weiterer Beweis für „Gelegenheit macht Diebe“ und eine zumindest zeitweise Gelegenheit hatte sich durch den Zusammenbruch der Ordnung ja zweifelsohne geboten. Einen Kühlschrank hatten in Leer sicher die Wenigsten, und so erscheint diese überaus egozentrische Handlungsweise des Kochs doch menschlich irgendwie verständlich. Dies selbst, wenn man sie als moralisch verwerflich ansieht.
Evakuierung – natürlich nur für „Privilegierte“
Dann wurde Paul erneut zum Kommandanten gerufen, und der erschien ihm recht gutgelaunt. Irgendetwas Positives schien geschehen zu sein, vielleicht war der Abwurf der sehnsüchtig erwarteten Munition geschehen? Jedenfalls eröffnete der Kommandant Paul, er könne seine Leute in Lokichoggio informieren ihn abzuholen. Sie sollten auf dem Landestreifen in Leer landen, aber von Norden reinfliegen.
Das war für Paul nach fast 48 Stunden angespannter Unsicherheit eine frohe Botschaft. Der Kommandant sagte ihm noch, er habe sich für einen Nicht-Militär sehr gut, überlegt und ruhig verhalten, was wohl als Kompliment zu verstehen war.
Nun stellte sich die Aufgabe, das Logistikzentrum in Lokichoggio über die Lage per Sprechfunk zu informieren, ohne dass er irgendwelche Informationen über die militärische Lage ausplauderte. Andererseits war es wichtig, dass der kleine Flieger sicher landen, ihn aufnehmen und wieder starten konnte. Ein Abschuss vor, während oder nach der Landung hätte Paul auch nichts genutzt, sondern nur weitere Menschenleben gefährdet.
Paul kontaktierte also mithilfe des Funkgeräts im Landcruiser die Basis in Lokichoggio. Er bat den zunächst antwortenden Funker, Ole, den Leiter der Logistikabteilung, ans Gerät zu holen. Kurz darauf konnte er mit Ole sprechen. Um jedwede militärische Details zu vermeiden, konnte Paul nur hoffen, dass Ole ihm gut zuhörte, und das Gesagte entsprechend angemessen zu interpretieren vermochte. Doch das traute er Ole durchaus zu. Also begann er damit, dass er sagte, er wolle nun evakuiert werden, da sich nun diese Möglichkeit biete. Ole fragte zum Glück nicht nach den Gründen, dafür war er in derartigen humanitären Notlagen zu erfahren. Er antwortete nur, dass sie ein Flugzeug bereitmachen würden und ihn holen kämen. Paul wählte auch die weiteren Worte sehr bedächtig und hatte sie in der letzten Stunde still für sich erwogen: Das Flugzeug solle von Norden reinkommend landen, aber auf jeden Fall mit ihm Funkverbindung vor der Landung aufnehmen und nicht ohne Pauls „Ok“ landen. Ole sagte dies zu und so konnte Paul nur weiter warten und hoffen, dass seine Aussagen von Ole richtig verstanden worden waren. Zumindest war die Funkverbindung heute qualitativ gut gewesen.
Paul begab sich mit dem Landcruiser und einer Delegation des lokalen Kommandeurs zum Landestreifen – mit dem Kommandeur waren dem Landcruiser zumindest seitens der Verteidigungskräfte die Wege offen. Gemäß des Sicherheitsprotokolls fuhren sie allerdings in unterschiedlichen Fahrzeugen, damit Paul nicht versehentlich Opfer eines Angriffs auf den Kommandeur werden konnte, wie dies gut ein Jahr zuvor anderen Mitarbeitenden der Hilfsorganisation in Somaliland passiert war.
Derart kamen sie gut und sicher am Landestrip an und parkten die Autos am Ende der Landefläche.
Vielleicht eine dreiviertel Stunde später hörten sie ein Brummen in der Ferne und Paul rief den Flieger über Funk. Zum Glück kam die Verbindung in guter Qualität zustande und Paul konnte nochmals dem Piloten mitteilen, er solle von Norden reinkommend zum Landen ansetzen, aber es scheine sicher. Der Pilot sagte: „Roger“ und Paul antwortete „Roger and out.“
Dann wurde das Brummen langsam lauter und schließlich sahen sie ein silbernes Flugzeug im Sonnenlicht reflektierend in engen Spiralen aus großer Höhe im Sinkflug, bevor es einmal in mittlerer Höhe über den Airstrip flog und dann in einer engen Kurve zur Landung ansetzte.
Kurz darauf stand das Flugzeug und der Kommandant und Paul gingen auf es zu. Der Pilot ließ den Propeller laufen und Angelika, eine der Krankenschwestern stieg aus. Der Kommandeur sagte, sie sollten sich beeilen, also griff Paul seine wenigen Sachen und stieg mit Angelika wieder ein.
Über Vietnam und Angola
Der Pilot war Dan, der US-amerikanische Vietnamveteran, der ihn durch die Cockpit-Öffnung herzlich grüßte und ihm erklärte, Paul solle sich nicht wundern. Am Ende der Landebahn stehe ein Flugabwehrgeschütz. Deshalb werde er sehr knapp über dem Boden starten und dann die Maschine schnell auf Höhe bringen. Derart könne das Flugabwehrgeschütz uns schlecht abschießen.
Also lehnte Paul sich grundsätzlich bereits erleichtert, wenn auch noch ein wenig angespannt zurück, und schaute aus dem kleinen Bullauge neben sich.
Tatsächlich schien es anfangs, als würden sie noch über den Boden rollen, als sie von diesem bereits abgehoben hatten, bevor das Flugzeug in einer scharfen und aufwärtsgerichteten Kurve schnell ab Höhe gewann.
Nun fragte Angelika, wie es ihm gehe und ob sie etwas für ihn tun könne, Er sagte: „Ja, den Nacken massieren!“ Dieser war nach den den fast 48 Stunden der Unsicherheit und des Versuchs, der Situation angemessen und ruhig zu begegnen, hart wie Stein, und Angelikas Finger waren eine echte Wohltat.
über dem Süd-Sudan (Foto: StH: 1991)
Unter sich sahen sie nun die sudanesische Landschaft mit dem Streifen des Nils, den überschwemmten Flächen, einzelnen Baumgruppen und der rötlichen Erde zwischen dem gelben Gras. Vereinzelt konnten sie auch Striche erkennen, die von den „Straßen“ gezeichnet waren, die hier nicht geteert, sondern aus Sandpisten bestanden. In der Mitte hatten diese Wege einen erhöhten Streifen und zu beiden Seiten dieses tiefe Furchen von den Rädern hatten. Paul liebte die Herausforderung des vorausschauenden Fahrens auf diesen Pisten, wenn man sehen musste, die eigenen Räder auf Mittelstreifen und einem Randstreifen zu haben, und hin und wieder auf die andere Spur zu wechseln, um nicht mit dem Chassis aufzusitzen,
Nach einem ruhigen Flug von etwa 45 Minuten landeten sie wohlbehalten in Lokichoggio. Paul wurde vom Ole und dem Delegationsleiter empfangen, denen er über die letzten etwa 72 Stunden in Ler berichtete. Dann bezog einen der Tokuls, konnte duschen und begab sich zum Abendessen. Das Abendessen vom reichhaltig gedeckten Buffet und das anschließende kühle Bier mit Kollegen schmeckte hervorragend und langsam konnte er sich auch entspannen.
Etwa zwei Wochen später flog Angelika, die Krankenschwester, für eine Erkundung nach Leer. Dort fand sie viele Leichen mit Kopfschüssen an den Wegen und im Gelände vor. Dies waren wohl die etwa 3.000 Kämpfer, die Leer angegriffen hatten. Nach den erhaltenen Informationen hatten die verteidigenden Kräfte nur und genau einen Kriegsgefangene n gemacht, alle anderen Angreifer waren wohl „gefallen“, ggf. mit Kopfschuss nachgeholfen. Hass und Brutalität in derartigen Kämpfen, nicht nur in Afrika, sondern sicher auch im Bosnien- oder im Ukrainekrieg und vermutlich auch in Gaza und im Westjordanland sprengen sämtliche Vorstellungen von „Menschlichkeit“, „Menschenwürde“, „Haager Landkriegsordnung und Völkerrecht“ – sie kennen meist keine „Barmherzigkeit“ oder „Gnade“!
Etwa 2 Monate später sah Paul Kim, die australische Freundin des amerikanischen Piloten Dan, der ihn so professionell mit der DC3 evakuiert hatte, hemmungslos weinen. Und dann erfuhr er, dass Dan in etwa 10.000 Fuß mit der DC3 Hilfsgüter transportierend über Angola abgeschossen worden war – auch er hatte keine Chance gehabt.
Gessi gibt Gas. Das ist bei den vielen Schlaglöchern auf dem Rückweg nach Mogadischu gar nicht so einfach. Das Land ist staubtrocken. Der Boden von Rissen übersät, da es bereits länger keinerlei Niederschläge mehr gegeben hatte. An den Ufern des Shebelle-Wadis sieht es an einigen Stellen etwas „grüner“ aus, da sich evtl. im Flussbett in einiger Tiefe unter der ebenfalls ausgetrockneten Oberfläche noch etwas Feucht befindet. Und so gibt es im Flussbett einige gegrabene Löcher, wo noch Wasser für Mensch und Tier gewonnen wird. Fließendes Wasser gibt es selten und höchstens nach der Regenzeit im das Flusswasser speisenden Gebiet jenseits der knapp nördlich von Belet Weyne gelegenen äthiopischen Grenze.
Die links und rechts die Straße einrahmende Landschaft ist bedeckt von verstreut stehenden und dornigen Schirmakazien, die den Menschen spärlichen Schatten, und Tieren wie Kamelen und Ziegen ein recht bescheidenes, aber ihnen dienendes Mahl bieten.
Die Straße
Die alte Straße ist noch so etwas wie „geteert“ und stammt aus Zeiten, als Somalia eine italienische Kolonie war. Nur ist vom Teer an den meisten Stellen nicht mehr allzu viel übrig, sondern sie besteht wie ein Schweizer Käse mehr aus Löchern.
Gessi sitzt am Steuer. Die somalische Musik, die durchaus rhythmisch und auch melodisch aus dem Tape-Recorder schallt, ist für westliche Ohren zunächst befremdend. Aber die Musik passt zu dieser Landschaft, in der man bisweilen in der Ferne eine Reihe von Kamelen oder eine Herde von Schafen und Ziegen sieht. Und bisweilen erscheint der Rhythmus fast synchronisiert mit dem Rappeln der Stoßdämpfer und Radaufhängungen. Gessi blickt konzentriert auf die voraus liegende Straße, und versucht den vielen Schlaglöchern auszuweichen und somit die Stoßdämpfer des Fahrzeuges und die Rücken der Insassen zu schonen.
Bisweilen verlässt Gessi auch die „Straße“ und fährt ein Stück rechts oder links auf einer daneben liegenden Sandspur. Das sind kurze Momente des leichten Entspannens für Fahrer und Fahrzeug. Doch achtet Gessi immer darauf, dass er an solchen Spuren frische Reifenspuren sieht. Andernfalls meidet er sie, da er keineswegs der erste sein möchte, der eine Mine aufspürt. Aber eigentlich ist das Gebiet der Hiran Region nahe der äthiopischen Grenze, wo der mächtige Habar Gedir-Subclan des Hawiye-Clans, zu dem auch die jetzt konkurrierenden Abgaal gehören, einigen Einfluss hat, einigermaßen sicher.
Das Ausweichen von Schlaglöchern gelingt trotz aller Konzentration, die Gessi als vorausschauender und geübter Fahrer an den Tag legt, nicht immer. Dann rumpelt es im Fahrwerk und die Rückenmuskulatur der Insassen versucht, die Schläge auf die Wirbelsäule auszugleichen. Die Wirbelsäule schmerzt dennoch am Abend einer Überlandfahrt, Kehle und Haut sind von Staub und Sonne ausgetrocknet. Deshalb ist das Trinken von genügend Wasser auch essenziell.
Von Zeit zu Zeit passiert Gessi einen Checkpoint, aber die Besatzungen dieser Posten kennen Gessi, sein Fahrzeug und sein Mandat, und meist lassen sie ihn ohne Weiteres passieren. Man grüßt sich kurz und Gessi kann mit etwas verlangsamter Fahrt passieren. Manchmal muss er auch kurz anhalten, dann tauscht er ein paar freundliche Worte aus, und reicht aus einem Spalt des Fahrerfensters einen 500 Somali-Shilling-Schein. 1991 entsprechen etwa 8.000 Somali Schilling einem US-Dollar – und Geld wird somit eher in Plastiktüten transportiert als in Geldbörsen.
Die somalischen Männer haben meist ein paar Scheine am oberen Rand ihrer um die Hüften getragenen Wickelrocks eingerollt. In diese bunten, luftigen und traditionellen Tücher steigt man hinein, zieht sie bis zur Hüfte hoch und es gibt eine bestimmte Technik, sie durch Überlappen und Einrollen des oberen Saum um einige Umdrehungen auf der Hüfte zu befestigen. Und derart können auch einige Geldscheine platziert werden, da die Tücher über keine Taschen verfügen. Diese Hüfttücher sind eigentlich sehr bequem, wenn man mit ihnen umzugehen weiß, und vor allem schön luftig und insofern angenehm bei den schweißtreibenden Temperaturen.
Gessi hat auf seinen Fahrten stets einige Scheine im Aschenbecher, so dass er diese schnell greifen und den Wächtern hinausreichen kann.
Ein anderen unerlässliches „Kleidungsstück“ ist die Kalaschnikow, die auch links neben Gessi griffbereit an der Fahrertür lehnt.
Siedlungen
Manchmal, meist in der Nähe einer der kleinen Siedlungen, passiert Gessi eine Stelle, an der ein Gefahrenschild die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Autos zu reduzieren sucht. Einige junge Somalis mit Eimer und Schüppe geben dort vor, einige Schlaglöcher mit Erde aufzufüllen. An einigen Stellen sind tatsächlich die Schlaglöcher einer kürzeren Strecke mit Erde aufgefüllt, was das Fahren auf diesem Abschnitt des Schweizer Käses vorübergehend etwas komfortabler macht. Natürlich ist dies kein nachhaltiges Roadmanagement, und spätestens bei einem der seltenen Regenfälle in dieser Region ist der alte Zustand wieder hergestellt. Die jungen Somalis, die sich dabei eher nicht überarbeiten, verdienen sich auf diese Weise ein kleines Zubrot von den vorbeifahrenden Fahrzeugen und auch Gessi gibt ihnen kleine Scheine.
Immer wieder sehen Gessi und seine Fahrgäste auch mit strohbedeckten Lehmhütten bestückte kleine Dörfer vorbeiziehen. Zwischen Belet Weyne, und der vor dem Bürgerkrieg wohl sehr schönen Hauptstadt Somalias, Mogadishu, die von weißen Bauten im italienischen Kolonialstil geprägt war, liegen 4 Kleinstädte: Bulooburti, Jialalaqsi, Jowhar und Balaad.
In regionalen Zentren
Diese sind regionale Zentren mit einer gewissen Infrastruktur. Auf den lokalen Märkten können Reisende ein paar Lebensmittel, Strohmatten, bisweilen Kleidung wie Slipper oder die typischen um die Hüften gewickelten Tücher und sehr gesüßten Tee in kleinen Gläsern oder andere Getränke kaufen.
Foto: Stefan Hagelüken – somalisches Regionalzentrum – 1993
In den Restaurants können sie sich mit z.B. Nudeln oder Reis mit einer Soße mit Okra, Tomaten und anderem Gemüse und Kamelhaxe, Ziegenfleisch, oder auch bisweilen einem Omelett stärken. Die wenigen Frauen, die im solchen Restaurants sitzen, sind entweder erfolgreiche Geschäftsfrauen, von denen es durchaus einige in Somalia gibt, oder Mitarbeiterinnen ausländischer Organisationen.
Gegessen wird von großen Tellern mit der Hand. Zum Essen wird nur die rechte Hand genutzt, und diese ist vor dem Essen zu waschen. Es ist gar nicht so einfach, die Nudeln inklusive der Soße mit den Fingern einzurollen und ohne große Selbstbekleckerung in den Mund zu befördern. Ausländische Restaurantgäste können auch blecherne Gabeln und Löffel bekommen. Der Verzehr einer nicht wirklich kleinen Kamelkeule ist für den durchschnittlichen Europäer ebenfalls ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber sie kann durchaus munden, wenn man Fleisch mag. Der lokale Tee ist extrem gesüßt, spendet aber Energie durch Flüssigkeit und die im Zucker enthaltenen Kohlenhydrate in konzentrierter Form. Oder man trinkt aus einem Blechbecher Kamelmilch, die etwas rauchig schmeckt, aber auch einen gewissen Reiz und guten Nährwert hat, wenn man sich darauf eingelassen hat. Auch ist sie für westliche Mägen verträglicher als die lokale Milch der wenigen mageren Rinder, nach deren Genuss eine Begegnung mit Montezuma entstehen kann.
Die Dunkelheit tritt nahe des Äquators zwischen 17.30 und 18.30 Uhr ein. Aufgrund der im Bürgerkrieg prekären Sicherheitslage sollte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr über Land reisen, sondern am Besten eines der lokalen Hotels aufsuchen. Und so steuern auch Gessi und seine Fahrgäste gegen 18.00 Uhr eines dieser kleinen Hotels in Jialalaxi an und beziehen dort Zimmer. Gessi und andere Somalis übernachten im Innenhof des von Mauern umgebenen Geländes auf Pritschen unter freiem Himmel. Sie sitzen teetrinkend, Khat kauend und erzählend zusammen, um die relevanten Neuigkeiten der verschiedenen Reisenden auszutauschen. Khat ist eine stimulierende Substanz, die gekaut und in der Backe in speichelgetränkten Bällchen aufgehoben wird. Sie wird von den meisten Somalis zum Muntermachen und einer vorübergehenden Euphorie verwendet. Auch vor Kämpfen wird sie gerne konsumiert, da sie die Hemmungen senkt und somit den Mut steigert. Da Khat von vielen Somalis ab morgens konsumiert wird, wird ihre Aussprache häufig bereits gegen Mittag etwas verschwommen und schwer verständlich. Selbst wenn sie gut Englisch sprechen, empfehlen sich zielführende und wichtige Gespräche sinnvollerweise eher vormittags.
Die Springfederrahmen der Betten in den Hotelzimmern sind meist sehr durchgelegen. Als Toiletten dienen wenige Zellen für die Hotelgäste, wie man sie aus Frankreich kennt, also ein Loch im Boden mit betonierten Fußtritten an beiden Seiten, auf die man sich zur Bedürfnisverrichtung stellt und dann in die Hocke geht. In den kleinen Raum steht auch ein Eimer mit Wasser und einem Schöpfbecher aus Plastik, um abzuspülen. Insofern gibt es auch in Somalia „Wasserklosetts“, und auch mit Wasser und ausschließlich der linken Hand reinigt man sich nach der Notdurft – deshalb ist nur die rechte Hand zum Essen erlaubt.
Auch duschen kann man in betonierten, kleinen Räumen, indem man mithilfe des Schöpfbechers das Wasser aus dem Eimer über sich schüttet. In Hotels mit gehobenem Standard kann es auch mal einen an einem Gelenk befestigten Eimer voll Wasser mit einer Kette oder einem Strick geben, durch die man den Eimer kippen und dadurch das Wasser über sich schütten kann.
All das erscheint dem Mitteleuropäer eher nicht wie Luxus, doch empfindet es der staubige und durch die Schlaglöchern stundenlang durchgeschüttelte Reisende als erholsame Wohltat nach einem langen Tag in brennender Sonne und wärme-flimmernden Luft. Geht man nachts in einen Innenhof und schaut in den durch wenig Streulicht gestörten so tiefen und klaren Sternenhimmel, fühlt man sich leicht durch diese „unendlichen Weiten“ entführt. Kann man sich auf diesen Eindruck des „Eine-Millionen-Sterne-Hotels“ einlassen, kann dies zu einem unvorstellbar berauschendem Erleben führen. Dieser visuelle Rausch entschädigt für all das Gerüttel und Geschüttel, den Staub und die haut-gerbende Sonne.
Auch die Morgendämmerung ist früh, gegen 6.00 Uhr, und so beginnt auch das Treiben des Tages entsprechend früh, was angesichts der schnell ansteigenden Temperatur gut ist, will man die relative Morgenfrische z.B. zum Reisen noch nutzen.
Nach einer einigermaßen erholsamen Nacht, die an diesem Tag durch das durchdringend-klagende Geschrei eines Esels früh und recht brüsk beendet wird, begeben sich Gessi und seine Passagiere zum Frühstück, Dieses besteht meist aus gebratener Leber mit einer Art weißer Brötchen in länglich-ovaler Form. Gibt es dazu Bohnen in Tomatensoße, hat der Reisende eine gute und alle wichtigen Nährstoffe enthaltende Grundlage für sein Tagesgeschäft.
Frühstück und weiter
Nach dem Frühstück gibt Gessi wieder Gas, um weiter gen Mogadischu so gut es geht den Schlaglöchern auszuweichen. Wieder passieren sie staubtrockene Landschaft auf meist schnurgeraden Straßen, nur selten über sanfte Hügel und an kleineren Ortschaften vorbei. Mittags wird in Jowhar eine Rast mit Kamelkeule und Spaghetti eingelegt, und natürlich fehlt auch der eiweißspendende Becher Kamelmilch und der Energie spendende süße Tee nicht. Im Restaurant sitzen einige ältere Männer, die ihre wohl eigentlich weißen Haare auf Haupt und im Bart mit Henna orange gefärbt haben, was sie in ihrer Wahrnehmung wohl jünger und für die somalischen Frauen attraktiver macht. Letztere haben ihre Arme oft durch kunstvolle Henna-Malereien verziert. Nach der Mittagsstärkung geht es mit konzentriertem Gas weiter vorbei an Checkpoints und „lokalen Baustellen“ gen Mogadischu. Nun ist die Morgenfrische längst vergangen und Menschen und Tier bewegen sich, wenn überhaupt, langsam und Hitze geplagt durch das dürre Land.
Gessi wie seine Fahrgäste freuen sich auf ihre Ankunft in Mogadischu nach der dreitägigen Reise mit Hilfsgüterverteilung an die von Bürgerkrieg und Dürre leidende Bevölkerung. Sie hatten 50 lokal angemietete LKWs mit insgesamt ca. 500 Tonnen Hilfsgütern, bestehend aus Mais, Bohnen und Speiseöl sowie Saatgut beladen. Vor drei Tagen waren sie vom Gelände der internationalen Hilfsorganisation in einem alten Krankenhaus nahe des Hafens von Magadischu entlang des Shebelle nach Norden gefahren. Diese Hilfsgüter hatten sie in unzähligen kleineren und etwas größeren Dörfern sowie in den Kleinstädten an die Bevölkerung verteilt.
Bruderclans und humanitärer Auftrag
Die Habr Gedir hatten ebenso wie der Abgaal gegen den vertriebenen Diktator, Siad Barre ,gekämpft. Nun lagen die beiden „Brüder-Clans in konkurrierender Spannung. Somit war die Sicherheitssituation in Zentralsomalia schon seit längerer Zeit angespannt. Deshalb fanden vor diesem Hilfskonvois intensive Diskussionen zwischen der internationalen Hilfsorganisation, ihrer somalischen Partnerorganisation, den Sicherheitskräften des ehemaligen Krankenhauses und anderen politischen und militärischen Kräften in Mogadischu statt. Ein Sicherheitsrisiko war nicht zu verleugnen. Andererseits drängte die Zeit, sollte das Saatgut von den Landwirten noch vor der nahenden Regenzeit ausgebracht werden können. Zumindest fehlendes Saatgut sollte nicht eine dringend erforderliche Ernte verhindern.
Damit nicht das Saatgut in den bestehenden Notzeiten konsumiert wurde, war die Saatgutlieferung durch eine entsprechend nach Ernährungsstandards der Weltgesundheitsorganisation berechnete Nahrungsmittelhilfe ergänzt.
Und so war beschlossen worden, den Hilfskonvoi zu wagen, wobei die 50 lokalen LKWs durch eine kleine Armee aus Sicherheitskräften beschützt wurden. Deren Kern bildete eine Gruppe der Sicherheitstruppe des ehemaligen Krankenhaus, in dem die Hilfsorganisation mit Unterkunft, Hilfslager und Büroräumen ansässig war. Als langfristig Beschäftigte konnten sie als loyal und zuverlässig eingeschätzt werden. Der tägliche Umgang trug sicher auch zu einem hilfreichen Verhalten dieser etwa 50 mitreisenden Sicherheitskräfte bei, da sie sich als den „Clans der Hilfsorganisation“ zugehörig auch in ihrer Ehre verpflichtet fühlten, Konvoi und Mitarbeiter der Hilfsorganisation zu schützen. Und so fand der leitende Ausländer des Konvois auch am ersten Tag heraus, dass er auf Schritt und Tritt von zwei Bodyguards begleitet wurde, selbst wenn er auf die Toilette ging. Darauf angesprochen erklärten sie, dass sie vom Chef der Mogadischu-Sicherheitskräfte zu seiner persönlichen Sicherheit abgestellt seien.
Außer dieser Kerntruppe waren jedoch noch weitere gut 100 bewaffnete Kräfte der Polizei Mogadischus dabei, so dass auf jedem LKW ein bis zwei dieser Bewaffneten saßen und die durchquerte Landschaft auf mögliche Gefahrenquellen in Augenschein nahmen. Natürlich hatte jeder Fahrer und jeder Beifahrer von LKWs und Begleit-Land Cruisern wie dem von Gessi sein Gewehr neben sich stehen.
In den Orten, wo die Hilfsgüter verteilt wurden, kam die gesamte ansässige Dorfgemeinschaft zusammen. Die für diesen Ort bestimmten Hilfsgüter wurden abgeladen und auf dem Dorfplatz gestapelt, bevor Älteste und ggf. andere lokale Autoritäten mit ihren henna-gefärbten Bärten und Haaren wortgewaltige Dankesreden hielten. Auch der Vertreter der somalischen Partnerorganisation und der Vertreter der internationalen Hilfsorganisation mussten Reden halten, in denen gemäß der somalischen Kultur stets ausführlich betont wurde, welch Aufwand und Anstrengungen die Helfenden in Kauf genommen hatten, um die Hilfe zu bringen. Betont wurde außerdem in jedem Ort, dass alle LKW-Fahrer und Sicherheitskräfte von der internationalen Hilfsorganisation entlohnt würden, um zu vermeiden, dass sie anschließend als „Lohn“ für ihre Mühe einen Teil der aufwändig über bis zu 350 km von Mogadischu aus herangebrachten Güter wieder einsammelten, wenn die Helfer weg waren. Ob das nicht trotzdem in einem gewissen Umfang in einigen Orten geschah, war nicht völlig auszuschließen, aber Arrangements und Reden sind auf jeden Fall der Versuch, derartiges zu minimieren.
Und nach 3 Tagen dieser Verteilung und Reden in Dutzenden Verteilstellen, befinden sich Gessi und die Mitarbeitenden der Hilfsorganisation auf dem Rückweg nach Mogadischu. Bis auf einen Zwischenfall, bei dem 2 der Sicherheitskräfte mit ihren Waffen hantierten, ein Schuss sich aus einer Waffe gelöst hatte, und eine der Sicherheitskräfte durch die Kugel im Bein verletzt worden war, war zum Glück fast alles gut abgegangen.
Nur eines abends hatte es an dem Gelände, wo die LKWs mit den noch nicht verteilten Hilfsgütern über Nacht abgestellt waren, einen durchaus kritischen Vorfall gegeben. Einige der angeheuerten Polizeikräfte hatten sich mit einem Pickup vor das Tor des Geländes gestellt. Auf der Ladefläche des Pick-ups war ein Maschinengewehr montiert. Die Polizeikräfte drohten, zu schießen, wenn sie nicht einen Teil der Hilfsgüter überreicht bekämen. Es hatte langwieriges Palaver gegeben. Die Vertreter der Hilfsorganisationen wiesen natürlich darauf hin, dass es bereits eine vereinbarte Bezahlung gegeben hatte. Dies führte aber dennoch über einen ziemlich kritischen Zeitraum von gut 1-2 Stunden zu keiner Aufhebung der Drohung. Die Lösung hatte schließlich die Loyalität der „Kerngruppe“, also der der Sicherheitskräfte der Hilfsorganisation in Mogadischu, gebracht. Sie stellten sich der Bedrohung entschieden entgegen, und erklärten, dass sie die Güter mit ihrem Leben verteidigen würden. Diese Kerngruppe bestand nicht nur aus langjährig erfahrenen Kämpfern, sondern gehörte auch dem mächtigen Hawiye-Clan an, und ein Kampf mit ihnen in Jialalaxi mit Toten und Verletzten hätte ganz sicher auch in Mogadischu eine gewalttätige Auseinandersetzung der an der Drohung beteiligten Clansegmente mit denen der Kerntruppe ausgelöst, und aufgrund deren Einfluss, Wehrhaftigkeit und militärischen Macht war diese Loyalität folglich abschreckend genug.
Der Ex-Räuber ist nun stolz auf seine Arbeit
Auch das war also gut gegangen, und so konnte Gessi heute wieder sein Betriebskapital, den Toyota-Landcruiser mit den Abzeichen einer großen internationalen Hilfsorganisation, gasgebend und dennoch durch vorausschauendes Fahren möglichst viele Schlaglöcher und somit eine Beschädigung seines wertvollsten Besitzes vermeidend gen Mogadischu steuern.
Gessi erzählt während der Fahrt mit leuchtenden Augen von seiner Familie, und besonders intensiv von seinen kleinen, gerade 18-monatigen Sohn Ibrahim.
Gessis Land Cruiser ermöglicht ihm die Anstellung bei dieser internationalen Hilfsorganisation und sichert ihm Lohn und Brot. Sein Lohn unterhält nicht nur seine eigene Kernfamilie, sondern auch andere bedürftige Mitglieder seines Habr Gidir-Clans. Das bringt Gessi ein angenehmes Leben mit materiellem Auskommen und einigem Ansehen innerhalb seiner Clangemeinschaft.
Eine andere Sozialversicherung gibt es nicht. In Notsituationen oder Gefahr bildet die Clangemeinschaft die einzige Sicherheit. Deshalb kann der eigene Clan auch absolute Loyalität verlangen, wenn ein Mitglied aufgrund Krankheit Unterstützung benötigt oder ein Konflikt mit anderen Gruppen solidarisches Handeln erfordert, um die Gemeinschaft und deren Mitglieder zu schützen. Diese Solidarität ist in Form materieller Unterstützung entsprechend des Vermögens absolut verpflichtend. Kämpfer wie Gessi leisten sie auch durch Teilnahme an den Kämpfen. Alleine ist ein Somali Niemand und somit absolut schutz- und wehrlos. Wer sich weigern würde, seiner Gemeinschaft loyal zu dienen, könnte aus der Gemeinschaft verstoßen werden, und wäre dann schutzloses Freiwild. Die Zugehörigkeit zu einem starken, wehrfähigen und einflussreichen Clansegment sichert seinen Angehörigen hingegen Schutz und Sicherheit, wie auch die durchaus kritische Situation gestern Abend in Jialalaqsi bewiesen hat. Und Gessi gehört einen solchen Segment an, ist ihm dann aber eben auch zu uneingeschränkter Loyalität verpflichtet, was er als eine völlige Selbstverständlichkeit in keiner Weise je in Zweifel zieht.
Die derzeit in einer spannungsreichen Situation miteinander stehenden Habr Gidir und Abgaal, beide Subclans der Hawiya, also „Brüder“ konkurrieren um politischen Einfluss und somit den Zugang zu den „Fleischtöpfen“ in Zentralsomalia. Ali Mahdi, Führer des Abgaal-Subclans der Hawiye, und General Mohamed Farah Aidid, Führer des Habr Gidir-Subclans der Hawiye, verhalten sich ziemlich anders, als man es bei „Brüdern“ vermuten würde, aber im sensiblen Gefüge des durch Jahrzehnte von Bürgerkrieg in seinen Strukturen zerrütteten Somalias durchaus folgerichtig.
Das Ringen der „Brüder“ um Macht
Beide „Brüderclans“ hatten zusammen den jahrzehntelange Kampf gegen den früheren Diktator Somalias, Siad Barre, geführt, Der Geschäftsmann Ali Mahdi in materieller Form, General Aidid als erfahrener Militärführer der Widerstandstruppen. Erst vor wenigen Monaten hatten sie gemeinsam obsiegt, so dass Siad Barre ins Nachbarland Kenia geflohen war. Er hatte bei seiner Flucht angeblich Tonnen von Gold außer Landes geschafft, das doch eigentlich dem somalischen Volk gehörte. Aber zumindest war er vertrieben und konnte keine Folter und Ermordung von Oppositionellen mehr in Auftrag geben.
Der große und starke Hawiye-Clan hatte einige der Schaltstellen der Macht in Zentralsomalia übernommen, was natürlich in gewisser Weise allen Clanmitgliedern zugute kam.
General Aidid war weiterhin Stratege und Politiker und verfügte noch immer über gut-organisierte Kämpfer. Ali Mahdi war zum Präsidenten von Somalia gewählt worden, allerdings gegen den Willen von Aidid. Und so schwelte diese Fehde zwischen den Brüderclans, deren Mitglieder ihren jeweiligen Führern nun Gefolgschaft und Loyalität leisten mussten.
Auch Gessi war Kämpfer des Widerstandes gegen Barre gewesen. Bereits mit 13 war er als alt genug angesehen worden, um nach einer militärischen Grundausbildung und mit einer Kalaschnikow ausgerüstet mit seinem Clan in den Kampf zu ziehen. Er war ein guter und verlässlicher Kämpfer gewesen, doch nach dem Sturz von Barre fiel er in ein Loch. Nun war er beschäftigungslos und ohne Einkommen. Erwerbsarbeit gab es nicht, und er hatte ja ohnehin außer Kämpfen nichts gelernt.
Also schloss er sich zunächst einer Bande seines Subclans an, und sie erwarben ihr Auskommen durch Raub. Auch damit konnte er ein erkleckliches Einkommen erwerben und seine Frau und seinem Sohn Ibrahim ein gesichertes, wenn auch kein luxuriöses, Leben bieten. Auf seine kleine Familie war er sehr stolz, doch des Banditentums war nach er so vielen Jahren des Kämpfens und der ständigen Lebensgefahr müde.
Wie glücklich war er gewesen, als er mit seinem Land Cruiser eine Anstellung als Fahrer bei der internationalen Hilfsorganisation bekommen hatte, und nun gutes und ehrlich verdientes Geld bekam.
Und nun waren es nur noch wenige Meilen zurück nach Mogadischu, wo seine Familie auf ihn wartete, und vor allem die leuchtenden Augen von Ibrahim. Dieser Gedanke beflügelte ihn nun, als er auch auf diesen letzten Meilen noch trotz Schlaglöchern Gas gab. Sie mussten sich etwas spurten, um in Mogadischu vor dem Einbruch der Nacht einzutreffen, aber er kannte seinen Wagen und war ein geschickter Fahrer.
Sorge um das Betriebskapital
In der Dunkelheit war die Gefahr zu groß, von Banditen, wie Gessi selbst noch vor wenigen Monaten einer gewesen war, überfallen und beraubt zu werden. Wie sollte er weiter seine Familie ernähren und einen Beitrag zum Wohl seiner Habr Gidir leisten, wenn ihm sein Toyota geraubt würde? Noch heute morgen hatte er dem führenden Logistiker des Hilfskonvois gesagt: „Früher war ich ein Bandit, Heute arbeite ich für eine seriöse Organisation!“ Dieses Privileg, auf das er so stolz war, zu gefährden, konnte er nicht zulassen, also gab er in hochkonzentrierter Weise weiter Gas.
Jedes Mal, wenn eines der Räder trotz all seiner Fahrkunst hart in ein Schlagloch schlug, verspürte er den Stoß, der von den Dämpfern nur teilweise abgefedert werden konnte, quasi körperlich selbst. Es war die Fahrt auf den schmalen Grat zwischen Schonung seines so wichtigen und wertvollen Land Cruisers und der keineswegs banalen Gefahr eines Überfalles. Aber sie erreichten rechtzeitig vor der Nacht und wohlbehalten das Gelände der Hilfsorganisation im Herzen Mogadischus.
Gessis Fahrgäste luden ihr Gepäck aus und sie verabschiedeten sich voneinander nach diesen intensiven und gemeinsam verbrachten Tagen. Gessi fuhr zu seiner Familie nach Hause.
Nach einer erholsamen Nacht erwachte er am Morgen durch den Klang von Explosionen. Er kannte dieses Geräusch allzu gut: es war der vom Aufprall von Mörsergranaten verursachte Knall. Und es schien nicht allzu weit von seiner Wohnstätte. Er erschrak!
Sein Toyota stand relativ ungeschützt zwei Straßenecken entfernt auf der Straße. Wenn der nun von einer Granate getroffen würde. Er musste sein wertvollstes Kapital unbedingt in Sicherheit bringen!
Und so warf er sich seine Kleidung über, griff seine Kalaschnikow, und eilte auf die Straße – nach allen Seiten Ausschau haltend und stets sich möglichst in ein wenig Deckung bewegend.
Die erste Straßenecke hatte er bereits umrundet, vereinzelt hörte er in der Nähe Schüsse.
Also duckte er sich noch etwas tiefer und lugte um die zweite Ecke, hinter der sein Auto stand. Er hörte ein Zischen knapp an seinem Kopf vorbei. Doch: der Schuss, den Du hörst, hat Dich nicht getötet. Wer den Schuss nicht mehr hört, der hat ein Problem!
Er duckte sich so weit es ging, und schaute erneut vorsichtig um die Ecke des Hauses, an dessen Wand er Deckung hatte. Er sah seinen Toyota kaum fünf Meter entfernt, offensichtlich noch unversehrt. Er suchte die Umgebung nach einer Gefahrenquelle ab, sah keine, und spurtete tief gebückt auf seinen Wagen zu.
Dann hörte und sah er nichts mehr und nie wieder etwas.
eingestellt am 23.2.25 – und in der Folge immer mal wieder ergänzt mit neuen Begegnungen (zuletzt im Herbst 25)
„Das gefällt ihm, das sieht man!“
Gemeinsam mit meiner Begleiterin fahren wir im Münsterland an einem Sonnentag über Radwege durch die Landschaft.
Dann kommt eine andere Radlerin mittleren Alters von hinten und fährt eine Weile neben meiner Begleitung hinter mir und spricht sie an, woher wir kämen und dass das ja ein tolles Dreirad sei.
Meine Begleiterin erwidert dass es uns halt die Möglichkeit eröffne, gemeinsame Touren mit den Rädern zu unternehmen, und wir das oft bei schönem Wetter ausnutzten.
Dann sag die Dame zu meiner Begleiterin: „Ja, das gefällt ihm, nicht? – Das sieht man!“ –
Das erzählt mir meine Begleiterin später und wir wundern uns, warum die Dame das nicht mir gesagt hat, sondern meiner Begleiterin. Dachte sie aufgrund des Dreirades und des mich von hinten auf diesem sitzend Sehens, dass ich wohl auch geistig behindert sei, und man mit mir deshalb nicht direkt, sondern nur über meine „Betreuerin“ reden könne?
Wie dem auch sei, wurde dies danach zu einem geflügelten Wort von uns: „Das macht er gerne, nicht? Das sieht man!“
Nicht ärgern, nur wundern!
Wir fahren mit dem Zug von Bad Nauheim zum Hauptbahnhof in Frankfurt/Mail, um die dort ankommenden Kinder meiner sehr attraktiven Begleiterin abzuholen.
Als wir dort von einem Gleis zum anderen gehen, wo die Kinder ankommen sollen, wird meine Begleiterin von 3 jungen Männern umringt, und von einem dieser angesprochen.
Sie schaut sich hilfesuchend zu mir um, doch werde ich durch die beiden anderen jungen Männern abgeschirmt. Übrigens offensichtlich ohne „Migrationshintergrund“ – irgendwie blöd, dass man das erwähnen muss, aber es war halt so! Und Vorurteilen sollte hier vorgebeugt werden.
Als der Typ weiter auf sie einredet und sie sich wieder zu mir umdreht, dränge ich mich energisch an den anderen beiden Typen vorbei und stelle mich dicht neben meine Begleiterin. Darauf der Aufdringliche, mich sehr abfällig musternd: „Und der gehört jetzt etwa dazu?“.
Aber er lässt von ihr ab und wir können weitergehen, um ihre Kinder in Empfang zu nehmen …
Sie immer mit Ihren Sonderwünschen!
Nach der Heimkehr nach Marburg aus diversen Rehabilitationskuren, bekam ich etwa im Frühjahr 2005 Besuch vom Medizinischem Dienst der Krankenkassen (MdK) und erhielt nach Begutachtung und Befragung die „Pflegestufe 1“.
Bei Rückkehr aus meinem Weihnachtsurlaub 2006, damals wieder einige Monate arbeitend und knapp ein Jahr nach der Erstbegutachtung – lag ein Brief in meinem Briefkasten, dass die Pflegestufe überprüft werden müsse: „Bitte seien Sie am 5.1.2006 mit Ihrer Betreuungsperson von 8.00-17.00 Uhr zu Hause!“ Am folgenden Tag rief ich die angegebene Nummer vom Büro aus an, und fragte, ob sie die Zeit nicht eingrenzen könnten, da ich wieder erwerbsfähig sei. „Nein!“, wurde erwidert, „seien Sie bitte vom 8.00-17.00 Uhr da! Wir können nicht sagen, wann der MdK bei Ihnen sein kann.“ – „Wie soll ich das denn tun? Ich arbeite!“ Ob es denn nicht gehe, nach meiner Arbeitszeit, also nach 17.00 Uhr zu kommen? „Nein!“, hieß es schnell und bestimmt, „Der MdK arbeitet so lange nicht!“. Und dann kam ein bemerkenswerter Satz: „Sie immer mit Ihren Sonderwünschen!“ – „Entschuldigung, aber mit meinen „Sonderwünschen“ finanziere ich auch Ihren Dienst!“, war meine Replik.
Schließlich wurde verabredet, dass ich um 16.30 Uhr zu Hause sein solle, was ich versprach. Am fraglichen Tag beendete ich meine Arbeit etwas früher, und war tatsächlich rechtzeitig zu Hause. Dort erfuhr ich von meinem Anrufbeantworter, dass der Gutachter heute leider nicht kommen könne. Na toll!
Also rief ich am Folgetag erneut beim MdK an, und vereinbarte einen Termin für einen der Folgetage vormittags um 10.00 Uhr.
Also vereinbarte ich mit meinem Chef, an dem Tag zunächst von zu Hause zu arbeiten, und dann nach dem MdK-Besuch erst ins Büro zu kommen.
Und so saß ich am entsprechenden Tag zu Hause mit meinem Notebook am Schreibtisch und erwartete den MdK:
Es wurde 10.00 Uhr: nichts!
Es wurde 10.30 Uhr; nichts!
Es wurde 11.00 Uhr: nichts!
Gegen 11.30 Uhr rief mein Kollege aus dem Büro an, der MdK hätte versucht, mich dort zu erreichen: Sie könnten auch heute leider nicht kommen!
Aber aller „guten“ (?) Dinge sind bekanntlich: DREI! Also wieder d0rt angerufen. Ich sagte dann auch, ich bräuchte die Pflegestufe nicht mehr – sie sollten mir diese einfach entziehen. „Nein!“, schallte es energisch zurück, „Das geht nicht! Wir müssen Sie zuerst sehen!“
Also der nächste Versuch wurde vereinbart, und was soll ich sagen: Dieses Mal klappte es, und wir stellten nach kurzem und intensivem Gespräch fest, dass ich keiner Pflegestufe mehr bedürfe.
Sicher ist das in den letzten 20 Jahren auch für erwerbstätige Schwerbehinderte VIEL einfacher und „arbeitnehmer-„, also „kunden-freundlicher“ geworden! Q.e.d. – oder etwa nicht? Falls nicht: Wie soll man auch darauf kommen, dass Schwerbehinderte sich nicht im Bett pflegen lassen, sondern stattdessen das Sozialsystem mitfinanzierend arbeiten, also noch „Arbeit nehmen“ statt lediglich „Pflegekräften Arbeit zu geben“? Das kann doch keiner voraussehen!
Übrigens, wenn ich in 2026 in Rente gehe, werde ich genau das noch gut 20 Jahre MIT SCHWERBEHINDERUNG getan haben. Und sicher bin ich nur EINER VON VIELEN!!!
Von radfahrenden Rasern und Dränglern- ja, die gibt es!
An einem sonnigen Tag fahre ich rechtsrheinisch mit meinem Dreirad von Oberkassel Richtung Königswinter. An einer Stelle fährt vor mir ein Vater mit seinen Kind – ich fahre entsprechend vorsichtig, da ich weiß, dass das Kind sich erschrecken oder einfach einen Schlenker machen könnte.
Als die Strecke ein Überholen zulässt, gebe ich Gas und überhole zuerst den Vater und dann seinen (vielleicht dreijährigen) Sohn.
Mir kommt, als ich gerade am Kind vorbei bin, ein Rennrad entgegen, dessen Fahrer mir ein „Aus dem Weg!!!“ entgegenblökt.
Ich rufe zurück, was das solle.
Nun überholen mich von hinten zwei weitere Rennräder, und die voranfahrende Frau ruft mir zu: „Man kann ja auch rechts fahren“ – Ich antworte, dass ich ja auch mal überholen müsse, aber sie ist schon weg.
Vermutlich würde sie auch entsprechend mit Lichthupe auf der Autobahn drängeln?
Wie kommt jemand darauf, Radfahrende könnten (nur) „nette und rücksichtsvolle“ Mitmenschen sein?
Sie sind eher ein Querschnitt der Gesellschaft – wie alle anderen auch!
Und im Zug?
Ich steige in Hamm (Westfalen) in den Zug nach Altenbeken. Der Zug ist ziemlich voll, der Gang mit Koffern besetzt und ich schlängele mich mit meinem Rollkoffer durch den Gang.
Dann komme ich an eine Vierergruppe mit Zeichen für Behinderte und Schwangere, auf der eine mittelalterige Dame und ein jüngeres Mädchen sich gegenüber sitzen. Ich bitte die mittelalterliche Dame, ein wenig zusammenzurücken, damit auch ich mich setzen kann.
Sie erwidert, dass da noch ihr Hund sei (auf dem ihr benachbarten Platz – ein mittelgroßer Pudel) .
Ich weise sie darauf hin, dass ich auch auf das Behindertenzeichen zeigend sagen könnte: „Stehen Sie bitte auf – ich bin schwerbehindert“. Sie nimmt ihren Hund auf den Schoss und ich kann mich setzen. Als ich in Altenbeken an die Tür gehe, um auszusteigen, steht sie ebenfalls dort, würdigt mich keines Blickes und guckt genervt zur Seite. Ich verkneife mir ein: „Ich weiß, dass es eine Zumutung ist, Ihrem Hund seinen Sitzplatz wegzunehmen. Ich werde es künftig vermeiden“
Aber auch …
In Köln/Deutz muss ich umsteigen – von Gleis 5 auf Gleis 2 – das ist doof, da ich an Gleis 5 eine laaange Treppe mit den Rollkoffer runterlaufen muss – und das Geländer auch noch mit Taubenscheiße verschmiert ist.
Als ich die oberste Stufe in Angriff nehme, fragt mich ein junger Mann, ob er mir helfen könne. Ich sage, dass er mir gerne den Koffer zum Fuß der Treppe tragen könne.
Dies tut er, wartet auf dem Mittelabsatz der Treppe mit vier Absätzen auf mich, und dann erneut am Fuß der Treppe.
Ich bin diesem jungen Mitbürger (offensichtlich „mit Migrationshintergrund“), der mir ungefragt seine Hilfe anbot, sehr dankbar!
Übrigens: als ich in Ansbach wohnte, und regelmäßig zu meiner Arbeit im Taunus pendelte, bot mir hin und wieder einer von vielen anderen Zugfahrenden Hilfe mit meinem Rollkoffer in Würzburg an. Dort gab es seinerzeit noch keine Aufzüge. Ich nahm das Angebot gerne an, erlaubte mir aber, am Treppenfuß zu bemerken: „Sie kommen aber nicht von hier“ – Und tatsächlich, kamen jene Menschen, die mir ungefragt Hilfe anboten, stets nicht aus Franken! Quod erat demonstrandum!
Es ist sicher etwas gemein, aber: „Franken sind schon besonders, wie ich in etwa 2,5 Jahren dort lebend erleben „durfte“. Mein „rheinischer Humor“ schien ihnen meist schlimmer als chinesisch. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel und natürlich gibt es auch nette und hilfsbereite Franken, die man meiner bescheidenen Erfahrung nach nur leider recht selten trifft.
Helfende Hände und von „Backsteinen und Goldbarren“
Am 6.7.25 will ich von Königswinter nach Malente zu einem Seminar zur Zukunft unserer Demokratie fahren. Dank frühzeitiger Buchung von Zügen, die es nun gar nicht mehr gibt, ist die Zugbindung aufgehoben.
Also muss ich den ICE von Köln nach Hamburg anders als geplant, mit einem Umweg über Bonn und um etwa eine Stunde früherem Reisebeginn erreichen, was dann aber möglich ist.
Kurz bevor der Zug dann kommt, frage ich einen Mitreisenden, ob er mir mit meinem Koffer beim Einsteigen helfen kann. Wir scherzen noch über plötzlich geänderte Wagenreihung, was im konkreten Fall eher kein Scherz, sondern ein Grund zum schweißtreibenden Rennen zum anderen Ende des Bahnsteigs sein kann. Aber heute ist alles gut, und wir stehen ziemlich optimal. Der nette Herr antorter mir mit: „kriegen wir hin!“, und fragt mich auch noch nach meiner Sitzplatznummer. Er trägt dann meinen Koffer durch fast den gesamten Wagen – in der Mitte ist ein Gepäckfach, und zunächst stellen wir (er) meinen Rollkoffer dort ab. Doch dann sehe ich, dass direkt hinter meinem gebuchten Sitzplatz ein weiteres Gepäckfach steht. Also gehe ich zurück, und will meinen Rollkoffer holen, doch lässt es sich mein freundlicher Helfer nicht nehmen, meinen Rollkoffer höchstpersönlich erneut durch den Wagon zu tragen. Dann sitze ich – den Rollkoffer direkt hinter mir und wir fahren gen Hamburg.
Und dann kurz vor der Ankunft in Hamburg:
Am HH-HBF gehe ich zur Ausgangstür, wo ich mit einer Soldatin und zwei anderen Frauen stehe. Die Soldatin frage ich, ob sie aussteigt. – „Ja“ – „Können Sie mr beim Ausstieg mit meinen Koffer helfen?“ – „“Klar!“ – Da meldet sich die direkt an der Tür stehende Dame: „Ich nehme ihn mit raus!“ – Die Soldatin: „Ich mache das – Sie haben doch selbst einen Koffer.“ – Darauf die dritte Dame: „Ich kann Ihnen auch helfen.“ Jetzt sind es drei:-)
Die Dame an der Tür nimmt meinen Koffer und hebt ihn hoch – „Na, sind ja keine Backsteine drin!“ – „Ne“, sage ich, „nur Goldbarren“. Jetzt mischt sich die 3. Dame wieder ein: „Dann nehme ich ihn!!!“. Eine Rauferei kann ich mit gutem Zureden nach dem Motto: „Meine Damen – beim nächsten Mal dürfen Sie mir helfen …“ noch gerade vermeiden, so dass die Dame an der Tür, die bereits „Hand angelegt hat“ das Privileg bekommt, meine nicht vorhandenen Goldbarren dem Bahnsteig zuzuführen 😉
Nun gut, der Zug hält, wir steigen alle aus und wünschen uns gute Reise. Im PKW hätte ich diese Art von kleinen, netten Begegnungen nicht – und zwar kennt auch die Bahn entgegen eines Werbespruches früherer Jahre sehr wohl „Stau“ – aber die Autofahrenden natürlich auch – und viele sitzen dann einsam in ihrer Blechkarosse und können nicht mal mit anderen Reisenden mosern, stänkern und lästern. Sind Autofahrende also nicht bedauernswerte Kreaturen – angeblich und subjektiv mit mehr „Freiheit“? Klar: „weitgehend frei von kurzen belebend schönen Begegnungen mit Mitreisenden – außer „Stoßstange an Stoßstange“!
Und dann begegne ich Spiderman (oder seiner kindliche Inkarnation)
In Hamburg geht es weiter mit dem RE nach Lübeck:
Direkt am von mir gewählten Eingang gibt es eine 4er-Gruppe, in der ein Vater mit seinem Sohn sitzen. Ob ein Platz frei sei, frage ich den Vater. Ja, setzen Sie sich. Ich sitze am Gang, neben mir der Sohn, uns gegenüber der Vater. Plötzlich sitzt der Sohn neben dem Vater und letzterer bedeutet mir, dann könne ich meinen Rucksack auf den Sitz neben mir legen.
Dann fängt der Vater (könnte Syrer der Gruppe von 2015 sein) an „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ mit seinen Sohn zu spielen. Erst „blau“, doch der Sohn sagt: „Ne – rot!“ – „Gut, also rot“. Auf jeden Fall kommt der Aufdruck auf des Jungen T-Shirts raus – und das ist ein blau-roter Spiderman.
Die beiden sprechen in fehlerfreiem Deutsch miteinander und es ist schön, ihren neckenden Umgang miteinander zu beobachten – etwa die Rechenaufgaben, die der Vater dem Sohn stellt. In Ahrensburg steigen sie aus – und wir verabschieden uns freundlich voneinander. Die beiden repräsentieren sicherlich eine gelungene Integration – ich will nicht wissen, was der Vater auf seinem Weg nach Deutschland (und zuvor) erlebt haben mag. Besser gesagt; es würde mich schon interessieren, aber es ist nicht das Setting für ein derartiges Gespräch und so frage ich auch nicht.
Aber ich freue mich über diese freundlich-offene Begegnung und das unser Land den Beiden eine (hoffentlich sichere) Heimat geben kann.
Immerhin sind wir doch ALLE Menschen „mit Würde“ – Ob nun Behinderte oder Zugewanderte!
Übergang zu SEV
Wir kommen mit so viel Verspätung (etwa 15 Minuten) in Lübeck an, so dass mein geplanter SEV nicht zu erreichen ist.
Also muss ich den Abfahrtsort für den SEV finden, was nach einigem Fragen auch gelingt. Am Bus des SEV gibt es vielfaches Befragen des dann ankommenden Buses und einige Verwirrung bei Fahrer und Reisenden. Schließlich jedoch werden alle Klarheiten beseitigt, und ich sitze im Bus, der in Eutin, aber auch in Malente hält.
Und zu guter Letzt ein unerwartetes „Privattaxi“
Mit dem SEV-Bus geht es bis zum Bahnhof in Malente. Dort suche ich den Bus 3 zur Holebystr., von wo aus es dann noch gut 700 m bis zu meinem Ziel, der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte, sein sollen.
Ich finde sie und setze mich gerade auf eine Bank, als ein PKW hält und ich durch das offene Fenster gefragt werde, wo in Malente ich denn hin wolle. Zwar hatten meine Eltern mir vor etlichen Jahrzehnten immer gesagt, ich solle mich nicht von fremden Menschen ansprechen lassen , aber erstens ist es ein älteres Ehepaar, und sie haben, wie ich glaube, im SEV-Bus hinter mir gesessen.
Und so erhalte ich auf meine wahrheitsgemäße Auskunft ein: „Wir bringen Sie hin!“. Also hilft mir der Herr, mein Gepäck in den Kofferraum zu verstauen und dann im Auto Platz zu nehmen.
Das Ehepaar, das aus Malente kommt, und gerade aus Magdeburg vom Besuch einer Freundin der Dame zurückkehrt, fragen, welches Seminar es denn gebe? Ich antworte „Deutschland, Europa und die Zukunft unserer Demokratie“ Kurz versichern wir uns gegenseitig, dass wir die derzeitigen Entwicklungen in der Welt als echt schrecklich und eine ziemliche Katastrophen empfinden, und schon sind wir da und ich habe mir eine Wartezeit von gut 40 Minuten in Malente sowie gut 700 m Laufen erspart.
Und so geht meine, ein wenig abenteuerliche Reise nach einigen wirklich netten Begegnungen mit freundlichen und hilfsbereiten Händen, bzw. den ihre Handlungen steuernden Köpfen nach etwa 9 Stunden glücklich, wenn auch etwas erschöpft, zu Ende.
Ende gut, alles gut! – Und „Der Weg war das Ziel“!
Der Einkauf der 3 mit dem Schlaganfall
Beim Einkauf ist ein anderer Kunde ein klein wenig schneller als ich und somit legt er vor mir an der Kasse auf. Als er alle Artikel aus dem Einkaufskorb auf das Transportband gelegt hat, biete ich ihm an, den Korb an meinem Ende der Kasse in die anderen zu stellen, doch er lehnt das ab, und sagt: „Bei mir geht alles etwas langsam“ – Dann schaut er mich an und sagt: „Sie hatten auch einen Schlaganfall.“ – Ich bejahe und so kommen wir ins Gespräch. Der Kunde vor mir spricht ein wenig verschwommen und erzählt, dass zunächst seine rechte Körperhälfte gelähmt war, sich aber wieder regeneriert habe. Klar, dann ist seine linke Hirnhälfte betroffen – und deshalb seine Aussprache etwas beeinträchtigt – andererseits bilden sich körperliche Einschränkungen häufig etwas besser zurück. Er sagt: „18 Jahre her.“, ich antworte: „Bei mir 21.“
Dann ist der Kunde weg und ich absolviere die Kasse. Vor der Eingangstür sehe ich einen weiteren Mann, der offensichtlich einen Schlaganfall hatte und gerade aus dem Auto steigt. Ich stelle meine Einkaufstasche in den Fahrradkorb und stelle den Einkaufswagen weg. Als ich zurück zum Fahrrad komme, steigt der Kunde vor mir gerade auf sein Fahrrad auf und fährt los – er fährt ein normales Zweirad. Der andere (Autofahrer) kommt auf mich zu. Ich sage: „Dann hätte ich Ihnen den Einkaufswagen auch gleich übergeben können.“ – Geht schon.“, antwortet er, bleibt aber stehen. Bei uns beiden ist offensichtlich, dass wir einen Schlaganfall hatten, nur ist bei ihm die rechte Körperhälfte betroffen – seine rechte Hand sehr betroffen. Und so tauschen wir unsere Erfahrungen aus – beide mussten Fahrproben machen, ich fahre lieber Fahrrad und Zug, er lieber Auto. Nun gut – ist sicher oft bequemer. So meint auch er, der Klaus heißt, dass er zu Hause einsteigen könne und am Zielort aus. Zuletzt sei er 920 km am Stück nach Wien gefahren – das sei schon viel – 600 km seien ok, 700 km auch noch, aber 920 seien echt viel. Ich sage, ich führe nicht mehr gerne Auto und das Fahrrad sei auch mein Sport und ich hätte den Gepäckkorb direkt dabei. Die gelähmte linke Seite werde mit bewegt beim Fahrradfahren und im Zug könne ich mal aufstehen und mich bewegen – im Auto täte mir nach einer Weile der linke Fuß weh. „Ja“, sagt er und deutet auf seinen Fuß, „aber Züge haben Verspätung.“ – „Ja, und Autos haben Stau.“ – „Stimmt.“ Gut: er fährt lieber mit dem Auto, ich lieber mit Zug und Rad – so sind halt Menschen unterschiedlich, selbst wenn sie dieselbe Krankheit und deren ähnliche Folgen haben. Das nennt man „Vielfalt“ – auch wenn die einigen und zunehmend auch in Deutschland nicht gefällt.
Auf jeden Fall war der Einkauf doch nett und die, wenn auch relativ kurzen, Gespräche doch nett und gegenseitig wertschätzend. Und man erkennt sich – wobei 3 von Schlaganfall Betroffene bei einem Einkauf quasi an einem Fleck ist nicht ganz alltäglich.
Ob Freibier noch zieht?
Im November 2025 besuche ich Oldenburg, um dort ein angedachtes Projekt mit meiner Mitstreiterin zu besprechen.
Auf der Rückfahrt ist der Zug von Osnabrück nach Duisburg so voll, dass die Leute im gesamten Gangbereich stehen und ich beim Versuch, die Toilette zu besuchen an diesen Reisenden vorbei und über Taschen und Koffer hinwegklettern muss. Mit Halbseitenlähmung fällt mir das nicht so leicht.
Als ich dann erfolgreich doch wieder an meinem Platz angekommen bin, und Wanne-Eickel bald erreicht wird, rufe ich: „Leute – hier gibt es Freibier“ – und schiebe hinterher: „Freifritten auch!“.
Doch als wir den Bahnhof Wanne-Eickel wieder verlassen haben, muss ich mir eingestehen, dass auch Freibier in Deutschland nicht mehr zieht 🙁 Was ist nur mit den Deutschen los? Ja, ich erinnere mich an die Nachricht vor einiger Zeit, der Bierkonsum in Deutschland sei zurückgegangen. Aber so krass? Armes Deutschland, was soll nur aus unserer „Wirtschaft“ werden? Ich fordere Zutatenoffenheit beim Bierbrauen und das Aus des Reinheitsgebotes – das schadet doch unserer Wirtschaft nur! Und wenn das Aus des Verbrenners ausgesetzt werden kann, sollte doch auch meine Forderung in Deutschland UND der EU umgesetzt werden können!
Herr Merz: Also bitte! – Sie versprachen doch einen „Herbst der Reformen!“ Da wird man Sie doch wohl noch auffordern können, sich endlich für unsere Wirtschaft ins Zeug zu legen! Schon Ihre Vorvorgängerin meinte: „Gut ist alles, was der Wirtschaft nutzt!“ Und dieser von Ihnen bekanntermaßen höchst-geschätzten Vorgängerin wollen Sie „nachstehen“? Echt jetzt?
Als wir im Frühling 2024 den Urlaub in Slowenien für den Herbst planen und nach Unterkünften in Ljubljana suchen, stoßen wir auf eine etwas andere Unterkunft;
Das Hostel Celica in Ljubljana hat ein ehemaliges Gefängnis in Hotelzimmer umgebaut, wobei die einzelnen Zellen unterschiedlich eingerichtet sind.
Es liegt nicht weit vom Bahnhof und ist mit (damals) 50-55 €/Nacht inkl. Frühstück durchaus attraktiv. Warum nicht mal etwas anderes ausprobieren?
Gedacht – gebucht. Allerdings kontaktieren wir dann die Unterkunft, da es offensichtlich unterschiedlich eingerichtete „Zellen“ gibt, und bei einigen Stiegen oder Leitern zum Bett zu überwinden wären, was mir behinderungsbedingt schlecht möglich ist. Es wird uns zugesagt, ein Zimmer ohne allzu schwierigen Bettzugang zu reservieren.
Einige Hintergründe zu Ljubljana und Slowenien
Ljubljana ist die Hauptstadt der Republik Slowenien und mit knapp 300.000 Bewohnenden die bevölkerungsreichste Gemeinde des Landes. Auch ist sie Sitz des römisch-katholischen Erzbistums und seit 1919 Universitätsstadt.
Slowenien ist die nördlichste Republik der ehemaligen Republik Jugoslawien und feierte 1991 seine Unabhängigkeit. Bei den Unabhängigkeitskriegen nach dem Tod Marschall Titos im Jahr 1980 war Slowenien im Gegensatz zu seinen südlichen Nachbarn Kroatien und Bosnien-Herzegowina relativ wenig betroffen. Lediglich vom 26. Juni bis 7. Juli 1991 gab es einen militärischen Konflikt nach der Unabhängigkeitserklärung Slowenien vom 25.6.1991. Im September 1989 wurden die ersten demokratischen Wahlen in Slowenien eingeleitet, denen die slowenische kommunistische Partei trotz massiver Drohungen aus Belgrad zugestimmt hatte, so dass sie im April 1990 durchgeführt werden konnten. Am 23. Dezember 1990 fand ein Referendum über die Unabhängigkeit Sloweniens statt, bei dem 88,2 % für die Eigenständigkeit stimmten.
Nach dem erneuten und erfolglosen Versuch eines Konsenses mit der jugoslawischen Staatsführung zur Bildung einer Konföderation lösten sich Slowenien und Kroatien am 25. Juni 1991 aus dem jugoslawischen Staatsverband. 1992 wurde Slowenien international anerkannt. Am 10. Juni 1996 unterzeichnete Slowenien ein Europa-Abkommen mit der EU und reichte gleichzeitig den Beitrittsantrag ein. Die offiziellen Beitrittsverhandlungen starteten im März 1998 und wurden Ende 2002 erfolgreich abgeschlossen. Am 23. März 2003 fand ein weiteres Referendum statt, bei dem sich über 89 % der slowenischen Bevölkerung für den EU-Beitritt aussprachen.
Am 1. Mai 2004 trat Slowenien im Rahmen der sogenannten Osterweiterung mit 9 anderen der EU bei. Anschließend trat das Land auch dem Schengen-Raum bei und führte 2007 den EURO als Währung ein, da es als ersten Land aus dem ehemaligen Ostblock die Konvergenzkriterien für die Eurozone erfüllt hatte.
Bereits 2023 hatten wir die mit etwa 113.000 Bewohnenden zweitgrößte Stadt Sloweniens, Maribor, besucht. Von dort hatten wir Tagesausflüge per Bus nach Ptuj sowie nach Ljubljana unternommen, und den die Idee zum diesjährigen Urlaub gewonnen, da uns Land und Leute sehr gut gefallen hatte.
Hinreise nach Ljubljana: Mit der Bahn – erfolgreich, wenn auch etwas anders als geplant!
Wir hatten frühzeitig die Bahnfahrt von Königswinter nach Ljubljana geplant, wobei wir eine recht gute Verbindung ohne zu viele Umstiege sowie mit genügend Zeitpuffer an den Umsteigebahnhöfen identifiziert hatten, die uns am 27.9.24 von Königswinter zunächst nach Bonn-Beuel, und von dort per IC nach Karlsruhe, weiter mit den ICE nach München, und von dort mit dem Railjet nach Villach (Österreich) und schließlich mit dem D-Zug von dort nach Ljubljana führen sollte. Als Frühbucher kostet mich das Ticket im Super-Sparpreis lediglich knapp 70 € (für mich). Meine Begleiterin kann auf meinem Behinderten-Ausweis mit „B“ kostenlos. Das geht in Deutschland, aber auch in Österreich und Slowenien, wenn man beim Ticketkauf den Behindertenausweis vorzeigt und um ein kostenloses Begleitticket bittet! Für knapp 70 € zu zweit vom Rhein in die Hauptstadt Sloweniens? Dagegen lässt sich doch nichts sagen, oder?
27./28.9.2024
Als die Reise näher rückt, erhalte ich über die Bahn-App die Nachricht, dass es den gebuchten Zug am Reisetag nicht geben wird. Also Alternative suchen, die von Bonn/Siegburg über Frankfurt/Flughafen nach München und wie geplant von dort weiter auch gefunden wird. Aufgrund des von uns nicht beeinflussbaren Zugausfalls ist die Zugbindung aufgehoben, und wir können bei der Verbindung sogar etwas später losfahren und kommen zur selben Zeit an. Also zum Bahnhof geradelt, um die Aufhebung der Zugbindung und vor allem (mit Behindertenausweis kostenlose) Sitzplatzreservierung in der neuen Verbindung zu erhalten.
Es empfiehlt es sich stets, die Verbindung vor Abfahrt nochmals zu checken – und so finde ich noch rechtzeitig raus, dass der Zug aufgrund von Signalstörungen zwischen Köln und Limburg nicht fährt.
Da alles gepackt ist, eilen meine Begleiterin und ich zum Bahnhof von Königswinter, um mit dem RE schon mal bis Koblenz zu fahren – das klappt auch noch. Der für die Weiterfahrt von Koblenz angedachte Zug fällt allerdings auch aus, wie wir unterwegs im Netz erfahren, so dass wir von Koblenz einen Zug zum Frankfurt nehmen. Unterwegs verfolgen wir gespannt die Verbindungsmöglichkeiten, und überlegen zwischenzeitlich in Mainz umzusteigen – oder doch besser in Wiesbaden? In Wiesbaden entschließen wir uns dann kurzentschlossen, in die auf dem Nachbargleis stehende S-Bahn zum Frankfurter Flughafen zu umzusteigen, da laut Bahn-App der ursprüngliche von Bonn/Siegburg angedachte ICE nun doch fährt, und wir ihn in Flughafen erreichen und besteigen könnten.
Das geht alles gut. In Frankfurt Flughafen müssen wir lediglich vom Regionalbahnhof zum Fernbahnhof gehen, und dort dann noch eine gute Weile warten, doch dann – mit erneuter Verspätung – kommt „unser“ Zug, wir steigen ein, und erreichen morgens sehr rechtzeitig München HBF, „als wäre überhaupt nichts geschehen“, quasi wie noch gestern geplant.In München erreichen wir nach einem Morgenkaffee den ganz ursprünglich geplanten Railjet nach Villach.
Danach geht alles gut, lediglich sollten Geh- und Bewegungsbehinderte wie ich bedenken, dass der D-Zug von Villach nach Ljubljana noch über alte (grüne) Wagons verfügt, wie diese früher auch in Deutschland üblich waren. Der Ein- und Ausstieg erfolgt über übereinanderliegende Tritte, was mit einem gelähmten Bein eine gewisse Herausforderung darstellt. Allerdings kennen wir das bereits von Vorjahr, als wir über Ljubljana nach Maribor gefahren waren, und auch damals hatte ich es geschafft. Also frohen Mutes einsteigen und die Fahrt gen Ljubljana frohgemut in Angriff nehmen. An der Grenze gibt es einen etwas längeren Aufenthalt, da die Lok dort gewechselt wird. Im Abteil sitzen wir mit anderen kofferträchtigen Mitreisenden ein wenig eingeklemmt, aber die Fahrt dauert ja lediglich etwa 1 1/2 Stunden.
Als ich in Ljubljana an der zum Ausstieg bereiten und offenen Wagontüre stehe, ist der Abstand zum Bahnsteig schon so, dass ich (wie letztes) Jahr etwas zögere und überlege, wie ich die Tritte und dann den Spalt zum Bahnsteig unfallfrei überwinden kann. Schließlich bitte ich einen kräftigen Herrn um Hilfe, und halb stütze ich mich auf ihn beim Sprung, halb hebt und trägt er mich auf den Bahnsteig. Auch das ist also geschafft, und wir sind im frühen Nachmittag am Zielort. Wo geht es hier nun zum Hostel Celica? Eine Mischung aus Smartphone-Check und Jemanden fragen lässt uns den nicht sehr weiten Weg in leichtem Nieselregen recht gut finden.
Dort werden wir an der Rezeption auch nett empfangen, füllen die Anmeldezettel aus, und bekommen den Schlüssel für unsere „Zelle“ im 1. Obergeschoss, das über eine Treppe erreichbar ist. Das Gemeinschafts-Bad/WC/Duschen (je eines für Männer und eines für Damen) liegen am anderen Ende des Flurs, so dass der Weg nachts bei Bedarf nicht gleich „um die Ecke“ ist, aber dennoch recht gut zu erreichen. Und zu viel Komfort könnte die Gefängnisinsassen ja zu unnötig langem Verweilen verführen konnte.
Unser Zimmer hat hinter der hölzernen Flurtür sowie dem dahinterliegenden metallenen Zellentür (s, Foto oben) einen kleinen Vorraum mit einem Stuhl, einem Schrank rechts und einen Regal links unter dem Fenster. Von dort geht es über einen großen Stein auf eine breite Matratze an deren Ende Lampen angebracht sind. Der Einstieg ins Bett über den Stein ist auch für mich recht gut bewältigbar.
Wir packen aus, erkunden die Bäder und verzehren dann im Erdgeschoss noch eine Pizza mit einem Glas Wein.
Draußen regnet es, und da wir die ganze Nacht unterwegs waren, gehen wir recht früh schlafen, was auf dem Bett recht gut geht.
28.9.2024 – Ljubljana
Nach dem mitgebuchten Frühstück im Erdgeschoss mit einem kleinen Buffet und einer kleinen Schlange am Kaffeeautomaten packen wir für die heutige Stadterkundung. Das Wetter ist heute angenehm und sonnig.
Direkt aus dem Eingang raus nach links ist ein kleiner Platz mit einigen Skulpturen und sonstigen Kunstgegenständen, auch ein kleiner Deal scheint an einem kleinen Tisch vor sich zu gehen, aber das betrifft uns ja nicht wirklich. Im Hostel hatten wir einen Stadtplan erhalten, doch ohnehin gehen wir zunächst einmal „frei Schnauze“ eine größere Straße hinunter bis zum Flussufer, an dem wir rechts abbiegen.
Bereits im Vorjahr während eines Tagesausflugs von Maribor aus waren wir durch die schöne, wenn auch ziemlich touristische Ringstr. unterhalb des Schlosses entlang gelaufen
Okt. 2023: alte Ringstr. unterhalb des Schlossberges – Foto: StH, 2023
Dort hatten wir uns an einem Platz in einem Café mit einem Snack und einem Kaffee gestärkt
Oktober 2023: Die Straßenkreuzung an einem kleinen Café an der Ringstr. unterhalb des Schlossberges. An der Ecke links geht es hoch zum Schloss – Foto: StH, 2023
Nach der Stärkung waren wir zum Schloss aufgestiegen, von wo man einen guten Blick über die Stadt hat.
Oktober 23: Blick vom Schlossberg auf Ljubljana – Foto: StH., 2023
Somit wollen wir heute andere Teile der Stadt erkunden.
Nach einer Weile am baumbestandenen Uferweg entlang geht rechts eine Treppe ab, von wo wir Musik hören. Am oberen Ende des Platzes ist ein kleiner Platz mit einem kleinen Park mit Bänken rechts. Auf dem gepflasterten Platz links ist eine „Kinderolympiade“ aufgebaut, bei der Kinder alle möglichen Sportarten an kleinen aufgebauten und betreuten Ständen ausprobieren können. Von dort kommt die Musik und der Platz ist voller Eltern mit ihren Kindern
An diesem Stand können Kinder einen Eindruck von Hockey erhalten (Foto: StH, 2024)
Offensichtlich ist die Veranstaltung von der EU gesponsert, zumindest sieht man das Logo der EU auf den Hinweistafeln zu dem Sportarten. Die Stimmung ist gut und ausgelassen friedlich. Wir denken: „So schön kann Europa sein!“ Und so lange ist der eiserne Vorhang noch gar nicht gefallen. Aber das kleine Land Slowenien scheint ein stabiles und überzeugtes Mitglied der EU zu sein, das nach unseren Erfahrungen in 2023 und 2024 von einem offenen und sehr freundlichen Volk bewohnt ist.
an anderen Ständen gibt es z.B. Bogenschießen, Skispringen (mit Kunstgrasplatten) oder Kickboxen – Foto: StH. 2024
Wir freuen uns über diese freundliche und friedliche Atmosphäre, die einfach Gemeinschaft und Interesse an Neuem ausstrahlt.
Von diesem Platz aus sieht man auch den Schlossberg, den wir 2023 besucht hatten.
29.9.2024 – Ljubljana (Foto: Stefan Hagelüken)
Nach einer Weile gehen wir weiter, zunächst kreuz und quer durch die Stadt und schließlich zum Stadtpark Tivoli. Auf dem Weg dorthin finden wir ein kleines Café hinter einer Mauer und unter Bäumen, wo wir recht leckeren Kuchen erhalten – es ist ein friedliches Plätzchen.
ein kleines Café in der Nähe des Tivoli-Parkes (Foto: StH, 2024)
Nach der Stärkung gehen wir weiter und passieren auf dem Weg zum Tivoli ein interessantes Haus mit Fassadenbepflanzung
Okt. 24 (Foto: StH)
Im Tivolipark gibt es u.a. eine Allee mit hochausgelösten Naturfotos links und rechts des Fußweges. Diese zeigen etwa Frösche, Insekten oder Pflanzen.
Die Allee im Tivoli mit sehr beeindruckenden (hochauflösenden) Naturfotos (Foto: StH, 2024)
Wir schlendern noch erkundend durch den Park, und sehen u.a. Skulpturen
Wurzelmann im Tivoli (Foto: StH, 2024)
Schließlich reicht es uns für heute und wir verlassen den Park. Wir wollen anders gehen als wir kamen, und so laufen wir leider in die falsche Richtung, die uns nicht wirklich in Richtung Hostel führt, wie wir nach einer Weile feststellen. Wir orientieren uns mithilfe unserer Smartphones, und so müssen wir einen großen Bogen nehmen, bevor wir endlich recht geschafft beim Hostel anlangen. Aber es war ein schöner Tag voller interessanter Eindrücke.
30.9.2024: Lbjubljana
Nach dem Frühstück im Hotel genießen wir erneut einen schönen Herbsttag im Tivoli-Park, in dem wir heute andere Teile erkunden und uns im Café am Seerosenteich stärken.
von der Terrasse des Cafés sehen wir den Teich, den ein Boot die Seerosenblätter befreit (Foto: StH, 2024)
Auch Spatzen freuen sich an den Krumen, die an den diversen Tischen herunterfallen
Die Spatzen – ne nicht vom Wallraffplatz 😉 (Foto: StH, 2024)
Vom Tivoli-Park aus sieht man auch ein paar recht herrschaftliche Häuser.
Foto: StH (September 2024)
Weiter im Hintergrund sieht man ein Haus mit einem interessanten Kubus auf dem Dach und dahinter das Schloss.
Das Schloss in Ljubljana vom Tivoli-Park aus (Foto: StH, 2024)
Auf dem Rückweg zum Hostel erkunden wir noch, von wo wir am folgenden Tag mit einem Kleinbus mit OMIO nach Izola, einem Ort auf einer Halbinsel an der Adria Sloweniens kommen. Die Tickets hatten wir bereits in Deutschland im Internet gekauft. Dieser etwa 1,5 stündige Transfer bis ins Zentrum von Izola ist sehr bequem und kostet uns in 2024 für die 1. Person 64 EURO, für die 2. Person dann die Hälfte, also 32 €. Vermutlich würden weitere Passagiere noch preiswertet mitfahren können.
1.10.2025: Transfer von Ljubljana nach Izola
Gegen Mittag geht unser Kleinbus von der GoOpti-Haltestelle, die hinter dem Busbahnhof ein wenig weiter in Richtung Tivoli-Park liegt nach Izola. An der Haltestelle stehen weitere Passagiere, die an unterschiedliche Orte möchten und nach und nach abgeholt werden. Dann kommt pünktlich der Kleinbus nach Izola, der erstaunlicherweise nur für uns bestimmt ist – es ist quasi ein Taxi mit eigenem Fahrer. Die Fahrt verläuft angenehm durch die hügelige und teilweise bewaldete Landschaft Sloweniens. Im Westen sieht man auch bisweilen die Ausläufer der slowenischen Alpen. Kurz vor Izola kommen wir an der Stadt Koper vorbei, von der aus wir mit Flixbus einige Tage später zurück nach Graz fahren werden. Koper ist mit etwa 54.000 Bewohnenden die viertgrößte Stadt Sloweniens, liegt am Meer und hat den einzigen Seehafen des Landes, den wir einige Tage später besuchen.
Im Hafen von Koper – Foto: StH, 2024
Man beachte die Größenverhältnisse! Unterhalb des „C“ hat ein Boot festgemacht, das vermutlich die Lotsen an Bord gebracht hat.
Aber zunächst fahren wir weiter nach Izola, wo wir für ein paar Tage ein Appartement gebucht haben. Dort werden wir in der Nähe eines Platzes an der Marina herausgelassen. An diesem Platz liegt auch die Touristeninformation, wo ich einen Stadtplan und einige Informationen erhalte. Auch eine öffentliche Toilette befindet sich in der Nähe. Und eine Post und die Bushaltestelle nach Koper liegt jenseits des Verkehrskreisel. Von diesem Kreisel aus in Richtung Altstadt findet mehrmals wöchentlich ein Wochenmarkt mit Obst und Gemüse statt, an dem wir uns am folgenden Tag recht preiswert mit diesen Lebensmitteln eindecken.
Wir trinken noch einen Kaffee und suchen dann unser Appartement. Bei dem vielleicht 1 km weiten Fußweg begegnet uns mehrfach ein Auto mit Kamera auf dem Dach, das offensichtlich die Straßen für Streetview aufnimmt. Ob auch wir seitdem bei Streetview zu Izola zu sehen sind, wissen wir nicht, aber wir sahen diesen Wagen wenigstens dreimal.
Einmal fragen wir unterwegs nach dem Weg, und erleben die Bevölkerung erneut als freundlich zugewandt und auskunftsfreudig. Slowenien ist ein kleines, recht entspanntes Land mit einigen Sehenswürdigkeiten, die – wie etwa die wohl sehr reizvollen slowenischen Alpen oder die Postanje Cave (eine wohl sehr große und beeindruckende Tropfsteinhöhle), Diese Sehenswürdigkeiten scheinen für mich als Gehbehindertem eher unzugänglich. Allerdings sehe ich nun im Internet, es gebe eine unterirdische Bahn in Postanje Cave und die Höhle sei familienfreundlich und barrierefrei. Da ich Derartiges nicht vermutete, haben wie sie auch nicht besucht. Selbst schuld, wenn man zu blöd oder zu faul zum rechtzeitigen Recherchieren ist! Nun gut: „Heute ist nicht aller Tage – ich komm (vielleicht) wieder, keine Frage!“. Genau Paulchen!
Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass Slowenien unserer Meinung nach einen Besuch wert ist, und sicher weniger überlaufen und vermutlich auch (noch) preiswerter als das benachbarte Kroatien. Zuzugeben ist allerdings, dass Slowenien nur einen sehr kleinen Küstenstreifen besitzt, und zum Strandurlaub sicher Kroatien tatsächlich die bessere Wahl ist. Andererseits kann man von Italien, etwa von Triest aus, auch mit dem Bus nach Slowenien fahren.
1.-5.10.25: Izola sowie Ausflug nach Koper
Nachdem wir uns im Appartement eingerichtet haben, gehen wir an der Marina entlang zurück zum Platz, wohin uns der Kleinbus gebracht hatte, und von dort weiter in die Altstadt
Die Altstadt von Izola (Foto: StH, 2024)
In einem kleinen Laden kaufen wir das Nötigste für die kommenden Tage wie Kaffee, Milch, Saft, etwas Brot und gehen dann sehr lecker in der Nähe des Marktes essen. In dieser Taverne sitzen an einem langen Tisch einige Einheimische, vielleicht lokale Fischer. Wir nehmen Platz und werden sehr freundlich bedient. Die Bedienung spricht auch Englisch, was die Kommunikation natürlich erleichtert. Wir bestellen auch eine Flasche lokalen Weißwein, der ausgesprochen lecker mit einer recht fruchtigen Note ist.
Ein lokaler Weißwein – recht lecker (Foto: StH, 2024)
Da Izola ja nur 2 Buchten von Italien entfernt liegt, und das Meer in Zeiten des „eisernen Vorhangs“ vermutlich kein wirkliches Hindernis war, frage ich die Bedienung nach jener Zeit. Ja, sie waren relativ gut mit Italien verbunden, fuhren bisweilen hin und handelten mit der Region um Triest. Ohnehin war der „eiserne Vorhang“ ja zwischen Westeuropa und Jugoslawien nicht so dicht wie zu anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks – und zu Slowenien, das lange zum Einflussbereich Veneziens gehört hatte, wohl noch weniger.
Gesättigt gehen wir zurück zur Unterkunft und schlafen recht gut, wenn auch in der Nähe wohl eine Party stattfindet, von der recht lange laute Musik zu hören ist. Nun ja – dann merkt man zumindest, dass es (noch?) Leben gibt 😉
Am nächsten Tag erkunden wir weiter die Stadt, die nicht sonderlich groß ist. Es gibt eine kleine Kirche in der Nähe des Marktes, für die man den Schlüssel in einer Taverne gegenüber erhält, wie ich in der Touristeninformation erfahren hatte.
Der Innenraum der Kirche der Hl. Maria von Alieto – vermutlich aus dem 11. Jahrhundert, Foto: StH. 2024
Von dort gehen wir durch kleine Gassen über Treppen mit langgezogenen Stufen auf den Hügel, auf dem sich eine weitere Kirche befindet.
Kirche des Hl. Mauro: ursprünglich 1356 gebaut und im 16. Jhd. umfassend erneuert (Foto: StH, 2024)
Von diesem Hügel, der höchsten Erhebung von Izola gehen wir durch ein parkähnliches Gelände runter zur Küste, an der es auch ein paar Strandcafés und eine kleine Ecke Kiesstrand gibt. An der Küste entlang landen wir dann wieder in der Altstadt am Markt.
Das Meer unterhalb der Kirche des hl. Mauro, (Foto: StH, 2024)
Eine Gasse in der Innenstadt von Izola (Foto: StH, 2024)
Durch die Altstadt und an der Marina vorbei gelangen wir wieder zum Appartment.
Den folgende Tag verbringen wir „in-door“, da es den ganzen Tag ziemlich stark regnet, aber derart können wir uns gut ausruhen.
Am 4.10.24 fahren wir von dem kleinen Platz an der Marina, an dem auch die Touristeninformation und die Post liegen, mit dem Bus nach Koper, das vielleicht 10 km von Izola entfernt ist Aber Vorsicht: es gibt zwei Buslinien, und wir wählen die falsche, die uns nicht ins Zentrum von Koper, sondern zu einem Bushof ein wenig außerhalb bringt. Das ist letztlich nicht wirklich schlimm, aber eben ein wenig zu laufen.
In Koper geht es durch ein Tor und über einen dahinterliegenden Platz in die Stadt, dann gerade aus durch eine Straße oder halb rechts eine Treppe aufwärts mit langgezogenen Stufen zum zentralen Platz in der Innenstadt.
Der Hauptplatz in Koper (Foto: StH, 2024)
An diesem Hauptplatz liegt auch die Kathedrale, und übrigens auch ein kleiner Supermarkt.
Der Kathedrale am zentralen, hochgelegenen „Haupt-Platz“ von Koper – eine Mischung aus Gotik, Renaissance und Barock, der Glockenturm ist 54 m hoch (Foto: StH, 2024)
Von Hauptplatz gehen wir auf der anderen Seite weiter zur Küste hinunter, wo sich uns ein interessantes Farbenspiel am Meer zwischen Wasser und Himmel bietet
Foto: StH (Okt. 2024)
Am Platz wo der in die Stadt fahrende Bus aus Izola hält, befindet sich auch eine Bäckerei mit sehr leckeren Pistaziencroissantes – sehr zu empfehlen! Bislang haben wie Croissantes mit Pistazien noch nirgendwo anders gesehen. Warum eigentlich? Schoko-croissants gibt es doch auch.
Von diesem Platz vor dem Eingangstor nach Koper hinein befindet sich auch die Haltestelle des Flixbus, mit dem wir am folgenden Tag nach Graz fahren werden.
5.10.25; Transfer von Izola nach Graz
Also gehen wir nach dem Frühstück vom Appartement zum kleinen Platz nahe der Marina, wo wir vor einigen Tagen auch angekommen waren. Dieses Mal nehmen wir den richtigen Bus und gelangen somit zum Stadteingang von Koper. Wir haben noch einige Zeit, schlendern etwas herum, genießen weitere Pistaziencroissants. So ganz kann man nicht herausfinden, von welcher Seite der Straße vor dem Tor am Eingang von Koper der Flixbus nach Graz abfährt,. Wir sollten halt schauen, sagt man uns. Irgendwann sehen wir einen Flixbus auf der Straßenseite, die vom Stadttor und quasi stadtauswärts führt. Wir entschließen uns, mal zu sehen, wohin der fährt, und tatsächlich ist es unser Bus. Das Gepäck wird verladen und wir steigen ein. Kurz danach fährt der Bus los – scheinbar hat er nur noch auf uns gewartet. Dieser Bus fährt auch über Ljubljana, so dass wir auch diese Stadt nochmals durchqueren. An der Grenze zu Österreich wird ein Passagier von den Zöllnern eingesammelt. Vom Aussehen könnte es ein Afghane, Iraker oder Syrer gewesen sein. Die EU wird halt immer mehr zur „Festung“ und „irreguläre Migration“ soll unterbunden werden. So dauert der Grenzübertritt insgesamt etwas länger als geplant, aber im frühen Abend vielleicht drei bis vier Stunden nach der Abfahrt in Koper erreichen wir die Flixhaltestelle am südlichen Rand von Graz. Klar haben Züge den Vorteil, dass die Bahnhöfe meist bereits im Zentrum sind, und wir müssen nun erst einmal erkunden, wie wir in die Stadt und zu unserer Unterkunft kommen. Wir sehen aber eine Stadtbushaltestelle und fragen einen Busfahrer, der dort hält, wie wir dahin kommen, wo unsere Unterkunft ist. Mit einmal in eine Straßenbahn umsteigen gelingt uns das dann recht unkompliziert.