Reisen mit Behinderung

Perspektivwechsel

Demokratie

Aus Politik und Zeitgeschehen

Autor: stx260119

  • #Trotzdem – oder jetzt erst recht!

    Eingestellt am 6.9.2024

    mit Handicap on Tour“

    INTRO:

    Wir beide sind schwerbehindert, und letztlich lernten wir uns kennen und liebten wir uns auch deshalb, seit einer medizinischen Rehabilitation im Frankenland im Januar/Februar 2012. Nach fast 13 Jahren waren wir getrennt, weil es wohl trotz allem Bemühen nicht ging und der (seelische) Schmerz zu tief saß und zu überwältigend zu wirken schien. Doch im „Trennungsjahr“ merkten wir, dass wir ohne einander weder können noch wollen – und so fanden wir wieder zusammen,

    Wir, das sind:

    sie, geb. 1967 und nach der Diagnose einer primär progredienten MS frühverrentet. Es gibt bessere und schlechtere Tage, 2012 gaben ihr die Ärzte eine extrem schlechte Prognose, „weil die MS viel zu schnell fortschreite“. Mit viel unerschütterlichem Willen und Lust am Leben strafte sie die Ärzte Lügen, wie man nun im Juni 2024 mit Fug und Recht behaupten kann. Aber es ist oft tatsächlich ein Kampf, die Tage sind oft begleitet von Schmerzen und sie muss stets auf die Einteilung ihrer Kräfte achten, was ihr oft schwerfällt. Aber, als die Kraft für ein „analoges Fahrrad“ nicht mehr reichte, entdeckten wir e-Bikes und bei ihrer ersten Probefahrt strahlte sie über beide Ohren und wie ein Honigkuchenpferd. Das e-Bike bietet ihr neue Möglichkeiten, wobei sie auch dabei stets auf ihren Kräftehaushalt achten muss. Geht sie über den Punkt, geht plötzlich gar nichts mehr und sie muss es auch an den Folgetagen mit Schmerzen und Muskelversteifung / Spastiken teuer bezahlen. Dann kann sie kaum die Füße heben und die Angst kommt, dass es nicht mehr besser wird. Übrigens hat die progrediente MS keine Schübe und es gibt im Falle einer bereits längeren Erkrankung keinerlei Medikamente oder erfolgversprechende Behandlung außer dem eigenen Willen und dem täglichen Kampf, sich nicht hängen zu lassen und in sein Schicksal zu fügen. Es ist die chronisch sich verschlechternde Form.

    Sicher nur dank ihres Willens kann sie mit ihm noch die Touren unternehmen, bei denen wir gemeinsam beschlossen, diese in einem Blog zu beschreiben, um andere Menschen an unserer Lebensfreude und unseren Erlebnissen teilhaben zu lassen und (hoffentlich) anderen Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten den ein oder anderen Tipp und vielleicht Kraft, Lust und Mut auf Nachahmung zu vermitteln. Wir sind interessiert an neuen Eindrücken, Menschen und Gegenden, sowie deren Perspektiven. Wir möchten unsere gewohnten Denk- und Lebensweisen, letztlich die „Komfortzone“ auch mal verlassen.

    Er, geb. 1961, erlitt im Juli 2004 einen schweren Schlaganfall, der ihn über Not-OP, künstliches Koma und Intensivstation sowie jahrelange Physiotherapie, die ihn nach etwa 9 Monaten zunächst aus dem Rollstuhl befreite, bevor sich mit viel Ausdauer immer mehr „Bewegungsfreiheit“ wieder eröffnete. Ein Leben mit linksseitiger Lähmung verblieb, doch reiste er z.B. dienstlich auch wieder selbständig interkontinental, was ihm (wieder) eine neue Qualität bot .

    Natürlich hat sich das Leben in vielen Aspekten sehr geändert, doch sieht und erfreut er sich der Dinge, die noch gehen. Und seit er 2006 ein Dreirad in einem Fahrradladen sah und bei der Probefahrt gewahr wurde, dass er (mit ganz leichtem Umbau) darauf auf- und von ihm wieder selbstständig absteigen konnte, hat auch er wieder einen weit größeren Aktionsradius. Außerdem wurden einige Bedienelemente von der linken Lenkerseite auf die rechte verlegt. Das Hilfsmittel ist ein Fusskorb der Pedale am linken (gelähmten) Fuß, damit dieser nicht immer von der Pedale rutscht, Und etwa 2022 erhielt er in einem Bonner Fahrradfachhandel den Tipp einer „Hase-Pedale“, die die Ferse durch einen Gummizug in die Pedale hineindrückt und somit besser auf der Pedale hält, was zuvor insbesondere bei unebener Strecke oft nicht gut gelang. Seitdem sind auch Steigungen etwas besser zu bewältigen. Für Alpen reicht der Ehrgeiz dann doch nicht;). Aber die Eifel wurde schon besucht.

    Und nachdem sein erstes, noch „analoges“ Dreirad 2020 im Rahmen brach, kaufte er sich ein neues e-Trike, das ebenfalls die Steigungen etwas erleichtert und den Aktionsradius nochmals erweitert.

    11.-14.6.2024 – MOSEL-/RHEINTOUR

    Der 3-beinige Drahtesel (ohne Verbrennungsmotor)

    11.6.25: Von Königswinter nach Unkel

    Radeln am Rhein entlang von Königswinter nach Unkel: eigentlich eine schöne und leichte Etappe, wäre da nicht die Vollsperrung des Fahrradweges kurz vor dem Bahnhof Unkel gewesen, die in der Rich-tung leider vorher nicht angekündigt wurde – wohl jedoch in der anderen Richtung in Unkel, wie wir später feststellten. Kurz vor der Baustelle kam uns ein anderer Fahrradfahrer entgegen, der meinte, etwas weiter sei gesperrt. Wir dachten in unserem jugendlichen Leichtsinn (sie in den späten 50ern, er die gleiche Jahreszahl bereits jenseits der 60), man wird doch wohl irgendwie dort weiterkommen, doch die Vollsperrung belehrte uns eines Schlechteren.

    Also ein Stück zurück und dann links oder rechts? Der andere Radler fuhr links und da er ein (noch mehr) Einheimischer als wir zu sein schien, folgten wir ihm. Tatsächlich konnte man links ein kleineres Stück zum Rhein hin radeln, und dann wieder links entlang des Rheins. Dieser Weg war allerdings eher ein Radtrampelpfad denn ein Radweg, also relativ eng – zumindest für mein Dreirad und durch eine „Brennnesselallee“. Dennoch erreichten wir nach vielleicht gut 500 m einen Parkplatz und konnten von dort aus bequem und problemlos Gleis 1 des Unkeler Bahnhofs erreichen, das ohne Unterführungen, also barrierefrei zugänglich ist. Auf dem Bahnhof befand sich bereits eine lustige, vielleicht 8-köpfige Wandergruppe. Da wir wussten, dass der Einstieg in das Fahrradabteil einiger Regionalzüge nur über 2 Stufen führt und damit nicht barrierefrei zu bewältigen ist – was denkt sich die DB eigentlich dabei? Hunde und Rollstuhlfahrende: „Wir müssen leider draußen bleiben!“?

    Jedenfalls fragte ich die Wandersleut schon mal vorsorglich, ob sie uns beim Einstieg helfen könnten, wozu sie gerne bereit waren, sollte dieser Zug einer jener welcher sein …

    Und so warteten wir die nicht nur fahrplanmäßig etwa 20 Minuten bis zur tatsächlichen Ankunft, sondern das akademische Viertel oben-drauf! Schön, dass die Bahn auch derart hochgebildet unterwegs ist!

    Und dann war es tatsächlich einer dieser „Was-denkt-sich-die-DB-eigentlich-dabei“-Züge und die Wandersleut legten helfende Hand an. Während sie bis Bad Hönningen fuhren. Unserer Meinung nach ist Bad Hönningen im Gegensatz zu Erpel und Unkel, deren Ortskern einen Besuch wirklich wert ist, keine besonders reizvolle Stadt, doch bleiben uns die vermutlich reizvollen Wanderwege im Hinterland leider behinderungsbedingt verborgen.

    Jedenfalls ging die Gruppe dort freundlich grüßend uns das beste wünschend auf Wanderschaft, während wir weiter bis Koblenz fuhren, wo wir zwar nicht den fahrplanmäßig nächsten Zug erreichten, aber mit durchaus erträglicher Wartezeit einen kleinen Zug zu unserem Ziel „Cochem“. Dieser wurde mir in der DB-App nicht als Möglichkeit genannt, war aber dennoch erfreulicherweise real existierend. OK, die Menge an Fahrradstellplätzen war eher überschaubar und wurde dies durch mein Dreirad eher noch mehr, aber dann passten die insgesamt 4 Räder doch, auch wenn mein Dreirad quer in einem Eingangsbereich stand. Die Fahrt bis Cochem verlief dann problemlos. Der Einstieg in diesen Zug war übrigens dank ausfahrender Rampe und Stufenlosigkeit tatsächlich barrierefrei, wofür der DB herzlichst gedankt sei!

    Vom Bahnhof, der über einen Aufzug verfügte, was wir zuvor im Internet erkundet hatten, verließen wir den Bahnhof. Allen nicht-tätig-gewesenen Zerstörenden sei gedankt, dass der Aufzug im Bahnhof tatsächlich funktionierte. Ja, liebe Leute: Aufzüge in Bahnhöfen haben tatsächlich Sinn und Wert – und für einige, wie uns, noch etwas mehr!

    Dann radelten wir entlang des Rheins gut 2 km weiter flussaufwärts bis zum Hotel „Zur schönen Aussicht“, wo uns der Besitzer bereits erwartete.

    Die begrüßende Einführung am Hotel war hilfreich, auch wenn sie nicht auf die Aussicht einging. So wurde beschrieben, wo der Fahrrad-raum liegt: links und dann wieder links, dann durch eine braune Tür – und so brachten wir unsere Drahtesel zunächst in ihren Stall und dann uns selbst in den unsrigen in der 1. Etage.

    Der Fahrradstellraum ist gut gesichert und bietet relativ vielen Rädern Platz und Lademöglichkeiten. Das Zimmer war völlig ok und das morgendliche Frühstück reichhaltig, frisch zubereitet und wirklich lobenswert. Für mich war die Treppe in den 1. Stock durchaus zu bewältigen. Ein Aufzug steht leider nicht bereit, was für anderes Gehbehinderte zum Hindernis werden kann.

    12.6.24: Von Cochem nach Kobern-Gondorf

    Blick von Hotel „Schöne Aussicht“ in Richtung Cochem

    Gegen 10.00 Uhr verließen wir dieses empfehlenswert gastliche Haus und ritten auf unseren 5 Rädern zunächst zu einer kurzen Rundfahrt durch das Zentrum von Cochem

    – die Burg zu erklimmen sparten wir uns, doch führte uns unsere rege Phantasie, die wir durch ein am Wegesrand lagerndes Faltblatt von und zur Historie der Stadt anregen ließen: Eine Zeit einige Jahrhunder-te zurück, als Raubritter sich gegenseitig die Köpfe ein- und die Pferde unter dem Arsch wegschlugen und statt den wohl damals eher selte-nen Radlern lieber prall gefüllten Schiffsbäuchen und einigen ebenso gefüllten Wagen mit Pferdestärke wegelagerten. Somit sei die, doch wieder allen Unkenrufen interessierter Kreise zum Trotz, in heutigen Tagen durchaus gute innere Sicherheit der modernen radbewegten Handels- und Wanderwege gelobt und gepriesen.

    Wie mag es gewesen sein, als die Stadt 1688 und 1689 niedergebrannt und die Bevölkerung gequält, beraubt, geschändet und ermordet wurde? Was mögen die Menschen empfunden haben? Oder nahmen sie es als „gottgegeben“ hin? Aber haben nicht Menschen zu allen Zeiten gelitten, waren sie nicht immer gefühls- und schmerzempfindlich? Konnte der Glaube dieses Leiden tatsächlich erträglich machen?

    Oder die Pest in Cochem von 1423-25, an die noch heute das Peterskappelchen am Hang, zwischen Burg und Stadt erinnert:

    Peterskapellchen und Burg Cochem am Hang über Cochem

    Es kommt uns so fern und unmenschlich vor, und doch ist es gar nicht so fern, wenn man an Dafur im Sudan, Homs und Aleppo in Syrien oder Butscha in der Ukraine denkt. Der Mensch bleibt dem Menschen ein Wolf – auch heute!

    Wie mag andererseits das Leben zur Blüte der Stadt gewesen sein, als etwa im 18. Jahrhundert Cochem laut des Faltblatts „Geschichte der Stadt Cochem“ die Stadt immer mehr zum Zentrum von Handwerk und Handel wurde, und jede Woche das Marktschiff mit Waren und Reisenden vollbeladen nach Koblenz fuhr?

    Aus Ruinen erstanden, wie nach schwerer Krankheit. Kann das Leben nicht auch schön sein? Solches Wiederaufblühen wünschen wir auch der Ukraine und all den anderen geschundenen Orten dieser Welt!

    Nach der kleinen Rundfahrt durch Cochem fahren wir weiter moselabwärts gen Koblenz.

    Gut: wir treffen andere Radler, die wollen heute noch bis Koblenz oder gar Mainz. Wie meine werte Begleiterin ein wenig kopfschüttelnd bemerkt, sind einige der Herren mehr oder weniger modisch und sicher praktisch funktionsgekleidet, während wir batikbehemdet doch eher nicht fahrradmessentauglich gekleidet sind. Zugegeben, uns fehlt für solche weitradelnden Pläne neben der passenden Funktionsklei-dung wohl auch der nicht-behinderte Ehrgeiz. Uns reicht als Tages-pensum die etwa 35 km bis Kobern-Gondorf und so wurden wir folge-richtig von den Funktionsbekleideten überholt und abgehängt. Dies stört uns nicht weiter, weil unserer Meinung nach in der Ruhe die Kraft liegt und in der gemütlich durchradelten Landschaft die Freude. An der Mosel besteht diese Landschaft neben Fluss und Dörfern aus Weinbergen, die teilweise hier an den weltweit steilsten Hanglagen liegen. Einige Flächen, besonders jene weiter oben, scheinen für den Weinbau aufgegeben zu sein, doch sieht man auch immer wieder Parzellen mit offensichtlich jüngeren Rebstöcken.

    Weinberge hinter Cochem

    Und auf den Hügeln und teilweise an den Hängen beiderseits des Flusstales befinden sich immer wieder Burgen.

    Der Radweg führt in dieser Etappe leider auf einem nicht sehr breiten Streifen neben der durchaus breiteren Autostraße.

    Ganz offensichtlich hat der Autoverkehr Priorität

    Irgendwie schade, aber das wird dem Autoland Deutschland und seiner entsprechend lobbymächtigen Industrie sicher gerecht – man muss halt Prioritäten setzen, nicht wahr?

    Preisfrage: Was haben Hochwasser im Dezember an der Ruhr, später an Saar und Blies und jüngst Inn und Donau mit einer solchen Prioritätensetzung zu tun? Keine Ahnung – ich bin ja behindert!!!

    Unterwegs haben wir bei einer Rast am Moselufer einen netten Schnack und Austausch mit einem österreichischem Radlerpärchen, die wir des Dialekts halber für Schweizer halten, doch dann aufgeklärt werden, dass sie aus dem schweiznahen Österreich kämen. Mit dem Auto waren sie bis Koblenz und dann mit der Bahn – jeweils die Räder mitnehmend nach Trier gefahren, von wo sie nun moselabwärts zu-rückradelten. Wir hatten uns bereits in der „schönen Aussicht“ gesehen.

    Bei einer anderen Rast kommen Besucher, die vermutlich erfahren haben, dass bei Rastenden auch gerne etwas abfällt. Dabei wissen sie vielleicht nicht, dass Brot ihren Mägen wirklich nicht förderlich wäre? Gras ist da schon geeigneter!

    Gras ist auch tatsächlich bekömmlicher für Euch!

    Etwa bei Müden kommt uns ein kleiner Trupp Radelnder entgegen und einer wirft uns das hier heimische und sehr beliebte „Grüß Gott“ entgegen. Na, hat denn König Markus seinen Freistaat schon an die Gefilde der Mosel erweitert und den „Preußen“, für die sich die Rhein-länder übrigens nie wirklich hielten, gezeigt, wo der Hammer der deutschen Leitkultur hängt? Und das ist uns nur gar nicht aufgefallen? Oder sind das erst die ersten Späher und Kundschafter, die alle hilfrei-chen Informationen für die bevorstehende Invasion erheischen sollen? Nun ja, der Mann scheint ganz friedlich und so vermuten wir stattdes-sen das Beste, dass er ein freundlich zugewandtes Gemüt hat und nur der hiesigen Sitten noch nicht ganz gewahr ist.

    Und so radeln wir den frommen Wunsch mitnehmend einem dunklen Himmel entgegen und nutzen den Gedanken an ein höheres Wesen zu einem dreifachen „No rain“ – schließlich hat die Zahl Drei im Christentum eine wichtige Bedeutung.

    Vor uns die Regenfront

    Doch wie schon in Woodstock wird der Wusch nicht erfüllt, zumindest nicht ganz und es fängt an zu tröpfeln. Allerdings ist dies am diesen den April quasi verlängernden Junitag eher eine kleine Sommerdusche denn wirklich störend. Nur die Brille weist ein etwas sehbehinderndes Muster auf.

    Und dann stellen wir etwas später und einige Radkilometer weiter erfreut fest, dass wir mitnichten alleine auf der Welt in unserer Art sind. Uns begegnete eine größere Gruppe „Signalwesten“, auf Ein- oder Doppelrädern, einige der letzteren mit 2 Sitzen nebeneinander und einem Schild am Lenker: „Mich kann man mieten“ – auch diesen Gleichgesinnten gefiel ihr Ausflug ganz offensichtlich und wir strahl-ten einander an, während wir uns begegneten.

    Eines der entgegenkommenden und offensichtlich ausleihbarem Doppelrädern

    In Gondorf fahren wir zu weit, also an der gebuchten „Pension Marien-hof“ vorbei.

    Wir sind rechts der Bahnstrecke und der Ort Gondorf scheint sich links der Schienen zu erstrecken. Nur kommt man hinter Lehmen und dann bis Kobern nicht mehr über die Schienen. Bereits zu Gondorf gehört das Schloss von der Leyden:

    „Ehemals umgeben von einem Wassergraben ist Schloss von der Leyen – die ehemalige Gondorfer Oberburg – die einzige Wasserburg an der Mosel.

    Erstmals erwähnt wurde die Burg im Jahr 1272. Erbaut wurde sie wahr-scheinlich bereits im 12. Jahrhundert. 1560 residierten die Fürsten von der Leyen hier und gestalteten die Burg zum Schloss um. Dieses Adels-geschlecht war seinerzeit das mächtigste der Mosel. Im Jahr 1720 gehörten ihnen allein 275.000 Rebstöcke. Damit machten sie ihrem Namen alle Ehre. Ley bedeutet Fels, was die von der Leyens zu den Herren der Felsen macht.“

    Der Radweg führt durch das Gebäude hindurch, und hinter dem Schloss sehen wir, auf der jenseitigen Bahngleisseite interessante Gebäude wie eine Kirche, ein größeres Herrenhaus und einen „abgebrochenen Turm“ an einer Mauer, die zu Schloss Liebig gehören.

    Die Kirche in Gondorf

    Der Turm

    (dies der Blick von der anderen Moselseite von Niederfell aus)

    Jedenfalls haben wir den Eindruck, dass wir zu weit gefahren sind, checken dies im Internet und sind uns dann sicher. Also müssen wir ein Stück zurückradeln, und tatsächlich geht bald ein Durchgang näher zur Mosel hin und dann ein schmaler Pfad am Moselufer in Richtung Lehmen zurück. Wir fahren dort entlang, doch ist der befestigte Pfad wirklich recht schmal, und links von ihm droht ein Absturz über eine Kante, im besten Fall in Büche, oder gleich auf Steine am Moselufer.

    Der schmale und für breitere Räder herausfordernde Weg direkt an der Mosel

    Mit dem Dreirad ist das kein wirkliches Vergnügen und ich muss sehr langsam und vorsichtig-konzentriert fahren, doch nach einigen hundert Meter zurück kommt zunächst eine Durchfahrt, hinter der sich jedoch nur eine Treppe befindet, und noch etwas weiter tatsächlich eine Durchfahrt, die uns unter Straße und Bahngleisen durch und nach einer Rechtskurve tatsächlich direkt zu unserer Unterkunft führt. Als wir auf das Gelände dieser Pension fahren, kommt uns ein Radlerpärchen entgegen und sie grüßen uns freundlich.

    Vorderseite des „Marienhof“ in Kobern-Gondorf

    Wir halten vor dem Haus und orientieren uns. Etwas links sind 2 breite Stufen und Klingeln. Ich klingele und merke dann, dass die Tür offen ist und trete in einen Flur. Nach ein paar Metern geht eine Treppe in Gegenrichtung ab, an der ein Pfeil „Rezeption“ hängt. Also steige ich in den 1. Stock hinauf, wo mich ein Mann in den besten Jahren empfängt. Ich grüße und verweise auf unsere Reservierung über Booking.com. Er möchte mir das Zimmer in der nächsthöheren Etage zeigen, aber ich verweise auf meine Begleiterin und unsere Räder. Die Räder können wir im Flur unten abstellen und er kommt mit mir die Treppe runter. Er macht auch den anderen Türflügel auf und hilft mir, die beiden kleinen Stufen an der Schwelle zu überwinden, um mein Dreirad in den Flur zu schieben. Danach führt er uns in den 2. Stock zu unserem Zimmer.

    Doppelzimmer im „Marienhof“

    Dabei erzählt er – offensichtlich durch meine Gehbehinderung angeregt, von einer blinden Dame, die vor einiger Zeit mit ihrer Begleitung in seiner Pension übernachtet habe.

    Er sei bezüglich der Treppen etwas beunruhigt gewesen, doch sie habe versichert, es bewältigen zu können. Bei ihrer Abreise meinte sie „Sehen Sie, das ging doch gut!“ Gerne hätte er einen Aufzug eingebaut, doch stehe das Gebäude stehe unter Denkmalschutz. Im weiteren Gespräch erfuhr ich, dass er seit gut 30 Jahren in Kobern sei und diese Pension seit 20 Jahren betreibe.

    Das Gebäude ist wirklich urig und die Zimmer zwar einfach, aber ansprechend eingerichtet. Eine Dusche befindet sich in einer Seitennische, wo sich auch ein Waschbecken findet, das WC ist auf dem Flur und wird von zwei Doppelzimmern genutzt.

    Aus den Fenster an der hinteren Wand blickt man in einen Garten, wo sich auch ein Tisch mit Stühlen befindet.

    Sitzgruppe im „Marienhof“

    Wir fühlen uns wohl in dieser nicht ganz alltäglichen Umgebung, und lassen unser Gepäck im Zimmer, bevor wir die etwas mehr als 2 km nach Kobern radeln.

    Zunächst fahren wir über den restaurantbewehrten Markt hinaus ein Café suchend. Eine Bäckerei, die wir passieren, ist ganz offensichtlich ohne Betrieb, um nicht „verlassen und verrammelt“ zu sagen. Als es nur noch aus dem Ort hinaus weitergeht, frage ich einen entgegenkom-menden Mann, den ich als Einheimischen einschätze, wo es ein Café gebe. Er bleibt gerne für einen Schnack stehen und meint melancho-lisch, früher sei in Kobern viel los gewesen, ganze Busladungen aus Holland hätten damals Kobern besuchten. 4-6.000 Besucher sind damals am Wochenende in den Ort gekommen. Es habe Dutzende von Kneipen gegeben, aber nun sei vieles ausgestorben und geschlossen.

    Die Treppe ist eine Herausforderung für Gehbehinderte und war dies sicher auch für die blinde Besucherin, von der der Wirt uns erzählte. Aber sie schaffte es, und wir auch. Ein Zimmer gibt es wohl auch im Erdgeschoss, wobei dann die Treppe zum Frühstück im 1. Obergeschoss bewältigt werden muss.

    Er beschreibt uns den Weg und wir radeln dorthin. Allerdings ist das Café von der Straße durch eine Baustelle getrennt. Dennoch kehren wir ein und bekommen Kaffee und Kuchen. Das Personal ist ob Lärm und Staub „not amused“, aber was sollen sie machen. Es werde ein Kabel verlegt – also wird das Café dann künftig zumindest schnelles Internet an jene bieten können, die dies wünschen.

    Da es noch früh ist, fahren wir noch über die Moselbrücke von Gondorf nach Niederfell. Es erscheint zunächst als Straßendorf, wenn man sich nicht den hinteren und moselabgewendeten Dorfteil erkundet. In der Parallelstraße befinden sich ein alter und wieder restaurierter Dorfbrunnen und einige ältere Häuser.

    Von Niederfell aus fahren wir zurück zu unserer Pension. Dieses Mal nehmen wir nicht den schmalen Moselpfad, den wir – wie uns die Frage unseres Wirtes klarmachte – nur dank emsig Arbeitender überhaupt passieren konnten, die nach dem Hochwasser, das vor kurzem auch an der Mosel stattgefunden hatte, den Pfad von angeschwemmten Ästen und gar Bäumen befreit hatten.

    Aber für Besuchende, die aus Richtung Cochem kommen und zur Pension Marienhof streben, jedoch nicht nach blutdruckerhöhendem Abenteuer, zumindest Reisenden mit breiteren Gefährten als Zweirädern sei empfohlen, bereits in Lehmen auf die andere Seite der Bahngleise zu wechseln, oder bis Kobern weiterzufahren und dort durch die Durchfahrt zur Hauptstraße und dann jenseits der Gleise sofort links zurück in Richtung Liebig-Schloss und Pension zu fahren.

    An dieser Straße befindet sich rechts übrigens auch ein großer REWE-Markt, in dem man hoffentlich entgegen des Namens nicht nur mit „Hundertmark“ zahlen kann, da die mittlerweile recht schwer zu erhalten sind.

    13.6.24 Nach den Frühstück von Kobern-Godorf nach Andernach

    Der sehr liebevoll eingedeckte Frühstücksraum im 1. Obergeschoss

    Es wird in einen wirklich mit viel Liebe eingedeckten Raum im ersten Obergeschoss serviert, und „serviert“ ist wörtlich zu nehmen. Beim Eintritt fragt der Pensionswirt, ob man Kaffee haben wolle – es gäbe auch Tee. Er serviert einen Teller, der kunstvoll mit Gurken-, Tomaten- und Radieschenstücken belegt ist sowie einen anderen mit etwas Obst. Auch ein Brötchenkorb, Butter, Marmelade, Honig und Wurst und Käse werden kredenzt.

    beim Frühstück

    Auf den Tischen stehen frische Blumen, ruhige Musik begleitet das Frühstück. Es ist wirklich eine zauberhafte und diesem besonderen Ort angemessene Atmosphäre sowie eine Bewirtung zweifellos aus Passion.

    Von unserem Wirt erfahren wir beim Frühstück auch, dass Kobern früher der „Ballermann an der Mosel“ gewesen sei und tatsächlich viele Holländer gekommen sind, ebenso viele Menschen aus bis zu 20 km entfernten Moselorten. Es sei der Ort gewesen, um Partner oder Partnerin kennenzulernen, eine große Party an jedem Wochenende.

    Allerdings habe der Lärm und das Gesaufe und Gegröle etwa die Hälfte der Einwohnerschaft gestört, so dass sie sich beschwert und die Polizei gerufen hätten. Irgendwann sei es so billig geworden nach Mallorca zu fliegen, dass Kobern an Bedeutung verloren habe.

    Durch den Bericht unseres Wirtes verstehen wir den ehemaligen Boom und seinen derzeitigen Zustand, in dem es nach Auskunft des traurig-erscheinenden Einheimischen nur noch ein einziges Café auf der Hauptstraße gibt.

    Nach dem besonderen Frühstück packen wir und machen uns fertig für die heutige Etappe, die uns bis über Koblenz nach Andernach führen soll. Am Eingang wird noch ein Schwätzchen mit anderen Radelnden gehalten, bevor man sich verabschiedet und jede/r seiner Wege radelt.

    Das Wetter ist heute sonnig, etwas kühl, aber sehr angenehm zum Radeln. Der Weg führt uns weiter entlang der Mosel, meist auf einem Streifen direkt neben der Bundesstraße, nur an manchen Stellen etwas abseits der Straße über gesonderte Fahrradwege.

    Geblitzt wurde ich zum Glück nicht

    Apropos „Geschwindigkeitsbegrenzung“. Meist habe ich mit dem innerörtlichen Tempo 30 kein Problem, das hier wäre aber wohl teuer und nur knapp unterhalb des Führerscheinentzugs gelandet: Noch mal Glück gehabt, dass ich nicht erwischt wurde!

    Nach einiger Zeit radeln wir nach Koblenz hinein

    sie tragen uns tapfer

    In Koblenz nehmen wir auf einem Platz einen Snack und einen leckeren Drink in Form von Apfelschorle mit einem Spritzer Zitrone ein.

    Nach dieser Pause suchen und finden wir den Weg in Richtung Andernach, der uns weg von der Mosel und entlang des Rheines führt. Zunächst führt der Radweg durch Koblenz und ein Industriegebiet, bevor es durch ein kleines, im Hochsommer sicher angenehm kühles Waldstückchen hinunter zum Rheinufer führt. Der Weg führt sehr angenehm an Urmitz vorbei bis kurz vor Andernach.

    In Koblenz überqueren wir die Mosel gen Andernach

    In Andernach fahren wir immer geradeaus durch ein Stadttor der Stadtmitte zu, wo sich nahe des alten Rathauses unsere nächste Unterkunft, eine kleine Ferienwohnung befindet. Die Räder können wir in den Innenhof schieben, die Ferienwohnung ist zweckmäßig mit guter und barrierefreier Dusche, etwas Geschirr, und natürlich einem Fernseher, WLAN und einem Doppelbett.

    Ein Frühstück konnte in fußläufiger Entfernung auf der Hochstr. eingenommen werden.

    Eingang zum Appartement

    Am 14.6.24: Von Andernach zurück nach Königswinter

    Unsere letzte Etappe führt uns von Andernach über Brohl, Bad Breisig, Sinzig und Remagen zur Fähre in Rolandseck, wo wir den Rhein nach Bad Honnef überqueren, um von dort nach Königswinter zu radeln.

    Direkt hinter Andernach gibt es eine etwas enge und steile Stelle, die für mich auf meinem Dreirad eine Herausforderung darstellt, aber ich kann (und muss halt) absteigen und ein wenig schieben. Leider führt dieser Teil des Radweges nicht am Rhein selbst entlang, aber an einem Schloss vorbei und durch Felder, bevor man in Brohl an der Stätte des gleichnahmigen Sprudels vorbeikommt. In Brohl gibt es eine etwas überraschende Wendung des Radweges, da man scheinbar zurück in die falsche Richtung fährt, doch hat die Ausschilderung schon ihre Richtigkeit.

    Vor Bad Breisig gibt es noch eine etwas herausfordernde Stelle mit einer geländerbewehrten Art von Serpentine – diese ist aber eher in der Gegenrichtung schwierig und dies ganz besonders, wenn noch jemand entgegenkommt.

    Der Rückenwind kommt uns heute entgegen – da er das Radeln leichter und mit weniger Krafteinsatz möglich macht.

    Bei Sinzig überquert man die Ahr über eine neue, metallene Brücke.

    Der alten, vom Ahrhochwasser weggerissenen Holzbrücke kann sie bei weitem nicht die Schönheit reichen, aber sie erfüllt natürlich ihren Zweck erfüllt und widersteht vermutlich einem eventuell künftigen Hochwasser besser. Sieht man die Ahr in ihrem „normalen Zustand“, so ist die Gewalt und das Ausmaß des Hochwassers von Juli 2021 nicht wirklich vorstellbar, doch hatte ich damals Fotos über das sehr weitgedehnte Überschwemmungsgebiet und einige Monate später trotz Aufräumbemühungen auch die Zerstörungen von Infrastruktur und Häusern im Ahrtal gesehen. Selbst im September 22, also fast 15 Monate nach der verheerenden Flut konnten noch nicht alle Schäden beseitig werden, wie wir bei einer Radtour von Königswinter nach Ahrweiler feststellen mussten. Es waren noch viele Flutnarben zu sehen, die erahnen lassen, wie schwer die Schäden waren

    Was tun wir Menschen uns, unseren Mitmenschen, der Infrastruktur und der Natur eigentlich durch unser oft gedankenloses Verhalten an? Und nun kämpfen die Menschen an Saar und Blies, Donau und Inn mit den jüngsten Folgen unseres Tuns, und wollen es noch immer nicht wahrhaben. Die Entscheidungen von Verkehrs- und Konsumverhalten sind halt individuell und sollen frei(willig) sein, die Folgen dieses Tuns sind kollektiv und oft unfreiwillig zu ertragen – jedoch eben meist von Anderen. Dann ist für den freien Bürger mit freier Fahrt ja alles in Ordnung – zumindest bis er/sie selbst und unmittelbar betroffen ist. Aber – wie der Kölner sagt: „et hätt ja noch immer jot jejange“!

    Eine letzte Rast, quasi bereits auf der Landebahn machen wir in Remagen-Kripp gegenüber von Linz am Rhein. Hier gab es vor einigen Jahren noch ein echt tolles Restaurant, das von einem Wirt aus Passion geführt wurde. Als wir den Genuss hatten, bei ihm das einzige Mal speisen zu können, erwähnte er, bald aufhören zu wollen. Dies machte er leider bereits im Folgejahr wahr, was ihm natürlich gegönnt sei, aber aus Gästesicht dennoch schade ist.

    Ahrtal bei Sinzig- im Juli 21 war all das überschwemmt und die schöne, alte Holzbrücke wurde einfach weggespült

    Was unseren Augen immer wieder wehtut, ist jenes Gebäude auf der gegenüberliegenden Linzer Rheinseite, aber natürlich benötigen wir alle Wohnraum, wobei zu wünschen wäre, dass die Architektur ein wenig mehr ihre Visionen an die Landschaft anpassen würde, und es entstanden in den letzten Jahren ja durchaus Konzepte des Bauens mit weniger Beton und durch verschiedene Maßnahmen mit mehr Nachhaltigkeit.

    Nach einer kurzen Rast führt uns unser Weg an der Brücke von Remagen und Oberwinter vorbei zur Fähre in Rolandseck:

    An der Fähre sieht man den Rolandsbogen und die Insel Nonnenwerth sowie hinter der Insel bereits den Drachenfels, also den an schönen Wochenenden stark besuchten, und tatsächlich eines Ausflugs werten Ort, an dessen Fuß wir leben.

    An der Rheinfähre in Rolandseck

    Der Rolandsbogen ist der erhaltene Ruinenrest der erstmals 1040 genannten Burg Rolandseck, die zusammen mit den gegenüberliegen-den Burgen Drachenfels und Wolkenburg der Sicherung der Südgrenze des Territoriums des Erzstiftes Köln diente. 1475 zerstört und um 1622 wieder aufgebaut trotzte der Bogen im Gegensatz zur übrigen Burg dem Erdbeben vom 19. Februar 1672.

    Der Rolandssage nach ließ der Ritter Roland eine trauernde Hilde-gunde vom Drachenfels zurück, die daraufhin ins Kloster Nonnenwerth eintrat, so dass der zurückgekehrte Ritter Roland dann nur noch wehmütig vom Bogen hinunter seiner Hildegunde auf Nonnenwerth nachschauen konnte. All das zeigt uns mal wieder, dass unsere Taten Folgen haben können, und wir „frei“ (fast) alles tun können, wenn wir bereit sind, die Konsequenzen zu tragen, manchmal müssen wir letzteres dann wehmütig tun.

  • Wo Sancho herkommt und was er erlebt hat

    Verfasst 2004-05

    Sanchos Werdegang und Abenteuer

    Das war 2004 – seitdem ist viel passiert, und den Rollstuhl brauche ich seit 2005 nicht mehr! – Der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben (und weiter) wird im nachfolgenden Text beschrieben …

    Lesen differenziert den „ersten Eindruck“ (tiefergehendes Interesse erweitert die oberflächliche Perspektive <- nicht nur hier!

    Sancho I – oder weniger Bürokratie, mehr …

    Die nachfolgenden Texte schrieb ich in den 2 Jahren nach diesem Bild als damalige Rundmails an befreundete und verwandte Menschen, um sie etwas an meinen Erlebnissen und „Fortschritten“ teilhaben zu lassen und mich selbst ein wenig darin zu reflektieren. Manches konnte, wie Lesende vermutlich erahnen werden, nur mit (auch grauem bis schwarzem) Humor genommen werden.

    Vielleicht gibt dieser Text aber auch anderen Menschen, die eine sehr einschneidende Lebensveränderung durchleben, etwas Mut (?). Es war nicht alles leicht, und es gab auch bei mir die Frage: „Warum das Alles“, aber von heute (gut 20 Jahre später) aus betrachtet, hat es sich gelohnt, nicht aufgegeben zu haben!

    05. Okt 2005 00:04

    … dann müsste man ja wohl FDP (gewählt haben). Nun wird ja wohl niemand (selbst Richie, mein Rehakollege und Liberalensymphatisant – besonderen Gruß an ihn) von mir ernsthaft erwarten, dass ich die Guidos dieses Landes zum Kreuzchensammler empfehle, aber die Stilblüten teitscher Bürowahnie, die ich zuletzt wieder erleben durfte, sind schon nicht schlecht!

    Für die Spätgeborenen: der damalige Christian hieß Guido (Westerwelle), der das „Projekt 18“ auch auf seinen Schuhsohlen vor (bzw. unter )sich her trug, bevor die FDP das erste Mal in die „außerparlimentarische Opposition“ ging.

    Zunächst war am 30.9 05 die Rehaberatung. Schon im Vorfeld hatte der freundliche Mensch telefonisch verlauten lassen, dass es bei uns bei-den ja sicherlich nicht lange dauern würde, da ja eh nichts zu bespre-chen sei – ja, das Einladeschreiben aus Berlin sei ein Standardschrei-ben, das bei mir (Mitwirkungspflicht bei Arbeitsstellensuche) ja nicht zutreffend sei, da mein AG mich ja weiterhin beschäftigen wolle.

    Da man ja aber morgens um 7.00 Uhr sich eh langweilt und zu langes schlafen ungesund ist, es außerdem ja immer schön ist, neue Leute kennen zu lernen – und seien es auch Rehaberater – , dackelte ich also pünktlich um 8.30 h bei der Arbeitsagentur in Marburg vor- Mir wurde auch das richtige Zimmer genannt und dann hieß es etwa den halben vorgesehenen Termin warten – mit anderen gab es halt mehr zu besprechen.

    Kafka lässt grüßen

    Einmal an der Reihe stellten wir fest, dass es in der Tat nicht viel zu besprechen gebe. Jetzt müsse halt das Anforderungsprofil vom Arbeitgeber (AG) an den Rehaberater gesandt werden. Dessen ersten Entwurf hatte ich 2 Tage zuvor selbst geschrieben und meinem AG zwecks Prüfung, Abstimmung und ggf. Überarbeitung zugemailt, doch das habe ich der freundlichen BfA natürlich nicht erzählt! Jedenfalls könne zuvor jetzt gar nichts mehr unternommen werden – aber immerhin war es sicherlich hilfreich, die neue eMailadresse des Rehaberaters zu erhalten. Kurz vorher war Zusammenlegung der Rentenversicherungen passiert – also: brandaktuell!!!).

    Auch meinte er, dass der Grund dafür, dass die BfA-Berlin noch nicht über meinen Antrag auf KfZ-Beihilfe entschieden habe, ja irgendwo klar sei: Erst müsse sicher sein, dass ich auch tatsächlich wieder arbeiten werde – schließlich wolle man ja keine Fehlinvestition machen, und dass ich wieder arbeiten werde, sei ja noch nicht klar!

    Ich wies darauf hin, dass die Bestellung eines Autos sowie dessen behindertengerechte Umbau Zeit brauche, die ich nach erfolgtem Arbeitsbeginn dann eher nicht mehr habe. Und dann müsse ich ja möglichst auch zum Ort des Arbeitens kommen. Das konnte er jetzt auch nicht kommentieren, aber ich könne das ja mal mit Berlin telefonisch besprechen – derzeit (nach der Wahl und so) wird sicherlich eine ganze Menge mit „Berlin“ besprochen.

    Warten und erste Fortschritte

    Positiv festzustellen bleibt, dass auch der Rehaberater 4,5 – 5 Stunden Fahrtzeit zur Arbeit zu viel findet und selbst Notebook und Spracherkennungssystem für sinnvolle Unterstützung bei wiederaufgenommener und sozialversicherungspflichtiger Arbeitstätigkeit hält. Alles weitere wird man dann aber sehen, wenn das Anforderungsprofil vorliegt …

    Einige Zeit später:

    Heute dann war Fahrtauglichkeitsprobe (nicht Prüfung!) in Gießen beim TÜV: zunächst wurde ich informiert, dass man ein „Neurologi-sches Gutachten zur Feststellung der Fahrtauglichkeit“ brauche – ein Umstand, der mir bereits letzten Freitag vom Fahrlehrer angekündigt worden war. Der Abschlussbericht aus Lippoldsberg reiche nicht aus, auch wenn es immerhin vom Chefarzt für Neurologie stammt und nach umfangreicher neuro-psychologischer und psychologischer Testung zum Schluss kommt und dies ausformuliert, dass ich fahrtauglich bin!

    Es geht voran – Zumindest etwas 🙂

    Ob er in Form und Inhalt irgendwelchen DIN-Normen nicht entspricht oder es daran liegt, dass der neurologische Chefarzt nicht die formale verkehrsmedizinische (selbstredend „gebührenpflichtige“) Zusatzqualifikation hat, vermag ich nicht genau zu sagen. Eigentlich also hätte überhaupt keine Fahrprobe stattfinden dürfen, aber wir fuhren trotzdem und es wurde festgestellt, dass ich mit entsprechen-der Zusatzausstattung durchaus verantwortlich am Straßenverkehr teilzunehmen vermag. Andere würden das vielleicht fahrtauglich nennen. Aber dies kann ich offiziell erst bescheinigt bekommen, wenn ich im Gegenzug das neurologische Gutachten bringe – Ihr wisst schon, jenes nach DIN-Norm oder qualifiziert oder wie auch immer)!

    Auflagen bekomme ich im Großen und Ganzen die Erwarteten:

    • kein Motorrad und keinen Kleinlaster mehr
    • nicht schneller als 130 km/h
    • 2 Außenspiegel (dass es das gibt!)
    • Servolenkung und Servobremse (dito!)
    • Automatikgetriebe
    • Lenkknauf, an dem alle Bedienelemente per Infrarotsteuerung mit der einen Hand bedient werden können (gibt es bei Petri + Lehr; damals in Offenbach)

    Auch die Bürokratie macht mal Urlaub (wohlverdienten):

    Welcher Arzt in Marburg das ominöse Gutachten machen darf, durfte er mir nicht sagen. Wenigstens jedoch gab er mir den Tipp, mal bei der Fahrerlaubnisbehörde in Marburg zu fragen. Dies tat ich, und bekam zwei Ärzte genannt.

    Deren einer machte zwar früher solche Gutachten, aber nicht mehr

    jetzt (im Jahre 2005). Wie ich vom Anrufbeantworter des Anderen erfuhr, sei jener bis 17.10. in Urlaub.

    Also schrieb ich ein Fax (das gab es damals noch, liebe Spätgeborene, man konnte es allerdings bereits vom Computer aus verschicken) an den urlaubenden zweiten Gutachtenbevollmächtigten mit meinem Anliegen und der Bitte, mir für die 43. oder 44. KW einen Termin zu reservieren – hoffentlich klappt es!

    Wenn ja, kann ich Flocken für das Gutachten abdrücken, das ich dann persönlich (nicht per Post oder Fax!) zum TÜV-Gießen bringen kann. Im Austausch kann ich dann das TÜV-Gutachten zu meiner Fahrtauglichkeit erhalten. Und auf das wartet bereits die BfA, um meinen Antrag auf KfZ-Beihilfe entscheiden zu können, weil es ja bekanntlich wenig Sinn, mir ein Auto und Umbau teil zu finanzieren, wenn ich überhaupt nicht fahren darf! Kompliziert ausgedrückt? Mag sein, aber spiegelt halt den erforderlichen Sachverhalt!

    In Berlin (BfA) habe ich dann auch noch angerufen und mal gefragt, wie es denn so mit meinem Antrag stehe? „Ich warte noch auf was – was war das denn gleich? Ach ja: der Nachweis der Fahrtauglichkeit!“ Ich erwähnte auch in diesem Telefonat, dass die Lieferung eines Neuwagens und der behindertengerechte Umbau die Zeit benötigen wird, die ich nicht mehr haben werde, wenn ich wieder arbeite, doch dann sinnvollerweise zum Arbeitsplatz hinkommen und dort arbeiten müsse. Die sehr verständige BfA-Mitarbeiterin sagte zu, mir einen konditionierten Bescheid zukommen zu lassen: eine Bedingung sei die (nachgewiesene) Fahrtauglichkeit, die andere der Nachweis der Wiederaufnahme der Arbeit.

    Also rief ich noch meinen Arbeitgeber (AG) an und bat ihn um Erstellung eines Schreibens an die BfA, dass sie mich nach „behindertengerechter Umsetzung“ weiter beschäftigen wollten.

    Fazit: ich bin guter Hoffnung, dass ich noch in dieser Dekade an den beruflichen Wiedereinstieg denken darf, und möglicherweise auch in der Lage sein könnte, die Arbeitsstelle zu erreichen …

    Glücklicherweise habe ich keine kognitiven Defizite. Hätte ich sie, wäre ich in diesem Bürokratiedschungel wohl verloren gewesen

    Lieben und (immer noch) hoffnungsvollen Gruß

    Sancho II oder … und da wähnten wir den Kampf gegen die Büromühlen schon gewonnen …

    02. Nov 2005 14:25

    Liebe Leute!

    wahrscheinlich erinnert Ihr Euch noch schemenhaft an die wilden Abenteuer von Sancho im Kampf gegen die Büromühlen! Seitdem ist so einiges passiert, so dass der „Fortsetzungsroman“ jetzt erscheinen soll:

    Beim zweiten neuropsychologischen Gutachter in Marburg hatte mir eine freundliche Bandstimme mitgeteilt, die Praxis sei bis einschließlich 17.10.05 geschlossen.

    Dann halt selbst auch „Urlaub mit Therapie“

    Sancho fuhr also erst mal nach Freiburg, um mit Bruder und Schwägerin Geburtstage zu feiern, die Bürokraten hier mal gute Leute sein zu lassen (die ihn gerne haben könnten) und, nicht zuletzt, wieder zwei Wochen Intensivtherapie zu erheischen. Gesagt, getan, das gastfreundliche Haus meines Bruders ertrug mich mal wieder zwei Wochen und insbesondere meine Schwägerin ertrug zwei Brüder, die überwiegend über dem Computer saßen.

    Noch in Freiburg erreichte mich ein Brief von der BfA in Berlin (weitergeleitet aus Marburg), dass man meinen Antrag auf KfZ-Beihilfe vorläufig genehmige und mir neben Kosten für behindertengerechten Umbau und Fahrerlaubnis auch 7.980,- € Zuschuss zur Anschaffung eines geeigneten Wagens bewillige, sofern ich in nächster Zeit noch eine ganze Latte Papiere und Belege beibringe. Diese Nachricht wurde natürlich freudig-überrascht aufgenommen. Der bundesdeutsche Sozialstaat bietet neben Bürokratie also auch Absicherung in der Not – und eine gewisse Bürokratie mag zur Vermeidung von Missbrauch vielleicht auch gerechtfertigt sein. Wie immer scheint es eine Frage von „Maß und Mitte“. Also vielleicht nicht alle Bürokratie verteufeln, wie es 2025 ja etwa durch die Trump-Administration zu geschehen scheint!

    Also wusste ich, was ich zu tun habe, als ich am 21.10. wieder in Marburg eintrudelte, damit keine Langeweile aufkommt. Die beiden Wochen im Badenländle hatten mir übrigens ausgesprochen gut getan und meine Gastgebenden verabschiedeten sich wenige Tage nach meiner durchaus nicht überstürzten Abreise in den nun wirklich wohlverdienten einwöchigen Urlaub.

    Wieder in Marburg, verknackste mir am ersten Abend den linken Fuß, was ich aber erst beim Aufstehen am Sonntag morgen merkte – ich spürte Schmerz im linken (gelähmten und sensitivitätsgestörten) Bein – Toll, dass ich das kann! Und der Fuß war über Nacht echt „muskulös“ statt zuvor eher „muskellos“. Na ja, auf jeden Fall war er jetzt ziemlich dick . Adé gerade erworbene Fortschritte aus Freiburg und erst mal Übungen und Belastung des Beines runterschrauben …!

    Am Dienstag talpte ich dann zum Arzt und der Fuß wurde geröntgt – gebrochen war zum Glück nichts. Ich solle hochlegen, kühlen (nicht zu stark) und schonen sowie am Freitag wiederkommen! Gesagt, getan – die Orthese ging über dicken Fuß und Zinkleinverband (oder wie das Ding auch immer heißt) doch ziemlich schwer anzuziehen und drückte beim Laufen, aber es gibt echt Schlimmeres. Letztlich doch „besser Fuß dran als Fuß ab“ – oder war das der Arm?

    Freitag dann war der Fuß schon erheblich abgeschwollen und einen neuen Verband befand der Arzt nicht für nötig, Mit Physiotherapie (KG) solle ich auch wieder anfangen, ansonsten weiter hochlegen und kühlen (nicht zu stark!). Heute morgen war ich wieder dort, der Fuß sieht noch besser aus – dass das noch geht! Nochmals kommen muss ich nicht, sondern hochlegen und – Ihr wisst schon!

    Das Hirn kann fahren!

    Auch am 25.10. (vor dem Besuch bei Herrn Dr. „Fuß“) war ich beim anderen Herrn Dr.: dem mit der Fahrtauglichkeit! Ein EEG wurde gemacht – keine krankhaften Ergebnisse in Sachen mögliche Epilepsie. Er leuchtete in meine Pupillen, klopfte mit Hämmerchen ein wenig auf Reflexpunkte an den Gliedmaßen und forderte mich auf, links eine Faust zu machen, was mir lähmungsbedingt nicht gelang :-(.

    Inwieweit diese Untersuchung aussagekräftiger sein kann als 6 Wochen stationärer Aufenthalt in der Rehaklinik Lippoldsberg, wird mir wohl auf ewig eine Windmühle mit sieben unbesiegbaren Flügeln bleiben (wenn Ihr wisst, was ich meine)!

    Weiter bis zur nächsten Bremse

    Aber er versprach, bis zum Wochenende das Gutachten fertig zu haben. Als es Freitag noch nicht im Briefkasten lag, rief ich an und holte es dann mit dem Bus (und zu Fuß) ab. Das Gutachten hatte ich also schon einmal:.)

    Natürlich rief ich sofort anschließend beim Menschen vom TÜV-Gießen an, der mir ja im Austausch sein TÜV-Gutachten geben wollte, das ich u.a. für die BfA brauchte. Leider wurde mir mitgeteilt, dass der nun erst am Dienstag, den 1.11., wieder da sei – Also wieder warten, aber das kennen wir ja schon! Man kann ja schon mal als Sancho die Lanze spitzen und den Schild bohnern, um die Langeweile zu vertreiben.

    Auf der Suche nach arbeitsfreudigen, doch futtereffizienten Pferdestärken

    Parallel machte ich eine weitere Infotour durch die Autohäuser. Da ich ja richtig viel fahren werden muss (160 km täglich nur für Arbeit), kommt es mir insbesondere auf möglichst geringe laufende Kosten an. Somit war die eigentliche Wahl der Wahl ein Erdgasauto, doch musste ich erfahren, dass es als Erdgas-Automatik-Auto werksmäßig nur Volvo V70 gäbe. Der habe allerdings mit 2,4 l-Maschine 140 PS und verbrauche schlappe 10,0 l /100 km (Super) bzw. Erdgas 7,8 kg/100 km). Fazit: schöner, geräumiger Wagen für leicht erschwingliche 40.000,- €!

    Also doch wieder Diesel, wobei Diesel-Automatik bei den meisten Fabrikaten leider ebenfalls recht große Maschinen bedeutet. Die erfreuliche Ausnahme fand sich bei Toyota, deren Corolla 1,4 D-4D MMT beides hat: eine 1,4 l-Maschine mit 90 PS, und braucht im Mix 4,8 l/100 km (Diesel). Auch im Preis bekommt man für einen Volvo etwa zwei Corolla! Auch wenn ich derzeit nur ein Auto brauche, ist dann vielleicht noch eine Flasche Sekt (oder gar Champagner) zum Feiern drin!

    Fazit, und daran hat sich auch etwa 20 Jahre später noch nicht viel geändert: Ich hätte auch ein deutsches Fabrikat kaufen können, doch wäre das erheblich größer, schwerer, teurer und mit erheblich viel mehr CO2-Ausstoß gewesen – mindigens das 1,5 fache der 127 g/km meines ausländischen Fabrikats. Gut, dass gewisse Parteien weiter dafür sorgen, dass die deutsche Autoindustrie die Zeichen der Zeit auch weiterhin verpennen darf – und freudig tut!

    Vom Dieselskandal, um nicht „Beschiss“ zu sagen, war 2005 noch nichts bekannt, und meines Wissens war der japanische Toyota im Gegensatz zu den deutschen Modellen auch nicht betroffen. Mein Corola braucht übrigens auch im langjährigen Betrieb durchschnittlich unter 5,0 Liter (Diesel) auf 100 km. Welches deutsche Modell (mit Verbrennermotor) kommt auch 20 Jahre später an diesen Wert heran? Es lebe deutsche innovative Auto-Ingenieurskunst :-(! Aber warum sollte man innovative und sprit-/CO2-sparende Autos bauen, wenn ein Jammern bei den richtigen Ansprechpartnern auch dazu führt, das EU-Abgaswerte mit „German Vote“ verwässert werden können – und die Penunzen für unnötig dicke, aber beliebte Blechkollosse weiter fließen. Wieso verkaufen sich unsere tollen Autos eigentlich nicht mehr gut im Ausland? Egal – etwas ändern und damit auch noch die Umwelt schonen ist schließlich sooo anstrengend. Da lässt man das doch lieber, und merkt irgendwann, dass man nach 2005 auch gleich die nächsten zwei Jahrzehnte in Gemütlichkeit verpennt hat. Als Letztes „rettendes Argument“ hat man ja immer noch die Arbeitsplätze in der Hinterhand …

    Wichtig zu klären war jetzt noch, ob bei diesem, von mir umweltbewegt gewähltem Modell die für mich aufgrund der Halb-seitenlähmung erforderlichen Umbaumaßnamen (insbesondere die „Infrarot-Fernbedienung“ für die Elektrik) möglich wären. Das klärte ich gestern positiv! Also werde ich morgen nochmals zu Toyota und eine Probefahrt machen. Natürlich mit Begleitung, da ich selbst ja noch nicht fahren darf! Nach der Probefahrt und dies als leichter Vorgriff – genau am 11.11.2005 – auf Uhrzeit achtete ich nicht, kaufte ich dann mein „Carolchen“ in einem „heiteren silbergrau“, was einen Preisnachlass von etwa 2.000 € brachte, da der Toyotahandel in Marburg zwar viele Fahrzeuge in dieser zuvor scheinbar modischen Farbe hatte, diese sich nun allerdings als „Ladenhüter“ entpuppten. Für 2.000 € fahre ich auch gerne einen etwas farblosen Wagen!

    Soweit, so gut! Dass auf der vom Stadtbüro zugeschickten Lohnsteuerkarte der mir zustehend Schwerbehindertenfreibetrag wieder nicht eingetragen war, ließ sich recht schnell durch einen beherzten Angriff auf das hiesige Finanzamt korrigieren.

    Bald könnte er wieder arbeiten – und das sozialversicherungspflichtig

    Blieb noch die Frage des beruflichen Wiedereinstiegs – Anforderungsprofil und so …

    Nachdem ich auch das Anforderungsprofil vor einiger Zeit selbst formuliert und meinem AG gemailt hatte, mehrmals nachgehakt und genervt hatte, bekam ich am 26.10. in der Tat eine Version des Anforderungsprofils gemailt, das die Vorstellungen meines AGs auf der Grundlage meines Entwurfs widerspiegelte. Was soll ich sagen? Bis auf das überflüssige, da falsche „c“ in meinem Nachnamen (Eingeweihte wissen, wie mein Papa sich grämen würde!) hatte ich nur noch eine kleine Anmerkung, aber nicht eigentlich Einwände. So ging es nach wenigen weiteren kurzen Telefonaten mit der Sekretärin meines Chefs wahrhaftig vorgestern an den Rehaberater und CC an mich.

    Fast da – bei unerwartbaren Hindernissen, die aber überwunden werden

    Nachdem ich es mittags als eMail gefunden hatte, wollte ich den Rehaberater anrufen, um direkt weitere Kopfnägel zu machen, doch stand mein Sohn davor, der mit einem Freund telefonisch Pokemonkarten diskutieren musste! Schließlich hatte er aber auch das geschafft und ich rief in Gießen an. Mein dortiger Gesprächspartner meinte, dass er in den letzten 20 Minuten (Ihr erinnert Euch: Pokemon!) versucht habe, mich anzurufen, aber es sei besetzt gewesen – oh Wunder! Wir danken den Japanern und ihren tollen Erfindungen und grüßen bei dieser Gelegenheit meinen Exkollegen ganz herzlich – Nein, der hat die Pokemons nicht erfunden, ist aber in Japan!. Ist aber ja alles nicht wirklich schlimm, da ich den Rehaberater ja jetzt am Telefon hatte. Das Anforderungsprofil war von ihm bereits gelesen und wir traten also unverzüglich in die weitere Planung (noch ohne AG-Beteiligung) ein.

    Vereinbartes Modell des weiteren Vorgehens war folgendes:

    1. ich fange (sofern seitens meines Arbeitgebers möglich) am 14.11. wieder an: zunächst in Teilzeit („stufenweise Wiedereingliederung“) und Bezug von Übergangsgeld, wobei wir eine etwa 7-wöchige Stufen-Eingliederung mit zunehmend mehr Arbeitsstunden/Tag machen soll.

    2. Ab 1.1.2006 fange ich dann, sofern die erste Phase gut verlaufen ist, wieder in Vollzeit an.

    3. Der Rehaberater empfiehlt der BfA einen 50%-Lohnkostenzuschuss an meinen Arbeitgeber für 12 Monate – das gibt mir Zeit genug, mich einzuarbeiten, und meinem AG zu beweisen, dass ich für ihn noch immer wertvoll bin.

    4. Da ich das Auto so schnell ja noch nicht zur Verfügung habe, werde ich zunächst öffentlich fahren, wobei Teilzeit + Fahrzeit dann in etwa Vollzeit ergibt – und ich vielleicht ja inoffiziell die tägliche Teilzeit auf 2-3 Tage/Woche Vollzeit zusammenziehen kann.

    5. Ich kümmere mich weiter intensiv um Fahrerlaubnis und Auto, der Rehaberater kontaktiert meinen AG, um dem unseren Vorschlag mitzuteilen.

    Natürlich kontaktierte ich selbst noch am selben Tag die Sekretärin meines Chefs (von der ich erfuhr, dass mein Chef selbst im Ausland weile), und teilte ihr das Modell mit. Sie meinte: „und auf welchen Arbeitsplatz?“ – Ich rückfragte: „Sie meinen den physischen Arbeitsplatz?“ – „Ja!“ – „Das bleibt noch zu klären. Der Rehaberater hatte versprochen, Sie diesbezüglich anzurufen.“ (Was er ca. 3-4 Stunden nach dem Telefonat mit mir noch nicht getan hatte), aber er hatte ja – im Gegensatz zu mir – sicher auch anderes zu tun.

    Einige Tage später rief mich der Rehaberater an, er habe mit der Sekretärin gesprochen: Sie könne keine Entscheidungen treffen, mein Chef sei in Italien und am kommenden Montag (7.11.) zurück. Sie werde meinem Chef den gemachten Vorschlag unterbreiten und dann werde man sehen … Wird dann natürlich ziemlich knapp, aber es heißt mal wieder „WARTEN!

    offizielle Fahrerlaubnis

    Auch rief ich den Herrn vom TÜV-Gießen an (Fahrerlaubnis). Er käme erst um 10.30 Uhr – ich bat, dass er mich zurückrufe. Dies tat er dann auch als ich gerade aus der KG kam. Ich sagte ihm, dass ich das neurologische Gutachten habe und er sagte, er sei da und ich solle vorbeikommen.

    Mit welchem Bus ich am Besten zu seinem Büro käme, konnte er leider nicht sagen. Schließlich ist er, wie die überwiegende Mehrzahl unserer im Stau dann heftig fluchenden Mitbürger, passionierter Autofahrer. Bekanntlich werde auch ich zu dieser Spezie mangels behindertenbedingter Bewegungsalternative auch bald wieder gehören. Gut: der Werbespruch aus den 1980er Jahren: „Die Bahn kennt keinen Stau!“ haben Investitionsstau zwecks besserer Bilanzen für den vor ehemals geplanten Börsengang der Bundesbahn auch längst widerlegt, und so kämpft die sogenannte „Ampel“ dank der Instandhaltungs- und Modernisierungsversäumnisse von gut 30 Jahren nun mit einer reichlich maroden Infrastruktur in Zeiten recht leerer Kassen. Schuld wollte natürlich weder früher noch heute Irgendjemand sein, doch alle rufen: „Haltet den Dieb!“

    Dennoch schwang ich mich auf mein zischendes Stahlross mit den angehängten, bestuhlten Streitwagen und raste gen Gießen, wo mir ein kompetenter und auskunftsfreudiger Bahnbediensteter bereits im zweiten Ansatz das Anschlussross nennen konnte. Dieses trabte wenige Minuten bereits los. Von dessen Postkutschenstation musste ich ca. 2 km ohne Ross zurücklegen, aber solche Distanzen machen mir nicht mehr wirklich Probleme.

    Von unterwegs rief ich den TÜV-Herren nochmals an, dass ich schon ganz in der Nähe sei, um zu vermeiden, dass er in den nächstgelegenen Saloon zu Bohnensuppe mit Speck entschwinden könnte, da mittlerweile die Mittagssonne am Firmament geglänzt hätte, wenn die Wolken dies zugelassen hätten.

    Schließlich erreichte ich meinen Zielort, wenn auch mit Hühneraugen. Der für mich nicht unwichtige TÜV- Mitarbeiter las das ihm von mir gereichte Gutachten mit reichlich gekräuselter Stirn durch. Ich dachte bereits, es nicht wieder etwas nicht, doch er sprach die erlösenden Worte: „Damit können wir leben!“ Hierauf erstellte er das TÜV-Gutachten, das er an die Führerscheinstelle in Marburg schicken wird, die mich dann irgendwann informieren wird, dass ich den geänderten Führerschein abholen kann. Ich bat ihn um eine Kopie, die er machte, allerdings strich er den Text mit Rot durch und schrieb quer Kopie darüber. Auch konnte er diese Kopie, die ich für die BfA brauchen werde, nicht unterschreiben.

    Ein anderes Duplikat machen konnte er auch nicht, da dieses TÜV-Gutachten nur an die zuständige Führerscheinstelle (in meinem Fall jene in Marburg) geht und der Betroffene es nicht bekommen darf – ist doch logisch! Andererseits empfahl er, eine Kopie ins Auto zu legen. Die grünen Sheriff-Freunde wüssten mit den auf dem neuen Führerschein eingetragen Codeziffern meist nichts anzufangen, auf dem Gutachten stünden jedoch neben den Ziffern auch die Beschreibung. Ich solle dann halt in Marburg bei der Führerscheinstelle fragen, ob die mir eine Kopie geben würden – was die eigentlich natürlich auch nicht dürften.

    Trotz all dieser Wirren und gefährlichen Windmühlenflügeln der Bürokratie bin ich auf jeden Fall erhebliche Schritte weiter und guten Mutes, dass auch die verbliebenen Kämpfe noch erfolgreich (und bald) gemeistert werden können.

    Lieben Gruß und: „Nicht aufgeben und nicht unterkriegen lassen!“ – Ihr wisst ja: Am Ende hat schließlich das „Life“ auch immer wieder eine „bright side“, auf die man „looken“ kann!

    Sancho

    Sancho III oder Sancho goes Morgenland

    19. Dez 2005 23:08

    Harry Potter V (oder so – „und der Halbblutprinz“) ist längst veröffentlicht und so wird es auch Zeit für „Sancho III“, das Euch nun erreichen soll:

    Was bisher geschah, ist dem geneigten Leser hoffentlich noch in Erinnerung, der Knüddel begann sich ein wenig aufzulösen (oder war es, dass der Vorhang langsam fiel?“) – fragt sich: „Für wen? Für die Bürokraten, die sich der fortgesetzten Angriffe von Sancho nicht mehr zu erwehren wussten?

    Wie dem auch sei, mit Beharrlichkeit füllt die Biene das Honigtöpfchen, die Taube das Fenstersims (mit Kot), die Regierung (welche auch immer) das Jammertal oder den Schuldenberg, John Wayne leert so die Whiskeyflasche und Sanchos steter Tropfen höhlt den Amtsschimmelstein …

    Also:

    das Auto ist gekauft, behindertengerecht umgebaut und schon kräftig umweltschädlich bewegt – dabei aber doch immerhin relativ wenig schädlich! Der mit TÜV-Gutachten versehene Umbau musste dann beim Straßenverkehrsamt noch in die Wagenpapiere eingetragen werden – da wiehert der Amtsschimmel doch wieder glücklich, und hielt die Hand für 12,- schlappe EURO auf.

    Für die BfA musste die Kopie des Fahrzeugbriefes mit erfolgtem Eintrag noch beglaubigt werden, was die Dame im Bürgerhaus wahrhaftig schnell, quasi unbürokratisch und gar gebührenfrei tut – darf die dat? – Dat darf die bestimmt net! – Gut für den Bürger, schlecht für den europäischen Stabilitätspakt, aber Sancho lässt sein Ross freudig wiehern und tritt freundlich schnaufend den geordneten Rückzug an …

    Meine ehemaligen KollegInnen erfreuen sich seit dem 28.11.wieder meiner teilzeitigen Anwesenheit in den christlichen Hallen – gegrüsset seist Du, oh edler, im Niger weilender Freund auf diesem Wege: möge Zeuss Dir Deine Zornesblitze über Christen und andere Übel dieser Welt nicht mit Negativenergie erstatten …

    Der technische Berater beriet beratend, damit dem Bürokratismus weitere Arbeitsfelder eröffnet werden, da Entzug ja echt langsam vor sich gehen muss (oder etwa nicht?)

    Jetzt heißt es Kostenvoranschläge sammeln, dem Rehaberater gesammelt zuschicken, den diese mit Stellungnahme versehen an BfA schicken lassen, letztere entscheiden lassen und schließlich vielleicht beschaffen (kaufen und nutzen) kurz bevor man in Rente geht. Nein, die quasi Hammer und Zange der Referenten-Knappen-Arbeit, nämlich Computerausstattung vorab geht nicht, sondern bittscheen alles z’sammen, auch den Schreibtischstuhl! Letzterer sollte zwar möglichst probegesessen (sinnvollerweise minigens 1 (Arbeits-)woche, erst dann sinnvollerweise ausgesucht werden- weil er ja quasi das Streitross des Bürohengstes (oder war es dessen Bruder?) ist.

    Wenn man natürlich mehrere Stühle ausprobieren will, muss man schon längere Zeit arbeitswochen (to arbeitswoch – arbeitsweek – arbeitsweaked, you know?).

    Schlecht, wenn Sancho dann auf Dienstritt im wilden Kurdistan oder anderswo weilt, da das Probesitzen dann unterbrochen – Weihnachten kommt natürlich diesbezüglich auch gar nicht gut! Aber, da wir ja Optimist und die rot-schwarze Regierung uns ja zart Längerarbeiten versprochen hatte und falls nicht sozialverträglich frühabgelebt oder rentenkürzend frühpensioniert, wie ein verehrter Funktionär der Liberalen einmal als soziales Erfolgsmodell benannt hatte, könnte all das ja noch vor der Verrentung klappen – Insha Allah (ausländisch für „So Gott will“ für diejenigen Inländer, die nicht so welterfahren sind und dies auch noch zugeben).

    Ernte „einfahren“ auch dank flexibler Hilfe

    Nachdem ich bereits eine Woche (mit Auto) zur Arbeit gefahren war, konnte ich auch meinen umgeschriebenen Führerschein abholen, was ich dann auch im Austausch gegen mein edles, teures und mehrfach (nicht zu mühsam) erworbenes, umfangreicheres Altexemplar tat. Der erste Versuch war wohl daran gescheitert, dass die Bundesdruckerei irgend etwas, aber eben nicht das Korrekte gedruckt hatte – was es alles so gibt! Der nette und verständige Stadtbedienstete, der all die Wirren ganz offensichtlich selbst nicht recht verstand und vor allem nicht guthieß, meinte auf meine Anfrage, was ich denn jetzt tun solle, wo ich das Stück angesichts Erwerbstätigkeit dringendst bräuchte, er könne mir ein Provisorium ausstellen. Ich fragte ihn, ob ich nicht einfach mein vorhandenes und immerhin gültiges Teil nutzen könne – worauf er dem zustimmte und anregte, dass ich ihn anrufen könne, wenn es Not tue. Nur LKW dürfe ich halt nicht fahren! Na also: es geht doch auch einfach, aber entspricht dann wohl nicht der heißgeliebten „deutschen Leitkultur“, oder?

    Im Land des Blechrossfutters

    Die Grüße aus dem Morgenland kommen doch wieder nur en memoriam und aus dem frostig-dunklen D-land, aber es ist wahr: Sancho war mit Haschti Halef Omar auf der Arabischen Halbinsel in einem Ursprungsland des Strohs (das sich dort „Öl“ nennt) unserer Amtsschimmel und ihrer vierrädrigen Rösser, im sagenhaften Dubai, bei angenehmen 20-25 Grad C, trotzdem Klimaanlage und verschnupft zurück. Die ersten dortigen Meetings hatte er nach durchflogener Anreisenacht eher verpennt. Dort war Sancho auf helfende Hände angewiesen, wenn er die Hoteltreppe hinabwandeln wollte. Diese wies beim Runtergehen rechts zwar eine Rollstuhlrampe auf – sehr lobenswert, wenn für den ernsthaften und unfallfreien Rollstuhlbetrieb auch wohl krass zu steil:-( Aber man spart ja Sozialkosten, wenn der Rollstuhl dummerweise über den Bürgersteig hinausschießen sollte …

    Wie auch immer, für den längst laufenden Sancho hatte dies den Nachteil, dass der Abstand zur haltgebenden rechten Wand zu weit war, ein freihändiges Treppenruntersteigen ist noch nicht sicher drin, aber die Morgenländler haben echte Servicekultur (zwar Wüste nebenan, aber keine „Service-solche“, also „Servicewüste“) – und so hatte ich immer eine helfende und stützende Hand.

    Auch ist es nicht so einfach, einhändig den Frühstücksteller zu halten und mit eben dieser (einen verfügbaren) Hand sich das Frühstück vom reichhaltigen, damit aber auch raumgreifend vollgepacktem, und keinem abzustellendem Teller mehr Platz bietenden Buffet aufzutun. Aber all diese kleinen Widrigkeiten ließen sich lösen, ich lebe noch und habe nicht einmal noch mehr abgenommen und mein AG schickt mich in der zweiten Januarwoche nun dank erfolgreich bestandenem Proberitt auf das nächste Rodeo – diesmal ins Land unseres lieben „Either you are with or against us!“ – genauer nach Monrovia (nicht in Liberia, sondern nahe des allseits beliebten Filmparadieses) – wir hoffen einmal, dass wir Guantanamo weiträumig umreiten können …

    Ansonsten tat sich kaum noch etwas, aber es mag ja auch reichen, ach doch: es gibt noch von Sozialstaatlichen Mathekünsten zu berichten! Wie wohl jeder weiß, hat mensch bei Bedarf in unserem schönen Land Anspruch auf 6 Wochen Lohnfortzahlung und maximal 78 Wochen Krankengeldbezug. Die 6 Wochen reichten vom 17.7.-31.8.04, ab 1.9.04 kam das Krankengeld. Ohne Euch zumuten zu wollen, die Wochen jetzt auch noch jahreskalenderübergreifend nachzuzählen, sei erklärt, dass 78 Wochen (bei 52 Jahreswochen) ja ziemlich genau 1,5 Jahre sein könnten – wenn also der Krankengeldbezug am 1.9.04 begonnen hat, könnte man ja mit mir meinen, dass er spätestens am 28.2.2006 (also 18 Monate später) ausläuft. Wenn dann die „stufenweise Wiedereinglie-derung“ am 5.2.06 mit vollem Wiedereinstieg und Gehaltsbezug voll-endet sein soll, kann ja kaum noch was passieren – denkt man!

    Woher soll man auch wissen, was eine Person in meinem Umfeld allerdings irgendwie zumindest schon ahnte oder ihr schwante (reimt sich so schön und musste deshalb jetzt noch sein!). Vielleicht hatte sie es auch irgendwo gehört, dass die Lohnfortzahlung zur Zeit des Krankengeldbezugs (die 78 Wochen) zählt – ist doch logisch, oder? Nun will ich mich mitnichten über die Unsozialität in unserem schönen schwarz-rot -(güldenem) Land beschweren, da es wohl wenige Länder gibt, wo man in meiner ungewollten Situation trotz aller Windmühlen so lange und letztlich so gut versorgt ist, und es wird vom 13.1. – 6.2 wohl die BfA mit Übergangsgeld (etwas weniger, aber immerhin) einspringen.

    Lobend sei auch erwähnt, dass mein AG sich überaus christlich, nächstenliebend gebärdet und sich nicht davon abbringen lässt, mir im Dezember 2005 noch den Resturlaub aus 2004 („der verfällt ja nicht“) sowie die in den ersten 6 Monaten 2004 gemachten und nicht abgefeierten Überstunden zu bezahlen. Hatte ich zwar überhaupt nicht mit gerechnet und bei den meisten Firmen ist der Resturlaub ja wohl spätestens Ende April des Folgejahres verfallen, wenn er nicht genommen ist, aber man wird Sancho sicherlich nachsehen können, dass er sich gegen dieses Zwangsangebot nicht allzu sehr erwehrt hat.

    Natürlich konnte ich bei meiner vorletzten Dubaireise (bis 5 Tage vor dem Schlaganfall) noch viel mehr, hatte mehr Kraft und eine ganz andere Beweglichkeit, und dachte an nichts böses.

    Rückschau auf Erfolge hilft Frustbekämpfung

    Aber sollte der Frust über Einhändigkeit, Schwierigkeiten beim Rossbestieg oder beim Halten von Lanze und Schild mal zu stark werden, was er selten tut, so ist es manchmal hilfreich, zurück zu schauen, z.B. genau ein Jahr zum 19.12.2004:

    Sancho knappte in Nauheim in der „Anschlussheilbehandlung“, glücklicherweise im Einzelzimmer, usw., aber das Tagebuch erzählt: „… Nachmittags mache ich auch Rollator-Gehversuche mit den Boots – die Klettverschlüsse schließen nicht mehr vernünftig – mit den Sandalen klappt es nicht gut. Da ich die neueren schwarzen Schuhe mit der Orthese nicht alleine anziehen kann, bleiben quasi nur die „Straßentreter“! Ist im Winter für draußen natürlich nicht so toll.“ – Rollator? Längst abgehakt, ich bin alleine nach Dubai gereist und Rollator, Rollstuhl (in dem ich noch letztes Jahr Weihnachten saß) und Krücke sind längst weit weg geschmissen!

    Oder 19.11.2004 (also vor genau 13 Monaten – damals noch in Bad Wildungen): „Physiotherapie hatte ich heute wieder bei Frank – er ließ mich mit Orthese laufen, auch Trepp auf und Trepp ab. Irgendwann fragte er Andrea (andere Krankengymnastin), die mit einem anderer Patienten auf dem Flur war, ob sie bei mir das Laufen freigeben würde. Ich durfte noch keinen Schritt alleine machen und fuhr im Rollstuhl zum WC, auf das ich mich (offiziell) auch noch nicht alleine setzen durfte. Ich sollte immer nach Schwester oder Pfleger, also Aufsicht klingeln, wenn ich mich aufs Klo oder davon wegsetzen wollte – was ich nicht immer tat! Frank meinte, ich würde schon seit 20 Minuten gehen (am Stück). Er wolle es sich noch überlegen, sagte er mir zum Abschied. Mittags kam er noch mal kurz zu mir rein, um mir zu sagen, dass er eine Orthese für mich jetzt verordnet habe. Dummerweise gibt es auf unserem Flur kein Geländer, im 3. Stock wohl, aber dort gibt es keine Schwestern, wenn mir etwas passieren sollte. Zumindest denkt er ernsthaft über eine teilweise Freigabe des Laufens nach, also habe ich erneut offensichtlich Fortschritte gemacht. Der Bewegungsablauf ist zwar noch keineswegs optimal – insbesondere die Hüftstabilität und die Belastung des linken Beines, aber es geht eben weiter voran – wenn auch langsam.“

    Hüftstabilität, Kniebeuge und Fußheber links sind noch immer „mangelhaft“, aber wer von Euch (außer Bettina, sei gegrüßt) kann sich denn vorstellen, welches Stück Lebensqualität es bedeutet, alleine und wann und wo man will und muss aufs Klo gehen zu können? Das ist das, wo ich herkomme, und jetzt fahre ich wieder mit dem Auto jeden Tag zur Arbeit und fliege im Januar nach Guantanamo (ähm, lieber nicht, Monrovia tut es auch)!

    In diesem Sinne: achtet auf Euch, spürt die Kräfte Eures Körpers und früh genug auch, wenn sie nachlassen, hört auf den einzigen Körper, den Ihr habt, eine Kunst, die ich wohl nicht verstanden hatte! Genießt die bevorstehenden Fest- und Ruhetage, rutscht gut und beidbeinig fest stehend und beidarmig gut ausbalanciert ins neue Jahr hinüber, das Ihr hoffentlich nicht nur übersteht, sondern auch genießt, aber zu allermindest gesund!

    Ganz lieben Gruß Euch allen und einigen einen allerherzlichsten Dank für die mehr als wichtige und für Weitermachen und Kopf-hoch und noch-mehr-Kampf so hilfreiche Begleitung während 2004/05! Ich habe soviel Unterstützung und Besuch auch von Leuten erhalten, von denen ich es nicht unbedingt erwartet hatte – ich hoffe, Ihr müsst niemals erleben, wie wichtig das ist! Danke!!!

    Sancho IV oder Sancho und die Entfesselungskunst

    12. Apr 2006 21:34

    Schon wieder ist es eine ziemliche Weile her, dass Ihr von den Erlebnissen von Sancho gehört habt. Erinnert Ihr Euch noch? Im Dschungel befand er sich noch ziemlich gegen Ende 2005 – in welchem Dschungel? Na – so vergesslich? Im Paragraphendschungel natürlich, wo viele wilde und gefährliche Tiere ihr Unwesen trieben und Autofahren ebenso wenig wie Arbeiten dulden wollten – bzw. nur nach Überwindung erheblicher Hürden, und so übte Sancho mit seinem Muli für CHIO Aachen! Dies aber mit schließlich so überwältigendem Erfolg, dass er eine „Sondergratifikation“ noch vor Weihnachten und lange vor Turin erhielt – Nein: keine Goldmedaille, sondern in Form einer stufenweisen Wiedereingliederung …

    Und so befreite sich Sancho nach fast 1,5 Jahren von der Fessel der beruflichen Untätigkeit, und fing zunächst ab 28.11. bis Ende 2005 mit 4 Std/Tag an. Der Arbeitgeber freute sich sehr ob der Entfesselung des „verlorenen Sohnes“ (schließlich befinden wir uns in einem christlichen Haus) und bestand darauf, noch vor Weihnachten seine „Schuld“ des von Sancho in 2004 nicht genommenen Urlaubs mit ca. 3.000,- € „Sonderjubelprämie“ (freudig) zu büßen, worauf ich ihm gnädig Absolution erteilte – vor einigen hundert Jahren hätte man das „Ablasshandel“ genannt, gewöhnlich wird es heutzutage bei „normalsterblichen“ Arbeitgebern aber eher durch Übergehen, „Verjährung“ oder „(blatt-)goldenen Handschlag = Rauswurf“ gebüßt (gebüßt also somit eher vom Arbeitnehmer!). Wie geschrieben, es ging um 2004, also mindestens einmal 1 Jahr zurück! Damit rechnete Sancho dann wirklich nicht mehr, wann hätte er auch Urlaub nehmen sollen, er hatte schließlich „Besseres“ zu tun und erhielt gar unabschlagbare Einladungen zur Intensivstation, OP-Raum und Rehaklinik! Ihm wurde aber beschieden: „Der verjährt ja nicht! „Gott-sei-Dank“ hatte sich Sancho ja von der Kirche schanghaien lassen.

    Andererseits war der AG ob des entfesselten Sancho so begeistert, dass er ihn fragte, ob er nicht bereits im Dezember ein Christibantraining auf der sonnigen arabischen Halbinsel absolvieren könne – gefragt, getan: 11.-14.12.05, während der edle Sancho-Fan ordentlich bibberte, aalte Sancho sich ungebührlich unter dubaischer Sonne. Reise war völlig okay, nur die Ankunft um 7.00 Uhr früh nach durchflogener Nacht führte dazu, dass er während der Vormittagstagung doch gelegentlich den Kopf auf die Brust sinken ließ (Lähmungserschei-nung? – Wenn überhaupt, so höchstens der Augenlider). Auch das einhändige Selbstbedienen am übervollen Frühstücksbuffet mit dem Teller in der rechten Hand, um sich mit der rechten Hand aufzutun (wie geht denn das? Eben! Gar nicht!)

    Somit nahm Sancho eben weiter ab, bzw. verhalf seinen Erdenmitbewohnern zu (beidseitig) gerne angenommenen Pfadfindererlebnissen („jeden Tag eine gute Tat“). Ansonsten war das Christibantraining recht erfolgreich – arabische Hände strecken sich dem Gelähmten übrigens zumindest mal so eifrig hilfegebend entgegen (übrigens ohne Sprengstoffgürtel! – Dies nur für die Kulturclashpropheten, denen von dieser Stelle die ewige Höllenverdammnis gewünscht sei) wie hiesige Gut-Christibane. Jedenfalls hatte sich Sancho jetzt auch der Reiseverhinderungsfessel entledigt.

    Über Sylvester wurde dann mit Köln-/Bonn-/Freiburger Saufkumpanen am sich-der-Nüchternheits-Fesseln-Entledigen heftigst gefeilt, so dass die Ketten von 2005 schließlich gesprengt wurden – und dies gegen und nach 0.00 Uhr tatsächlich mit viel Blitz und Donner.

    Ab 2.1. war dann auch die Halbtagsfessel gelockert und durch hartnäckige Dehnungsübungen einer 6 Std/Tag-Beklemmung gewichen.

    Knapp an Guantanamo vorbei – aber ziemlich weit!

    Im Januar folgte dann zunächst eine Einladung nach Monrovia (nein, nicht die Hauptstadt von Liberia, sondern ein kleiner Außenbezirk einer „L.A.“ genannten Hausanhäufung in dem Land mit den Streifen und vielen Sternen im Banner, deren lediglich einen die freigelassenen Exsklaven in Westafrika kopiert und mitgenommen hatten).

    Nach der dezemberlichen Reise ins Morgenland folgte nun also die januarliche Bewegung in die Gegenrichtung, und – wen wundert es nach dem erfolgreich absolvierten Christibantraining – knapp an Guantanamo vorbei, wo die Menschen bekanntlich als Trendsetter im modischen Orange campieren und …

    Sancho vermied zu nahes Kommen jedoch, obwohl er bei der Einreise seine „fingerprints“ abgeben durfte. Apropos – jemand werfe den US-amerikanischen Einreisebeamten noch einmal Unflexibilität vor – völlig ungerechtfertigt (zumindest in Vor-Trump-Zeiten!), weiß Sancho zu berichten!

    Statt gekrampftem Zeigefinger der linken und dem entspanntem der rechten Hand durfte er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand nehmen! Auch Folter und Verstümmelung ist böswillige Unterstel-lung, wahrscheinlich von verstreuten Kommunisten und anderen Antichristen. Der/m werten Leser/in) sei versichert, dass sich Sancho noch aller Finger (wenn auch nur hälftig funktionsfähig) erfreut. Niemand, NIEMAND! wollte ihm den linken Zeigefinger abschneiden, um den begehrten Fingerabdruck zu bekommen!

    Nach diesen beiden höchst prekären und gegengerichteten Reisen in Morgen und (zumindest damals noch nicht)-ganz-so-dunkles Abendland musste der zurückgekehrte (und reiseverhinderungsbefreite) Sancho noch im Januar der Chefanklägerin Carla von der Brücke (del Ponte – damals Chefanklägerin am internationalen Gerichtshof) einen Bericht persönlich in Den Haag überbringen, was dann doch eher eine leichtere Reiseübung war. Anfang April folgte dann (nur der Vollständigkeit halber) noch ein kurzer Ausflug bis jenseits des ehemals so trennenden und kettenbewährten eisernen Vorhangs ins Herz bundesrepublikanischer Macht (oder knapp daneben!)

    Weitere Änderungen im Privatumfeld

    Was sich bereits länger (eher Jahre) angekündigt hatte, wurde ab September 2005 immer konkreter. Sanchos Angetraute, die meist treue und gutmütige Besucherin auch auf der Intensivstation mit stark abnehmender Häufigkeit in weiteren Rehaetappen, bockte und verweigerte weitere Hindernisse, was dem Paar mindestens 3 Strafpunkte und quasi die unausweichliche Disqualifikation einbrachte. Nach dem zwischenzeitlichem Aufenthalt in säuerländischer Mutter-Kind-Kur teilte sie ihm schließlich auch die vollzogene emotionale Entfesselung mit. Noch zerrte Sancho an den Ehebändern und Beziehungszügeln, doch die nun völlig entfesselte Beinahe-Ex war bar des Partners außer Rand und Band. Sie meinte zwar, dass Sancho den bis dahin gemeinsam besiedelten Marburger Stall durchaus an den Wochenenden noch bewohnen könne, aber während der Woche solle er sich doch (Zu seinem eigenen Wohl! – und als Sonderzückerchen für die ihn ehemals Begleitende obendrein) lieber eine Wohnung nahe der Arbeit suchen.

    Nun fing auch Sancho mit dem Bocken und Verweigern an und teilte ihr schließlich mit, dass er sich unter diesen Voraussetzungen doch lieber ganz entfessele, und folglich zwar einen arbeitsnäheren Stall, jedoch keineswegs nur für während der Woche, suchen werde. Auch beabsichtige er, dann lieber nach angemessener Trennung von Bett und Börse die längst nicht mehr siamesische Zweierbeziehung vor aller Welt offiziell als beendet zu benennen. Das war in der Tat eine weitere wichtige, einschneidende und gelungene, wenn auch von Sancho keineswegs beabsichtigte, gewollte und erhoffte Entfesselung! Aber so ist das Leben nun einmal – wir scheiden, was keine kirchliche Trauung verbunden hat …

    Auch die Kinder scheinen sich langsam an den Gedanken zu gewöhnen, auch wenn beim Älteren zunächst tränenreicher Protest geäußert wurde, und der Kleine beim Ausflug mit Sancho und dem Großen im Auto zwecks Wohnungsbesichtigung den „Entfesselungs-Sancho“ überraschte, als er gut vernehmlich, wohl akzentuiert, allerdings einigermaßen unvermittelt sagte: „Papa, wir wollen Dich nicht verlieren!“ Das saß!

    Allerdings sind sich Ex-Begleiterin und Entfesseler einig, dass die Kinder nicht leiden sollten und auch Sancho nicht verlieren sollten. Auch die Aufteilung von Mietwohnung und Inventar ist auf einen hoffnungsvollen Weg, wobei davon auszugehen ist, dass der eine oder Andere noch manches Mal bocken und verweigern wird …

    Im arbeitsnahen Stall

    Seit Mitte März hat Sancho nach kurzer, aber intensiver Suche auch einen neuen, Altbau-Stall gefunden, der mit 3 Boxen (eine für Kinder und Gäste auf Besuch, zwei für den täglichen Gebrauch) im bäderlichen Nauheim Mitte Mai bezugsfähig ist. Das nauheimige Bad kennt Sancho übrigens bereits von einem gemeinsamen Tagesausflug mit der nun Verflossenen aus weniger entfesselten und noch mehr verbundenen (glücklicheren?) Tagen sowie aus der sechswöchigen Rehakur im Winter 2004/2005.

    Die Fessellänge zum christlichen Tageswerkstall wird 16 Entfernungs-km sein, wobei es in Hausnähe wenige Parkplätze, aber durchaus eine öffentlich-nahverkehrliche Verbindung zur Werkbank gibt.

    Und so plant Sancho nach Kurzturnier im mailichen Granada den Stallbezug am 13.5.2006 – und, was soll er sagen, trotz aller wohl noch auftauchenden Schwermut und Sehnsucht nach alter „Wirkungsstelle“ freut er sich nun wirklich auf neue strohbodengedeckte Boxen und den Aufbau neuer Eselsfreundschaften mit neuen Sparringspartnern.

    Wie Ihr den werten Autor dieses Fortsetzungsromans ja bereits kennen gelernt habt, wird diesem Teil IV sicherlich früher oder eher später Teil V folgen. Vielleicht hat der eine oder die andere Leser(in) bis dahin sich ja bereits einen ersten und persönlichen Eindruck vom neuen Stall verschafft.

    Alle Sitzpinkler sind ab Mitte Mai gerne gesehen (nicht nur zum Pinkeln!) in der Burgstraße (welch geeigneter Name für unseren edlen Knappen) in Bad Nauheim. eMail und Handynummer bleiben natürlich die gleichen, die Festverbindung muss noch erschaffen werden!

    bis demnächst völlig entfesselte Grüße

    SANCHO IV,5 – Pressemitteilung – Sancho und die werktätigen Helden der Arbeit

    19. Mai 2006 11:14

    Berlin-Pankow, Sancho-Burg Nauheim:

    dank des heldenhaften und selbstlosen Einsatzes der Werktätigen-brigade „Nauheim V“ konnte der 4-Wochen-Plan bereits nach einem Wochenende quasi zur Hälfte erfüllt werden. Sancho konnte seinen geweißten Stall beziehen, wenn er bislang dort auch nur 4 Möbelstücke hat (Matratze auf Boden, Herd, Spüle und 1 Schemel – zählt man Küche, Bad und Flur als Zimmer – insgesamt dann 6 – so hat er fast doppelt so viele Möbelstücke wie Zimmer, aber heute kommen hoffentlich gleich noch Waschmaschine und Kühlschrank hinzu, dann besteht Gleichstand!). Morgen erfolgt dann der große Umzug

    Folgende Helden der sozialistischen Kommune Nauheim erhalten den großen Sancho-Verdienstorden an der gebrochenen Lanze:

    1. DP

    2. MS

    3. MB

    4. K ??? – der Familienname dieser hochverdienten Genossin ist dem Ordensstifter leider nicht bekannt!

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