Schlagwort: Bürgerkrieg

  • Mit Huhn, Ziege und Zigaretten

    erst-veröffentlicht am 15.9.2000, in Blog eingestellt am 6.9.24, leicht textlich und mit Fotos erweitert im Oktober 25

    Ein von Sancho im Jahr 2000 geschriebener und in der Taz veröffentlichter Artikel

    s. nachfolgenden Original-Link: https://taz.de/Mit-Huhn-Ziege-und-Zigaretten/!1212143/

    Bevor das Auto losfahren kann, wirft uns der fünfjährige Joseph ein forderndes „Snap“ entgegen. Das heißt: Aussteigen und ein Foto machen! Als das passiert, stürzen auch weitere Kinder aus Moyamba herbei, so dass Joseph umringt ist

    Kinder in Moyamba (Foto: StH, 2000) – Joseph rechts

    Das verzögert den Aufbruch. Moyamba ist ein ruhiger und grüner Ort in Sierra Leone, eigentlich nicht weit von der Hauptstadt Freetown entfernt. Aber in der gegenwärtigen Kriegslage muss man sich beeilen. Um drei Uhr nachmittags geht es schließlich los, voll beladen mit vier Passagieren, dem persönlichen Gepäck für etwa die eine Woche, die diese Reise gerade gedauert hatte, einer Ziege und einem Huhn, die Geschenke der Bevölkerung waren und deren Zurückweisung sehr unhöflich und somit nicht möglich gewesen wäre. Die Medikamente für 8.000 Menschen, die auf der Hinfahrt transportiert worden waren , ermöglichten nun im Krankenhaus in Moyamba für die dortigen Patienten eine bessere medizinische Versorgung.

    Das vom der deutschen Regierung und auf Empfehlung von UNICEF unterstützte Hospital in Moyamba (Foto: StH, 2000)

    Die Straße ist zunächst recht gut, so dass wir gut und komfortabel vorankommen. Die Straße ist allerdings eben auch die Hauptverbindung zwischen den Städten wie Bo und Kenema im Osten des Landes und der Hauptstadt Freetown, und entsprechend werden viele Waren befördert.

    So vollgeladen wie der voranfahrendeWagen , ist unser Fahrzeug allerdings nicht. (Foto StH: Sierra Leone, 2000)

    Bei der Wegkreuzung von Rotifunk, 30 Kilometer weiter und anderthalb Stunden später, werden Zigaretten eingekauft. Das muss sein, damit an Straßensperren die ein oder andere Zigarette den Besitzer wechselt, was die Miene des Empfängers aufhellt, den Schlagbaum öffnet und dem vorherigen Besitzer einen weiteren Freund beschert.

    Ein Stau mit dreißig Autos

    Gegenverkehr. Also kommen Autos über die Mabang-Brücke. Das ist nicht selbstverständlich. Mabang ist Sierra Leones Nadelöhr – eine Holzbrücke auf der derzeit einzig sicheren Straße zwischen der Hauptstadt Freetown und dem Osten des Landes. Normalerweise würde man den weiter nördlich liegenden „Highway“ über die Orte Masiaka und Mile 91 benutzen, aber der ist Kriegsschauplatz seit Sierra Leones Bürgerkrieg neu ausgebrochen ist. Also bevorzugen jetzt selbst Lkws den schwierigeren Weg über die alte Eisenbahnbrücke von Mabang, deren Holzbohlen und Bretter unter der schweren Last immer wieder brechen. Wenn dann ein Fahrzeug festhängt, geht erst mal nichts mehr auf der einspurigen Brücke.

    Um 17 Uhr liegt Mabang vor uns – und eine Reihe von Autos. Zwölf vor, zwanzig hinter uns. 30 Autos vor dieser Brücke sind gleichbedeutend mit einem 50-Kilometer-Stau in Deutschland.

    Am Anfang der Brücke steht eine Gruppe von UNO-Soldaten aus Guinea. Sie wollen sofort fotografiert werden, um eine Erinnerung an diesen berühmt-berüchtigten Ort zu haben, wenn sie nach ihrer Mis-sion wieder zu Hause sind. Ein paar Meter weiter ist ein Lkw auf den halben Palmenstämmen, alten Eisenbahnbohlen und sonstigen Stöcken und Brettern der Brücke eingebrochen. „God Go With You“

    eingebrochener LKW an der Mabang-Brücke (Foto: StH, 2000)

    steht auf den Schmutzabweisern der Hinterräder – tja. Wie immer in solchen Fällen verdienen sich einige Einwohner von Mabang ein Zubrot dadurch, dass sie mit Wagenhebern hantieren und nach stundenlanger Arbeit Bretter unter die Räder des eingebrochenen Lkws legen, so dass dieser hoffentlich bis zum Ende der Brücke weiterfahren kann. Gewöhnlich werden dann erst einmal die wartenden Pkws durchgelassen, weil diese die Brücke meist ohne Zwischenfall passieren, bevor der nächste Lkw irgendwo einbricht. Vor den Pkws sind natürlich noch die Fahrzeuge der UNO an der Reihe. Selbstverständlich ist das erste wartende Fahrzeug vor der Brücke ein UN-Lastwagen. Es kann also dauern.

    Der festhängende Lkw und die eingebrochenen Bretter werden ausgiebig begutachtet und rege diskutiert. Die Brücke verspricht, ein gastlicher Ort zu werden. In weiser Voraussicht hat sich einer der Blauhelmsoldaten aus Guinea mittlerweile ein Feldbett vor den UN-Lastwagen gestellt. Vor der Brücke gibt es viele Stände mit Zigaretten, Getränken, Batterien, Broten – praktischerweise.

    Straßenstand an der Mabang-Brücke (Foto: StH, 2000)

    An den wartenden Autos gehen Kinder und Frauen vorbei: „Beafletti 500’“, murmeln sie, lüften den Deckel des Topfes und lassen einige Fleischspieße zum Vorschau kommen. „500’“ meint den Preis von 500 Leoni, etwa 50 Pfennig. Einige Stunden später macht ein Junge sich einen Spaß daraus, „Beafletti 500`“ zu rufen, den Deckel zu heben und den leeren Topf zu zeigen – sein Tagesgeschäft hat er gemacht, dem eingebrochenen Lastwagen sei Dank.

    Die örtliche Bevölkerung von Mabang nutzt Staus durch auf der Brücke eingebrochene LKWs zu Verkäufen von lokalen Snacks (Foto: StH, 2000)

    Der Kommandeur des Brückenortes muss immer wieder mit Autofahrern und Passagieren diskutieren, die ihn davon überzeugen wollen, dass sie aber wirklich die allerersten sein müssen, die über die Brücke fahren, wenn, ja wenn das bestehende Problem dort gelöst ist. Mittlerweile ist es 19 Uhr. Von der anderen Seite der Brücke könnten wir in einer Stunde in Freetown sein. Ab 23 Uhr ist in der Hauptstadt Ausgangssperre.

    Dann. Der Lkw fährt! Das tut er etwa 10 Meter, dann bricht er wieder ein. Vielleicht sorgt ja der hochrangige Vertreter der sierra-leonischen Straßenbehörde, der diesmal ebenfalls vor der Brücke wartet, bald für Besserung. Die Bewohner von Mabang schimpfen jedenfalls bei jedem Stau und drohen, die Autos nicht mehr durchzulassen, da „keiner der Regierung sagt, wie schlecht der Zustand der Brücke ist“, wie einer von ihnen behauptet.

    Nach wenigen Stunden vor der Brücke kennt man sich. Ein Kleinbus gehört der Methodistenkirche, die in der Südprovinz Sierra Leones ein Bildungsprogram hat, ein weiterer Bus gehört einer anderen kirchlichen Organisation, dann kommen die Blauhelme aus Guinea.

    In einem Mercedes sitzt ein gut gekleideter Mann mit leichtem Bauchansatz, eine ebenso gut gekleidete Frau und ein etwa vierjähriges Kind. Kind und Mann spielen Kungfu. Schließlich möchte auch einer der Blauhelmsoldaten mitspielen. Das darf er aber erst nach einiger Zeit und nachdem das Kind sich zuvor des Schutzes der Mutter vergewissert hatte – zu viele Kinder in Sierra Leone haben schlechte Erfahrungen mit Männern in Uniform gemacht.

    Es gibt Gerüchte, dass die Batterie des Lkws leer ist. Später stellt sich heraus, dass er keinen Diesel mehr hat. Das Ergebnis ist das gleiche. Einige Wartende versuchen den Besitzer des Lkws davon zu überzeugen – nicht nur mit freundlichen Worten – dass er abladen müsse, um sein Gefährt leichter zu machen. Der Besitzer weigert sich hartnäckig.

    Mittlerweile ist es stockdunkel. Ein anderer Lkw ist von der anderen Seite auf die Brücke gefahren, um den LKW ohne Treibstoff abzuschleppen und somit den Weg endlich frei zu machen. Es passiert, was passieren muss: Der helfende Lkw bricht ebenfalls ein.

    Eine Stunde später ist der Besitzer des zuerst eingebrochenen Lkws „sanft`“ überzeugt worden, dass er abladen muss. Alle Männer helfen. Bananen, Cassava-Blätter, Reis, Holz, Holzkohle. Die meisten Säcke werden auf die andere Brückenseite transportiert, aber einige Säcke werden auch von den „Helfenden“ zur Seite gelegt. Nun ist klar, warum der Besitzer nicht entladen wollte. Diese Brückenüberquerung wird für ihn richtig teuer.

    Um halb elf Uhr nachts ist der leer geräumte Lkw mit vereinten Kräften endlich auf die andere Seite geschoben worden. Nun gibt es das übliche Chaos, da alle Wartenden versuchen, als Erstes mit ihrem Fahrzeug auf die Brücke zu kommen. Dieses Chaos wird nicht ohne lautstarke und ausgiebige Diskussionen gelöst, aber schließlich können auch wir passieren. Es ist 22.50 Uhr.

    Ausgangssperre in zehn Minuten

    Die Zeit drängt. Die Ziege hinten im Auto hat bereits mehrmals plätschernde Geräusche gemacht. Und in zehn Minuten beginnt im nahen Freetown die Ausgangssperre, dann ist es nichts mehr mit dem Ankommen im sicheren Heim.

    Gegen 23.15 Uhr ist die Kreuzung zur Hauptstraße nach Freetown erreicht. Da kommt aus dem Dunkel ein „Stooooop!“. Also Stopp. „Mach das Licht aus!“ Wird gemacht. Ein Bewaffneter schleicht heran, leuchtet mit einer Taschenlampe in den Wagen. Auf der anderen Seite taucht noch ein Bewaffneter auf. Auf dem Gewehr des einen steckt ein Granatenaufsatz. Beeindruckend.

    Die Zigaretten überzeugen von unserer Harmlosigkeit. Man bedeutet uns, bis zu einer Taschenlampe vorzufahren, die etwa 30 Meter weiter vorne leuchtet. Dort angekommen, wird ein Platz zum Parken angewiesen. Einige andere Autos, die schon vor der Brücke gestanden hatten, stehen bereits dort. Weitere kommen.

    Diese Straßenkreuzung ist ein Stützpunkt von Milizen, die mit der Regierung verbündet sind. Nördlich und südlich dieses Checkpoints sind Blauhelmsoldaten aus Jordanien stationiert. Die Jordanier dulden keinerlei Verkehr nach 22.30 Uhr. Schließlich ist diese Gegend die Hochburg der „West Side Boys“, einer anderen Miliz, die einmal mit der Regierung verbündet war und nun Ärger macht, zum Beispiel durch die Gefangennahme britischer Soldaten.

    Also muss die Nacht im Auto verbracht werden, mit Huhn und stinkender Ziege. Der Sternenhimmel ist dafür überwältigend. Bei Tagesanbruch fahren wir weiter nach Freetown, das wir somit ziemlich früh am nächsten Morgen erreichen. Das Huhn bekommt der Fahrer.

    Die Ziege wird geschlachtet und zusammen mit Cassava und Cassavablättern wird sie in ein leckeres Mal verwandelt, das auf unseren Tellern landet. Auf dem lokalen Markt vor dem Haus wird alles, was die Bewohner des Zentrums der Hauptstadt benötigen, von Palmöl über sonstige Lebensmittel bis zu Kleidung und Küchenutensilien feilgeboten. Wie üblich pulswiert dort das Geschehen. Stimmengewirr und die Rufe der Verkaufenden sind zu vernehmen.

    Pulsierender Markt im Zentrum Freetowns. Foto (StH, 1999)

    Durch diese Straße waren im Mai 1999 auch die Rebellen der „Revoluntary United Front (RUF) unter ihrem Anführer „Mosquito“ mordend und brandschatzend gezogen. Das Haus, von dem aus dieses Foto gemacht wurde, war als solide gebautes Haus für den Besitzer, seine Familie und etwa 30 Menschen aus der Nachbarschaft eine Schutzburg, während viele der anderen Häuser in der Nachbarschaft niedergebrannt und geplündert wurden. Der Besitzer dieses Hauses öffnete seine Türen für die schutzsuchenden Nachbarn, und teilte mit ihnen für gut zwei Wochen Nahrung und Wasser. Als der Wassertank auf dem Dach des Hauses zerschossen war, kochten sie Reis mit den Infusionslösungen, die in einem Raum gelagert waren, um später z.B. im Moyamba-Hospital eingesetzt zu werden. Als auch diese zu Ende gingen, führte dieser so beeindruckende Mann libanesischer Herkunft, der in Sierra Leone aufgewachsen war und unser Repräsentant in Sierra Leone war, die Gemeinschaft nachts entlang des Strandes in den Westteil der Stadt, der noch unter Kontrolle der Blauhelme war, und somit Sicherheit bot. Auch war von dort der internationale Flugplatz in Lungi mit einer Fähre oder einem der Transporthubschrauber sowjetischer Herkunft zu erreichen, wenn dies auch bisweilen ein recht abenteuerlich anmutender Transfer war.

    Einer der Hubschrauber für den Transfer zwischen dem Flughafen Lungi und Freetown (Foto: StH – 2002)

    Während dieser Tage der RUF-Attacke, von denen auch in Deutschland berichtet wurde, versuchte ich von Deutschland aus mit diesem Mitarbeiter in Freetown, Hassan, in Verbindung zu bleiben. Das war oft nicht einfach, da die Verbindung häufig zusammenbrach.

    In diesen Tagen entschieden eine Reihe von Mitarbeitern und Mitgliedern von Terra Tech, Hassan und seine Familie für eine Weile nach Deutschland zu holen, damit sie sich von dem Schrecken und Strapazen etwas erholen könnten. Insbesondere die drei Töchter, deren jüngste auch in Deutschland zunächst zusammenzuckte, wann immer sie eine Uniform sah, bedurften eines derartigen Wechsels und der Erholung. Sie blieben etwa 6 Wochen in Deutschland und kehrten dann nach Sierra Leone zurück, wo ich auch in den folgenden Jahren in ihrem Haus lebte, wenn ich die Projekte besuchte.

    Apropos „Barmherzigkeit“: Ich bin noch immer beeindruckt von der Offenheit und fast grenzenlosen Hilfsbereitschaft dieses gläubigen Muslims, nicht nur in dieser so kritischen Situation des RUF-Angriffes auf Freetown. Seine Tür war stets offen für hilfesuchende Nachbarn, und häufiger sah ich ihn während meiner Aufenthalte bei ihm mit Nachbarn oder anderen Hilfesuchenden in seinem Wohnzimmer geduldig zuhörend reden und ihnen Rat und manches Mal etwas Geld gebend. Auch ich war als Gast in seinem Hause stets willkommen. Ich bin nur froh, dass wir ihm in dieser kritischen Situation ein wenig durch die Ermöglichung eines vorübergehenden Aufenthaltes im sicheren Deutschland als kleine Anerkennung seiner stets gelebten und bedingungslosen Gastfreundschaft zurückgeben konnten.

    Wie mir später berichtet wurde, sind bei dieser Attacke der RUF etwa 5.000 Menschen getötet und noch mehr verstümmelt worden, indem ihnen Arme, Beine, Ohren, Nasen und andere Körperteile abgeschnitten wurden.

    Die Brutalität war kaum vorstellbar, doch waren auch viele Täter selbst Opfer. Sie waren aus ihren Dörfern geraubt worden, mussten teilweise eigene Familienmitglieder ermorden, damit die RUF-Führer sich der Loyalität dieser als Soldaten zwangsrekrutierten Kinder sicher sein konnten, da sie nach diesen Taten ja keinen Platz und keine Gemeinschaft für eine Rückkehr mehr hatten.

    Beim Angriff selbst, wurde ihnen – wie mir berichtet wurde – die Ader an einer Schläfe angeritzt und ein Stück Kokain mit einem Pflaster auf diese Wunde geklebt. Das führte dann zur Hemmungslosigkeit und Brutalität der Kindersoldaten.

    Jahre später befand sich ein Mann, dem während dieses Angriffs beide Arme abgeschnitten worden waren, auf dem Märkt nahe „Clocktower“ im Freetown, an einem Ende der Marktstraße, als er den „Täter“ erkannte. Er sprach ihn an. Andere Marktbesuchende wollten den „Täter“ lynchen, doch das Opfer sagte: „NEIN! Ich möchte nur, dass er versteht, was er getan hat““ – und streckte ihm seine beiden Armstummel entgegen.

    Was für eine menschliche Größe dieses Opfers! Aber wer ist in einer solchen Situation nur „Täter“? Selbst viele der Rebellenführer waren in Sierra Leone, wie auch in Uganda oder im Kongo Jahre zuvor als Kinder in ihren Dörfern überfallen und geraubt worden.

    Mein Bruder war in den 1980er Jahren in Sierra Leone und – wie alle anderen, die in den 70er und 80er Jahren Sierra Leone besucht hatten, vollkommen angetan von der Freundlichkeit und Offenheit der Bevölkerung. Kaum konnten sie verstehen, was in den 1990er und 200oer Jahren dann dort geschah.

    Letztlich ging es in Sierra Leone wie auch in Zaire/DRC stets um Bodenschätze und die Macht über diese – in Sierra Leone um Diamanten. Der Reichtum dieser Länder ist leider oft auch gleichzeitig ihr Fluch. Einige wenige profitieren und saugen sich skrupellos voll, die meisten „normalen“ Menschen leiden unter den Zuständen – Fast wie im „normalen Leben“ fast überall auf der Welt 🙁

    Meine Erfahrung auch bei späteren Aufenthalten im Land war die große Toleranz z.B. zwischen den Religionen. Häufig fuhren wir ins „Feld“ zu Projektbesuchen mit Autos, in denen Muslime und Christen saßen – es gab keine Anfeindungen, sondern gegenseitige Anerkennung der Andersartigkeit. Auch bei Einweihungsfeiern sprachen sowohl die lokalen Imame als auch Priester und beteten zusammen für ein Gelingen des Projektes.

    Selbstverständlich trank und aß ich während des Ramadans nicht vor meinen muslimischen Mitreisenden, sondern ging etwas abseits – ein ganz kleines und einfaches Zeichen der Wertschätzung.

    Andererseits hatte Hassan stets eine Kiste des lokalen Biers in seiner Gefriertruhe, wenn ich oder andere „Westler“ nach Freetown kamen und bei ihm wohnten. Er selbst trank als gläubiger Muslim keinen Alkohol, aber wusste und akzeptierte, dass wir ein kühles Bier nach der Hitze und dem Staub des Tages genossen.

    Ich habe in diesem Land sehr viel gelernt, und wirklich beeindruckende Menschen kennengelernt, denen ich für all die Menschlichkeit und Gastfreundschaft extrem dankbar bin.

    Der Fluss ist gleichermaßen Spielplatz, Freibad und Waschküche der ansässigen Bevölkerung Foto: StH (2002)

    Diese Begegnungen sind das, was ich an meiner „humanitären Arbeit“ besonders schätzte und als sehr wertvolles „Geschenk“ empfand. Diese kompensierten auch die weniger schönen Erlebnisse, die es selbstverständlich auch in der Konfrontation mit Elend, Leid, Tot und Gefahr, gab.

    Derartige Erlebnisse werden z.B. in folgenden Beiträgen dargestellt:

    Gessi gibt Gas und An den Gestaden des Nils – Paul in Leer

    Der Autor war damals Projektleiter der Hilfsorganisation „Terra Tech“, die auch Hilfsprojekte im damaligen Bürgerkriegsland Sierra Leone durchführte.

  • Der „Clan“ der internationalen Hilfsorganisation

    eingestellt am 9.2.25

    Foto: StH – ein Buschflieger wird auf dem Airstrip in Belet Weyne betankt – 1993

    Hiran-Region/Somalia im September 1991,

    Die internationale Hilfsorganisation, für die Sven in Somalia ist, ist in vier Regionen des Landes tätig, und hat ihren Sitz der Hauptdelegation auf dem Gelände eines ehemaligen Krankenhauses in der Hauptstadt Mogadischu. Von dort aus verteilen sie Hilfsmittel in Zentralsomalia von Mogadischu aus gen Norden bis in die Region Beledweyne nahe der äthiopischen Grenze.

    So befindet sich Sven auch im September 1991 in der am Shebele-Fluß gelegenen Region „Hiran“, um dort insgesamt etwa 500 Tonnen Lebensmittel und Saatgut zu verteilen. Diese Verteilung von humanitären Hilfsgütern soll die Ernährungssicherung aus eigener landwirtschaftlicher Produktion der Bevölkerung nach Dürre und Kriegshandlungen unterstützen.

    Nach einer in einem lokalen Hotel verbrachten Nacht trifft Sven am kommenden Morgen Ibrahim in Beledweyne. Ibrahim ist ein lokaler Mitarbeiter aus Mogadischu, der dem hauptsächlich im Norden Somalias um die Stadt Harguesa angesiedelten Isaaq-Clan, einer der sechs größten Clanfamilien im Land, angehört.

    Alle Clans Somalias haben eine Repräsentanz ihrer Stammesbevölkerung in der Hauptstadt, auch wenn ihr Hauptstammesgebiet in anderen Regionen liegt. Und so lebt und arbeitet auch Ibrahim in Mogadischu, und arbeitet dort als Fahrer für die internationale Hilfsorganisation.

    Nun erzählt er Sven, er sei mit einem der in Mogadischu von der Hilfsorganisation benutzten PKW bei einer Fahrt in der Hauptstadt von bewaffneten Räubern angehalten worden sei, die das Auto dann gestohlen hätten.

    Vermutung zum „Verkaufsweg“

    Er sei sich aber sicher, dass die Räuber versuchen würden, den Wagen über die Grenze nach Äthiopien zu bringen, um ihn dort zu verkaufen. Da sie dafür sehr wahrscheinlich über Beledweyne kämen, habe er sich gestern hierhin aufgemacht. Die Wachen am Checkpoint auf dem Hügel oberhalb der Stadt, den jeder Reisende passieren muss, habe er auf das gestohlene Auto aufmerksam gemacht. Er habe es ihnen mit Typ und Kennzeichen beschrieben, doch sei es am Aufkleber der Hilfsorganisation ohnehin leicht zu erkennen. Er habe die Wächter gebeten, den Wagen dort unter einem Vorwand festzuhalten und ihn zu informieren, sollte das Auto tatsächlich am Checkpoint auftauchen. Seinen in Beledweyne ansässige Clanältesten (eine Art „Konsul“ des Clans in der Hiran-Region) habe er ebenfalls informiert.

    Und tatsächlich bekommen sie einige Zeit später eine Information vom Checkpoint, dass der gesuchte PKW dort angekommen sei und nun dort festgehalten werde. Ibrahim informiert seinen örtlichen Clan-Vertreter und begibt sich mit ihm zum Checkpoint.

    Der Prozess

    Nachdem dort nun auch die Clan-Zugehörigkeit der Räuber geklärt ist, wird eine traditionelle Gerichtssitzung anberaumt, bei der die jeweiligen örtlichen Clan-Vertreter jeweils die Interessen der beteiligten Clans vertreten. Ibrahim bittet auch Sven, mit ihm zu Ort der Verhandlung zu kommen.

    Dort wird Sven ein Stuhl angeboten, und zu Beginn werden von allen Beteiligten einführende Reden gehalten. Den Vorsitz hat der Älteste des ortsansässigen Hawiye-Clans. Nach den Ältesten ergreift auch Ibrahim das Wort, und schildert den Raub in Mogadischu. Danach zeigt er auf seinen Issaq-Vertreter und sagt, das sei sein Clanältester, bevor er auf Sven weist, und sagt, dass sei der Älteste seines Arbeitsclans, also der internationalen Hilfsorganisation, für die er zum Wohle der Somalis arbeite.

    Nun beginnt ein etwa zweistündiges Palaver, das Sven natürlich nicht versteht, doch übersetzt ihm Ibrahim das Gesagte in groben Zügen.

    Wichtig für Somalis ist stets, dass alle ihr Gesicht behalten können, und letztendlich eine gütige Einigung erzielt wird, die ggf. Kompensationszahlungen enthält, aber weitere Feindseligkeiten, oder gar Gewaltanwendung oder Kriegshandlungen vermeidet.

    Und so wird auch hier ein Urteil getroffen und vereinbart: Der Clan der internationalen Hilfsorganisation soll einen Kompensationsbetrag in sechsstelliger Höhe in Somali-Schilling zahlen, dafür aber sofort den Wagen zurückerhalten.

    Über Recht und Gerechtigkeit

    Einerseits kann es befremdlich erscheinen, dass der Geschädigte (Beraubte) auch noch zahlen soll, um das Raubgut zurückerhalten. Andererseits vermeidet eine derartige Lösung weitere Gewaltanwendung, da alle Seiten ihr Gesicht erhalten können. Und da zu der Zeit etwa 8.000 Somali-Schilling einem US-Dollar entsprach, ist auch ein sechsstelliger Schilling-Betrag letztlich ein übersichtlicher Dollarbetrag, und das Auto diesen allemal wert. Sicher enthält der Betrag auch noch „Gerichtskosten“, also eine „Aufwandsentschädigung“ für die beteiligten Clan-Ältesten.

    Also stimmt Sven dem Deal zu, was er später seinen Chefs in Mogadischu noch erklären muss. Nach seinen Erläuterungen akzeptieren jedoch auch diese den Deal.

    Ibrahim fährt mit dem Wagen anschließend zurück nach Mogadischu. Sven verteilt mit seinen Begleitern in den folgenden drei Tagen die Hilsgüter in einer größeren Anzahl von Dörfern und regionalen Städten , bevor auch er mit seinem Fahrer Gessi und allen anderen Begleitern wieder in Mogadischu eintrifft.

    Fazit:

    • Manchmal erscheint eine auch zunächst ungewöhnliche Einigung sinnvoller als Gewalt und Krieg, wenn alle Beteiligten ihr „Gesicht“ erhalten können.
    • Das funktioniert jedoch nur bei gutem Willen aller Beteiligten sowie allseits anerkannten Regelungen (wie die Clantraditionen u Somalia des Jahres 1991 oder z.B. das internationale Völkerrechts in der heutigen Welt. „Restore Hope“, also die militärische Intervention in Somalia ab Dezember 1992 trug zur Schwächung dieser zuvor funktionierenden Traditionen bei, ohne ein alternativ funktionierendes System anzubieten. Daran leidet Somalia in gewisser Weise auch gut zwei Dekaden noch immer. Und was mag die derzeitige Schwächung des UN-Systems und des internationalen Rechts aus scheinbar egozentrischen nationalen Macht- und Finanzinteressen an langfristigem Schaden anrichten?

  • An den Gestaden des Nils – Paul in Leer

    eingestellt am 27.9.24

    Aus der Aktualität bedingte Erinnerung (zurückversetzt ins Jahr 1991)

    Der Nil vom Buschflugzeug aus (Foto: StH 1991)

    Als Paul im April 2023 von der Evakuierung von Ausländern aus Khartum und dem Sudan in den Medien hörte, fühlte er sich gut 3 Jahrzehnte zurückversetzt:

    Ende 1991: Paul flog mit einer von einer internationalen Hilfsorganisation angemieteten DC3 von der logistischen Basis Lokichoggio in Nord-Kenya zurück nach Leer im Unity State des Süd-Sudan. Hier war er seit einigen Wochen als humanitärer Helfer eingesetzt und verteilte Hilfsgüter wie Wolldecken und Küchenutensilien. In den letzten Wochen hatte er den Bestand der in einem großen Zelt untergebrachten Hilfsgüter dokumentiert. Diese Inventur erleichterte es, zusammen mit der Logistik-Abteilung in Lokichoggio die dringendsten Lieferungen in Buschfliegern festzulegen.

    DC3 im Morgenlicht in Lokichoggio (Foto: StH – 1991)

    In dem Zelt unter der Plane war es drückend heiß, und so rannen viele Schweißbäche sein Gesicht, seinen Nacken und Rücken herab.

    Ethnien und Fraktionen (Hintergründe und Zusammenhänge des Bürgerkriegs)

    Leer war der Herkunftsort des Rebellenführers Riek Machar vom Stamm der Nuer. Riek Machar hatte sich zusammen mit dem Shilluk Lam Akol im August 1991 als „Nasir-Fraktion“ von der von John Garang geführten Sudanese People’s Liberation Movement (SPLM) abgespalten. John Garang stütze sich überwiegend auf den Volksstamm der Dinka.

    Dinka und Nuer sind Rinderzüchter und liegen miteinander traditionell in Konkurrenz, wobei sie sich in Fehden und Raubzügen gegenseitig Rinder und Frauen rauben. Rinder spielen eine wichtige Rolle, da junge Krieger ohne die als Brautpreis geforderte Rinderzahl nicht heiraten können.

    lokale Rinder grasen in überschwemmter Savanne (Foto: StH – 1991)

    Im November 1991 war Paul im Auftrag seiner Hilfsorganisation in Bor gewesen, um dort die humanitäre Lage nach dem Angriff der Nasir-Fraktion Mitte November zu erkunden. Dieser Angriff wurde als das „Bor-Massaker“ bekannt . Paul war mit einem Buschflieger etwa Ende November für ein paar Stunden nach Bor geflogen und hatte sich dort mit lokalen Autoritäten unterhalten, die ihm gesagt hatten, sie bräuchten ALLES, da der Feind ihnen ALLES geraubt habe.

    Am Landestreifen im Busch in Bor war Paul gewarnt worden, den Bereich der eigentlichen Landefläche auch nicht nur geringfügig zu verlassen, da an dessen Rändern Personenminen lägen, und so konnte er die Situation auch kaum eingehend begutachten, da er sich lediglich auf die Aussagen seiner Gesprächspartner stützen konnte.

    Hier in Bor wie auch in Leer waren die humanitären Helfer in ihren Bewegungen überaus eingeschränkt. Sie durften nur sehen, was die Sudanese Relief and Rehabilitation Agency (SRRA), also der „humanitäre“ Arm der südsudanesischen Befreiungsbewegung SPLM unter John Garang oder Riek Machar und Lam Akol für die Nasir-Fraktion, Ausländern erlaubte.

    Das Misstrauen gegen Fremde war überaus groß und so war Pauls Bewegungsfreiheit auch in Leer sehr eingeschränkt.

    Bewegungs-„Freiheit“

    Der Schlaf- und der Bürocontainer im Leer-Compound (Foto: StH – 1991

    Dieser Tokul dient als Wohnzimmer, Ess- und Besprechungszimmer (Foto: StH – 1991)

    Der Raum des freien Sich-Bewegens in Leer beschränkte sich auf seinen aus einigen Wohncontainern, die ihm „zu Hause“ bzw. Büro dienten und dem Lagerzelt bestehenden Compound. Außerdem durfte er sich zu einem vielleicht 400-500 m entfernten Gebäude der SRRA bewegen, in dem sein Funkgerät stand, über das er täglich zu festgelegten Zeiten Kontakt mit seiner logistischen Zentrale in Lokichoggio in Nord-Kenia hielt. Es war davon auszugehen, dass diese Gespräche abgehört wurden, aber sie waren wichtig, um die benötigten Hilfsgüter zu bestellen.

    Ein „Buschflieger“ wird betankt – Foto: StH (1991)

    Hilfsgüter wurden mit Buschflugzeugen von Lokichoggio in die Einsatzorte wie Leer, Pochalla, oder Nasir transportiert. Die kleinen Flugzeuge wie eine Cesna, eine Twin Otter oder etwas größere Flugzeuge mit mehr Ladekapazität wie eine DC3 und eine Buffalo landeten auf in die Buschlandschaft gerodeten und nur notdürftig für die Landung der Buschflieger planierten Landestreifen. Diesen Landestreifen in Leer konnte Paul außerdem zu den Zeiten der Hilfsgüterankünfte betreten, wobei er dabei stets in Begleitung war.

    Außer diesen Orten durfte er lediglich den am örtlichen Krankenhaus gelegenen Compound einer weiteren internationalen Hilfsorganisation relativ frei und ohne vorherige Einholung einer Genehmigung aufsuchen. Das tat er gerne nach dem Arbeitstag, um mit den dort lebenden und arbeitenden Europäern ein Schwätzchen bei einer kühlen Dose Bier zu halten oder ein wenig Federball zu spielen. Auch der Austausch von Nachrichten war wichtig und willkommen. Dies insbesondere, wenn eine/r der Helfenden aus Lokichoggio oder gar Nairobi zurückgekehrt war, Von seinen niederländischen Mithelfenden wusste Paul, dass es etwa 80 km jenseits der Überschwemmungsgebiete eine weitere Niederlassung jener Hilfsorganisation gab.

    Überschwemmungsgebiet vom Buschflieger aus (Foto: StH – 1991)

    Wie jedes Jahr war auch in der derzeitigen Regenzeit das Umland nur wenige km von Leer entfernt überschwemmt, so dass man sich nur zu Fuß durch teilweise achselhohes Wasser oder mit einem Boot oder Flugzeug von einem Ort zum anderen bewegen konnte. Flugzeug und Boot (Barkasse) waren nicht verfügbar, mit einem Auto, selbst einem Geländewagen, war ca. 20 km nördlich von Leer Endstation. Der Fußweg wäre sicher kein Vergnügen, das wusste Paul, aber es wäre von Leer aus der nächste Zufluchtsort gewesen.

    In Pauls Compound waren ein lokaler Koch, ein Mechaniker zur Wartung der Fahrzeuge und ein oder zwei weitere Lokalkräfte angestellt, sicher alle mit Berichtspflicht gegenüber der SPLA/SRRA. Mit dem „Verbindungsmann“ der SRRA traf Paul sich regelmäßig. All das diente sicherlich auch seiner Beobachtung, um nicht „Überwachung“ zu sagen.

    Alltag eines „Expatriates“

    Der Koch bereitete ihm auch sein stets köstliches und höchst abwechslungsreiches Menu, das einen Tag aus Reis mit Erbsen und Möhren aus der Dose bestand, am Folgetag dann zur Abwechslung aus Reis mit Möhren und Erbsen aus der Dose. Bisweilen war das Gemüse höchst schmackhaft mit Dosenpilsen angereichert. Ein Festmahl erwartete Paul, wenn gerade mit einem der Hilfsgütertransporte eine Kühlbox mit einer frischen Mango oder Ananas angekommen war, Kulinarische Abwechslung gab es lediglich, wenn er für ein Wochenende oder zu Besprechungen nach Lokichoggio flog.

    Dort lebten einige Dutzend humanitäre Helfer dauerhaft oder sie hielten sich wie Paul vorübergehend aus ihren Arbeitsorten in verschiedenen Regionen des Süd-Sudans kommend dort auf. Es gab im dortigen, recht kargen und von Maschenzaun umgebenen Gelände im Siedlungsland der Turkana ebenfalls nur recht eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten außerhalb des Lagers, aber wenigstens gut gebaute lokale Rundhütten, die als Tokul bezeichnet wurden. In den Tokuls konnten die Helfenden in richtigen Betten schlafen und mussten dies ein paar Nächte nicht auf Feldbetten tun.

    Ein beliebtes Ziel am Abend war ein Aussichtspunkt in den nahegelegenen Hügeln, von wo man den Sonnenuntergang beobachten konnte. Auch bot sich in Lokichoggio die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Abend mit anderen Delegierten bei Musik und einem kühlen Bier sowie tatsächlich guter und abwechslungsreicher Kost, die gewöhnlich auf einem Buffet aufgebaut war.

    In der Nähe von Lokichoggio (Foto: StH (1991)

    Der Süd-Sudan (politisch) damals und heute

    Der Süd-Sudan wurde erst 2011 unabhängig vom Nord-Sudan, und war in den 1990er Jahren noch Teil des von Karthum regierten Sudans.

    Bevor Paul diesmal nach Lokichoggio geflogen war, hatten in der Nähe von Leer Kämpfe mit angeblich etwa 3.000 angreifenden Dinkasoldaten der Garang-Fraktion unter dem Kommando von William Nyong begonnen. Diese seien mit Barkassen von Bor aus den Nil runter zur nahe Leer gelegenen Anlagestelle gekommen, und bewegten sich von dort aus auf Leer zu. Als Herkunftsort von Riek Machar war Leer von hoher symbolischer Bedeutung und vermutlich war dieser Gegenangriff auch eine Reaktion auf den wenige Wochen zuvor ausgeführten Angriff der Nuer auf Bor.

    Natürlich hatte Paul seinen Chefs in Lokichoggio hiervon berichtet, allerdings nicht per Funk, sondern in seinem mit den Fliegern transportierten Situationsberichten, die nicht so leicht vom lokalen Geheimdienst ausspioniert werden konnten. Überhaupt musste Paul bzgl. seiner Mitteilungen über Funk sehr vorsichtig sein, und Mitteilungen über die militärische Lage waren absolut tabu. War die Kurzwellen-Funkverbindung mal wieder schlecht bis sehr schlecht, mussten die Nachrichten nach und von Lokichoggio mühsam im Nato-Alphabet Buchstabe für Buchstabe übermittelt werden. Dann musste Paul sowie die Funkenden auf der anderen Seite die einzelnen Buchstaben mitschreiben. Nur für bestimmte häufige Wendungen gab es allgemein bekannte Abkürzungen. So stand „asap“ für „as soon as possible“, also baldmöglichst.

    Nun war Paul für einige Tage in der Basis in Lokichoggio gewesen, um über die Situation in Leer zu berichten, und gemeinsam mit der Logistikabteilung festzulegen, welche Hilfsgüter prioritär in Leer benötigt wurden und dorthin transportiert werden sollten. Das dortige etwas komfortablere Leben mit guten Betten und Essen und den anderen internationalen Helfenden, von denen einige durchaus Freunde geworden waren, hatte er genossen.

    Eine gute Frage: „Warum macht Ihr das?“

    Einmal, vor einigen Wochen, war ein Journalist im Lager in Lokichoggio gewesen, der angesichts der auch dort nicht gerade luxuriösen Bedingungen die Helfenden fragte, warum sie diese Arbeit überhaupt gewählt hatten. Das war keine schlechte Frage! Die sicher höchst individuellen Antworten reichten von „andere Kulturen und Weltgegenden kennenlernen“ bis zu „ich muss Geld verdienen, um überhaupt eine Chance zu haben, die Schulden meines pleitegegangenen Betriebes oder nach der Scheidung jemals begleichen zu können“. So war ein Schweizer Handwerker mit seinem Betrieb auf einer Baustelle ordentlich mit Arbeit und Material in Vorleistung getreten. Dann ging sein Schuldner in Konkurs und so war auch sein eigener Konkurs unausweichlich.

    Natürlich gab es auch reinen Altruismus, und bei dem Ein oder der Anderen Wurzellosigkeit, da sie bereits zu lange in der humanitären Welt herumreisten, ohne noch einen Anker in irgendeinem Hafen zu haben. Überhaupt hörte man nach seiner Rückkehr von Freunden und Familien häufig „Toll, das könnte ich nicht, aber muss doch sehr interessant sein.“ Doch wirklich verstehend sich unterhalten konnte man sich eigentlich nur mit anderen humanitär Helfenden. Paul sagte für sich selbst, es sei eine Mischung aus Abenteuerlust, Berufung und Idealismus. Er war sich jedoch sicher, dass weder reiner Idealismus noch reiner Altruismus längerfristig gesund waren. Letztlich brauchten Helfende seiner Meinung nach eine gesunde Mischung aus Idealismus und Professionalität. Ohne Idealismus setzte man sich derartigen Situationen wohl kaum längerfristig aus. Ohne Professionalität verfiel man angesichts des erlebten Leidens in Frust oder Sarkasmus und Zynismus. Beispiele all dieser Gattungen hatte Paul bereits getroffen, und dann noch jene ewig Rastlosen und Ruhelosen, die vor irgendetwas zu fliehen schienen und wirklich nirgendwo mehr zu Hause sein konnten. Im Feld schwärmten sie von ihrem Herkunftsort, und dort vom Feld.

    Zurück ins „Feld“

    In Lokichoggio war Paul bei diesem Aufenthalt gefragt worden, ob er denn meine, angesichts der Lage nach Leer zurückkehren zu können. Ihm schienen die Kämpfe gemäß der zu hörenden Schüsse und zu erhaltenden Informationen jedoch noch ziemlich weit entfernt, so dass keine unmittelbare Gefahr für die eigentlich ohnehin durch das humanitäre Völkerrecht geschützten Helfenden zu bestehen schien.

    Und so stand Paul am Montagmorgen sehr früh auf und war bereits gegen 6.00 Uhr fertig für den Rückflug nach Leer. Der Pilot war heute Gerhard, ein Österreicher und ein Mitglied des Pilotenteams, das ebenso wie Paul von der Hilfsorganisation angestellt war. Gerhard sagte ihm noch, er solle Bescheid sagen, sollte es zu gefährlich werden, dann käme er ihn evakuieren. Und nun erwartete Paul in Leer noch wichtige humanitäre Arbeit.

    Insbesondere mussten aus dem großen Übergangslager in Pochalla im Osten des Süd-Sudans rückkehrende, süd-sudanesischen Familien nach ihrer Ankunft in Leer mit einer Grundausstattung für den Neubeginn versorgt werden.

    Internally Displaced Persons und regionale Verflechtungen

    Nach dem Sturz des äthiopischen Diktators Mengistu Haile Mariam im Jahre 1991 waren mehrere zehntausend Menschen, die sich zuvor vor dem Bürgerkrieg im Sudan fliehend in äthiopischen Flüchtlingslagern aufgehalten hatten, nach Pochalla ganz im Osten des Süd-Sudans geflohen.

    Durch diesen massiven Zuzug in kurzer Zeit war die Bevölkerung dieses kleinen Ortes innerhalb von Wochen von einigen Tausend Bewohnenden auf fast 50.000 Menschen angewachsen. Selbstverständlich waren die natürlichen Ressourcen dieser Kleinstadt hoffnungslos überlastet. Selbst essbare Rinde, Wurzeln und Blätter waren bereits erschöpft.

    Und so wurden Hilfsmittel wie die gemäß der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation zusammengestellten Grundration an Nahrungsmitteln per Flugzeugen aus Lokichoggio herantransportiert. Einige Güter wie die Kanister mit Speiseöl wurden mit landenden Maschinen gebracht, von denen eines eine generalüberholte DC3 war. Dieser Flugzeugtyp hatte bereits während der Berliner Luftbrücke Berühmtheit als „Rosinenbomber“ erworben. Auch in Vietnam war die DC3 massenweise eingesetzt und Dan, ein anderer der für die internationale Hilfsorganisation fliegenden Piloten aus den USA, hatte diesen Typ in Vietnam geflogen und kannte diese Maschine und ihre Flugeigenschaften sehr genau.

    Einige Güter, insbesondere Mais und Bohnen wurden von den Transportmaschinen aus der Luft über einem markierten und für die Bevölkerung abgesperrten Gelände aus der Heckklappe abgeworfen. Dabei waren die Güter auf Holzpaletten derartig verpackt, dass die Bänder um die Nahrungsmittelsäcke, die diese an die Palette banden, von der nachfolgend aus dem Heck fallenden Palette aufgezogen wurden. Dadurch prallten die Säcke nicht noch auf der Palette montiert auf den Boden, was die Säcke hätte aufplatzen und die Nahrungsmittel verstreut hätte. Stattdessen fielen die Säcke einzeln auf die Abwurffläche, so dass nur wenige Säcke aufplatzten.

    Aus dem Buschflieger werden in Pochala auf Paletten gepackte Säcke mit Mais oder Bohnen als Nahrungshilfe abgeworfen (Foto: StH – 1991)

    Die Säcke lösen sich von den Paletten und „rieseln“ zu Boden, wo eine Fläche abgesperrt ist (Foto: StH – 1991)

    Die Säcke selbst waren von der lokalen Bevölkerung als praktische und relativ reißfeste Verpackung sehr begehrt und waren derart auch auf dem lokalen Markt zu finden. Die Menschen durften einige Zeit nach dem Abwurf das zuvor abgesperrte Terrain betreten, und sammelten die Nahrung der doch aufgeplatzten Säcke gewissenhaft auf, auch um daraus lokales Bier zu brauen. Ansonsten wurden festgesetzte Lebensmittelrationen an die Familien der nach Pochalla Vertriebenen sowie der bereits traditionell dort lebenden Familien verteilt.

    Ohne diese internationale Hilfe per Luftbrücke wäre das Überleben der einheimischen und zugezogenen Bevölkerung überhaupt nicht möglich gewesen. Und auch jetzt noch hielten die Krankenschwestern im Lager allzu oft und trotz aller Bemühungen Kinderleichname in den Armen, was eine sehr schwere psychische Belastung darstellte, die erneut nur durch eine gesunde Mischung aus Idealismus und Professionalität zu ertragen war. Natürlich gab es auch die wunderbaren Momente, wenn ein zuvor fast verhungertes Baby wieder zu Kräften gekommen war und die Schwestern babbelnd anlächelte und nach ihrem Finger griff.

    Nach einigen Monaten dieser Luftbrücke war von lokalen Behörden und Hilfsorganisationen entschieden worden, das wild gewachsene Flüchtlingslager langsam aufzulösen, und die Familien in ihre Herkunftsgebiete zurückzuführen.

    Und so machten sich auch einige hundert Familien auf den Weg in die Unity-Region um Leer. Sie liefen wochenlang zu Fuß, wobei die internationale Hilfsorganisation unterwegs versuchte, in wenigen Durchgangsstationen zumindest ein wenig Unterstützung durch frisches Wasser, Nahrungsmittel und eine medizinische Grundversorgung bereitzustellen.

    Einige LKWs bringen Nahrungsmittel Wasser und Basismedikamente zu einen provisorisch eingerichteten Durchgangslager (Foto: StH – 1991)

    Vom Überleben der Starken und dem Tod der Schwachen

    Diese Familien hatte Paul vor Kurzem in Leer empfangen, registriert und ihnen Lebensmittelkarten ausgegeben, sowie ihnen Hilfsgüter wie Decken und Kochutensilien verteilt. Er hatte sich gewundert, dass fast alle Ankommenden zwischen 15 und 50 Jahren alt waren, bis ihm erklärt wurde, dass die Älteren und viele Kinder die strapaziöse und entbehrungsreiche Wanderung schlicht nicht überlebt hatten. Natürlich hatte es unterwegs auch Überfälle und Vergewaltigungen gegeben, leider allzu „normal“ in Kriegszeiten.

    Und nun war Paul also wieder in Leer und konnte seine humanitäre Arbeit fortsetzen, die dringend erforderlichen Hilfsgüter hatte er in Lokichoggio bestellt und sie würden in den nächsten Tagen eigeflogen werden.

    Nachts hatte Paul wieder Schüsse gehört, die nun näher zu sein schienen als vor seiner Abreise. Der Kommandant von Leer verfügte nach den Informationen, die Paul von den Niederländern erhalten konnte, über Krieger und Gewehre, aber nicht über ausreichend Munition. Die Munition wurde dringend per Airdrop, also den Abwurf aus Flugzeugen, aus Karthum erwartet. Die Allianzen im Sudan waren überaus wechselhaft und nicht leicht zu verstehen, bedenkt man, dass John Garang und die Nasir-Fraktion unter Riek Machar und Lam Akol noch vor Kurzem gemeinsam gegen die Zentralregierung in Khartum gekämpft hatten, aber so war nun mal die Paul geschilderte Information.

    Nachdem Paul nach einer warmen Nacht im Schlafcontainer einen Arbeitstag mit den üblichen Verwaltungsaufgaben verbracht hatte, stellte Paul morgens fest, dass zwei seiner drei Kraftfahrzeuge sowie einige Stühle aus seinem Besprechungstokul verschwunden waren. Lediglich einen Pickup fand er morgens ohne Räder auf Steinen aufgebockt noch vor.

    Die (militärische) Lage und ihre Erfordernisse

    Paul begab sich zum Compound des lokalen Kommandanten, nachdem er die vermissten Pickups seiner Hilfsorganisation mit Soldaten der Verteidigungstruppen hatte in Richtung Front fahren sehen. Paul verwies auf das humanitäre Völkerrecht, doch der Kommandant hatte lediglich darauf verwiesen, dass die Umstände ihn zu diesem Verhalten zwängen. Paul, der in einem der ebenfalls verschwundenen Stühle seiner Hilfsorganisation dem in einem weiteren dieser Stühle sitzenden Kommandanten gegenübersaß, sagte, er betrachte dann die Autos als gestohlen. Der Kommandant antwortete: „Gestohlen“ sei ein derart hässliches Wort, er bevorzuge, es „konfisziert“ zu nennen! Im Ergebnis war das natürlich genau dasselbe, doch war Paul klar, dass eine weitere Diskussion nicht zielführend sein könne. In der Ferne hörte er die Explosionen von Mörsergranaten.

    Am frühen Nachmittag kam ein lokaler Mitarbeiter zu ihm, und forderte ihn auf, eine Tasche mit seinen wichtigsten Dingen zu packen, da es sein könne, dass sie vor den Kämpfen aus Leer fliehen müssten. Es gehörte zum Evakuierungsplan, eine Tasche mit Ausweis und Papieren, Waschzeug und ein wenig Kleidung stets gepackt und schnell griffbereit zu haben. Und so packte Paul lediglich noch ein paar persönliche Dinge wie sein Buch, seinen Kurzwellenpfänger, sein Walkie-Talkie, einige Flaschen Trinkwasser sowie einige wichtige Arbeitsunterlagen dazu. Im Landcruiser, der zwar konfisziert worden war, ihm heute aber für eine eventuelle Flucht wieder zur Verfügung stand, war ein Funkgerät installiert, so dass Paul mit der Logistikzentrale in Lokichoggio kommunizieren konnte, solange dieses Fahrzeug sich in seiner Nähe befand.

    Seine Kleidung packte er ebenfalls zusammen. Viel benötigte er in Leer ohnehin nicht.

    Ja, auch Paul hatte wahrgenommen, dass die Mörser- und Gewehrgeräusche offensichtlich in den letzten Tagen nähergekommen waren, und die lokale Bevölkerung nervös geworden war. Am Spätnachmittag sah Paul viele Männer mit Ballen von Wolldecken auf dem Kopf über den Weg zwischen seinem Compound und dem etwa 200 m entfernten Lagerhauszelt laufen. Als er sich zu diesen Zelt begab, fand er es ohne Planen, und bis auf wenige zwischen den Holzpalletten verstreute Papierpäckchen mit Gemüsesamen vollkommen ausgeplündert vor.

    Die im Lagerzelt aufbewahrten Decken, Küchenutensilien und sonstige Hilfsgüter waren inklusive der Zeltplane und Paletten bis auf ein paar Tütchen mit Gemüsesamen einer „spontanen Verteilung“ anheim gefallen (Foto: StH – 1991)

    Es versetzte ihm einen Stich, doch wie sagt ein Sprichwort: „Gelegenheit schafft Diebe“, und die sich auflösende Ordnung und einsetzende Flucht war sicher eine derartige Gelegenheit. Zwar mag es einer eitlen europäischen Haltung entspringen, solches Verhalten den „Wilden in Afrika“ vorzuwerfen, doch bei Licht betrachtet, würde Ähnliches sehr sicher auch in Deutschland oder der „entwickelten Welt“ passieren – Vorkommnisse während und nach den Weltkriegen in Europa oder beim Blackout in New York im Jahr 1977 waren nur einige Beispiele hierfür.

    Und so wartete er auf das, was kommen würde.

    Gegen 17.00 Uhr kam dann der lokale Mitarbeiter und sagte, es sei Zeit zu fliehen, da der Feind sehr nahe sei. Also wurden alle Sachen und ein paar Lebensmittel in den Landcruiser gepackt und Paul, sein Koch und 2 weitere lokale Mitarbeiter fuhren von Leer weg etwa 20 km in den Norden, wo die befahrbare Straße am Rand des Überschwemmungsgebietes in dieser Jahreszeit endete. Dort wurde ein Lager aufgeschlagen und ein Abendessen bereitet, wie üblich aus schmackhaftem Reis mit Möhren und Erbsen aus der Dose.

    Gelegenheit macht Diebe in zugespitzten Situationen

    Etwas später kommt der Koch zu Paul und sagt, er müsse zurück zum Compound, da er vergessen habe, eine Tür zu schließen. Ob das nicht zu gefährlich sei, fragt ihn Paul. Ach, er passe schon auf. Also wünscht Paul ihm viel Glück und der Koch bricht auf.

    Währenddessen bereiten die anderen sich für die Nachtruhe vor, so auch Paul. Gemütlich geht anders als sitzend im Landcruiser zu schlafen, aber etwas schläft er dann doch. Die Schüsse sind von hier aus wieder weiter weg. Allerdings muss Paul darüber nachdenken, was ihn in den nächsten Tagen erwarten könnte.

    Sollten die Kampfhandlungen bis zu diesem Ort vorrücken, müssten sie wohl Auto und Funkgerät, also die Verbindung nach Lokichoggio zurücklassen, und müsste versuchen, die überschwemmten Gebiete zu durchqueren, um die Niederlassung der anderen internationalen Hilfsorganisation zu erreichen. Dann konnte er nur hoffen, dass er dort noch jemanden anträfe und von dort aus evakuiert werden könne. Allerdings ist diese Gefahr noch nicht eingetreten, und wird es hoffentlich auch nie?

    Warten und Hoffen

    Der Koch ist zurück und meint, es sei alles gutgegangen. Nach einem ziemlich kargen Frühstück fahren Paul und der SRRA-Verbindungsmann zum Compound des lokalen Kommandanten, der diesen auch weiter nach Norden und raus aus Leer verlegt hat. Paul fragt ihn, ob er sich nicht evakuieren lassen könne, da er derzeit und ohne Hilfsgüter, die sich ja gestern alle „spontan verteilt“ hatten, ohnehin seine Arbeit nicht ausführen könne, und sich überflüssig vorkomme. Der Kommandant antwortete jedoch, er könne Paul derzeit noch nicht gehen lassen. Paul ist irgendwie klar, dass seine Anwesenheit angesichts des Munitionsmangels der verteidigenden Nuer auch für die Aufrechterhaltung der Kampfmoral wichtig ist. Würde er gehen, wäre es für die verteidigenden Kämpfer ein weiteres Zeichen der Hoffnungslosigkeit. Und so blieb Paul nichts Anderes über, als zu warten. Er verbrachte den Tag mit „Focus on Africa“ in der BBC, etwas Lesen und ein paar Tassen Tee und regelmäßigen Gesprächen alle paar Stunden mit dem Kommandanten, während sie beide in den „konfiszierten“ Stühlen saßen. Natürlich äußerte sich der Kommandant nicht wirklich zur militärischen Lage und immer wieder musste Paul dessen Lager verlassen, wenn er militärische Besprechungen hatte.

    Und so ging der Tag im Müßiggang dahin, aber die Kampfhandlungen schienen den Geräuschen nach zu urteilen, zumindest nicht näher zu kommen.

    Schließlich ging dieser Tag in die zweite Nacht sitzend im Landcruiser schlafend über, doch hatten sie genug Wasser und Nahrung und konnten zumindest derzeit auch in der Nähe von Landcruiser mit Funkgerät bleiben, was im Vergleich zum 80 km weiten Fußweg sicher die bessere Alternative war.

    Irgendwann hörte Paul einen heftigen Streit und sah den lokalen Verantwortlichen für das Kinderimpfprogramm den Koch heftig beschimpfen. Natürlich verstand Paul zunächst nicht, worum es ging, doch dann wurde ihm gesagt, der Koch habe bei seiner Rückkehr nach Leer gestern wohl den Impfkühlschrank gestohlen und in sein Privathaus geschafft. Der Impfverantwortliche sei so aufgebracht, weil er alle Impfstoffe achtlos auf dem Boden des Medikamentenlagers im Krankenhaus vorgefunden habe. Als er nun dem Koch vorwarf, dieser töte aus purem Egoismus Kinder, antwortete dieser wohl nur, seine eigenen Kinder seien bereits geimpft. Natürlich war auch Paul höchst enttäuscht vom Verhalten seines Kochs, dem er doch auch vertraut und gestern noch eine sichere Rückkehr gewünscht hatte. Andererseits war wohl auch dieses Vorkommnis nur ein weiterer Beweis für „Gelegenheit macht Diebe“ und eine zumindest zeitweise Gelegenheit hatte sich durch den Zusammenbruch der Ordnung ja zweifelsohne geboten. Einen Kühlschrank hatten in Leer sicher die Wenigsten, und so erscheint diese überaus egozentrische Handlungsweise des Kochs doch menschlich irgendwie verständlich. Dies selbst, wenn man sie als moralisch verwerflich ansieht.

    Evakuierung – natürlich nur für „Privilegierte“

    Dann wurde Paul erneut zum Kommandanten gerufen, und der erschien ihm recht gutgelaunt. Irgendetwas Positives schien geschehen zu sein, vielleicht war der Abwurf der sehnsüchtig erwarteten Munition geschehen? Jedenfalls eröffnete der Kommandant Paul, er könne seine Leute in Lokichoggio informieren ihn abzuholen. Sie sollten auf dem Landestreifen in Leer landen, aber von Norden reinfliegen.

    Das war für Paul nach fast 48 Stunden angespannter Unsicherheit eine frohe Botschaft. Der Kommandant sagte ihm noch, er habe sich für einen Nicht-Militär sehr gut, überlegt und ruhig verhalten, was wohl als Kompliment zu verstehen war.

    Nun stellte sich die Aufgabe, das Logistikzentrum in Lokichoggio über die Lage per Sprechfunk zu informieren, ohne dass er irgendwelche Informationen über die militärische Lage ausplauderte. Andererseits war es wichtig, dass der kleine Flieger sicher landen, ihn aufnehmen und wieder starten konnte. Ein Abschuss vor, während oder nach der Landung hätte Paul auch nichts genutzt, sondern nur weitere Menschenleben gefährdet.

    Paul kontaktierte also mithilfe des Funkgeräts im Landcruiser die Basis in Lokichoggio. Er bat den zunächst antwortenden Funker, Ole, den Leiter der Logistikabteilung, ans Gerät zu holen. Kurz darauf konnte er mit Ole sprechen. Um jedwede militärische Details zu vermeiden, konnte Paul nur hoffen, dass Ole ihm gut zuhörte, und das Gesagte entsprechend angemessen zu interpretieren vermochte. Doch das traute er Ole durchaus zu. Also begann er damit, dass er sagte, er wolle nun evakuiert werden, da sich nun diese Möglichkeit biete. Ole fragte zum Glück nicht nach den Gründen, dafür war er in derartigen humanitären Notlagen zu erfahren. Er antwortete nur, dass sie ein Flugzeug bereitmachen würden und ihn holen kämen. Paul wählte auch die weiteren Worte sehr bedächtig und hatte sie in der letzten Stunde still für sich erwogen: Das Flugzeug solle von Norden reinkommend landen, aber auf jeden Fall mit ihm Funkverbindung vor der Landung aufnehmen und nicht ohne Pauls „Ok“ landen. Ole sagte dies zu und so konnte Paul nur weiter warten und hoffen, dass seine Aussagen von Ole richtig verstanden worden waren. Zumindest war die Funkverbindung heute qualitativ gut gewesen.

    Paul begab sich mit dem Landcruiser und einer Delegation des lokalen Kommandeurs zum Landestreifen – mit dem Kommandeur waren dem Landcruiser zumindest seitens der Verteidigungskräfte die Wege offen. Gemäß des Sicherheitsprotokolls fuhren sie allerdings in unterschiedlichen Fahrzeugen, damit Paul nicht versehentlich Opfer eines Angriffs auf den Kommandeur werden konnte, wie dies gut ein Jahr zuvor anderen Mitarbeitenden der Hilfsorganisation in Somaliland passiert war.

    Derart kamen sie gut und sicher am Landestrip an und parkten die Autos am Ende der Landefläche.

    Vielleicht eine dreiviertel Stunde später hörten sie ein Brummen in der Ferne und Paul rief den Flieger über Funk. Zum Glück kam die Verbindung in guter Qualität zustande und Paul konnte nochmals dem Piloten mitteilen, er solle von Norden reinkommend zum Landen ansetzen, aber es scheine sicher. Der Pilot sagte: „Roger“ und Paul antwortete „Roger and out.“

    Dann wurde das Brummen langsam lauter und schließlich sahen sie ein silbernes Flugzeug im Sonnenlicht reflektierend in engen Spiralen aus großer Höhe im Sinkflug, bevor es einmal in mittlerer Höhe über den Airstrip flog und dann in einer engen Kurve zur Landung ansetzte.

    Kurz darauf stand das Flugzeug und der Kommandant und Paul gingen auf es zu. Der Pilot ließ den Propeller laufen und Angelika, eine der Krankenschwestern stieg aus. Der Kommandeur sagte, sie sollten sich beeilen, also griff Paul seine wenigen Sachen und stieg mit Angelika wieder ein.

    Über Vietnam und Angola

    Der Pilot war Dan, der US-amerikanische Vietnamveteran, der ihn durch die Cockpit-Öffnung herzlich grüßte und ihm erklärte, Paul solle sich nicht wundern. Am Ende der Landebahn stehe ein Flugabwehrgeschütz. Deshalb werde er sehr knapp über dem Boden starten und dann die Maschine schnell auf Höhe bringen. Derart könne das Flugabwehrgeschütz uns schlecht abschießen.

    Also lehnte Paul sich grundsätzlich bereits erleichtert, wenn auch noch ein wenig angespannt zurück, und schaute aus dem kleinen Bullauge neben sich.

    Tatsächlich schien es anfangs, als würden sie noch über den Boden rollen, als sie von diesem bereits abgehoben hatten, bevor das Flugzeug in einer scharfen und aufwärtsgerichteten Kurve schnell ab Höhe gewann.

    Nun fragte Angelika, wie es ihm gehe und ob sie etwas für ihn tun könne, Er sagte: „Ja, den Nacken massieren!“ Dieser war nach den den fast 48 Stunden der Unsicherheit und des Versuchs, der Situation angemessen und ruhig zu begegnen, hart wie Stein, und Angelikas Finger waren eine echte Wohltat.

    über dem Süd-Sudan (Foto: StH: 1991)

    Unter sich sahen sie nun die sudanesische Landschaft mit dem Streifen des Nils, den überschwemmten Flächen, einzelnen Baumgruppen und der rötlichen Erde zwischen dem gelben Gras. Vereinzelt konnten sie auch Striche erkennen, die von den „Straßen“ gezeichnet waren, die hier nicht geteert, sondern aus Sandpisten bestanden. In der Mitte hatten diese Wege einen erhöhten Streifen und zu beiden Seiten dieses tiefe Furchen von den Rädern hatten. Paul liebte die Herausforderung des vorausschauenden Fahrens auf diesen Pisten, wenn man sehen musste, die eigenen Räder auf Mittelstreifen und einem Randstreifen zu haben, und hin und wieder auf die andere Spur zu wechseln, um nicht mit dem Chassis aufzusitzen,

    Nach einem ruhigen Flug von etwa 45 Minuten landeten sie wohlbehalten in Lokichoggio. Paul wurde vom Ole und dem Delegationsleiter empfangen, denen er über die letzten etwa 72 Stunden in Ler berichtete. Dann bezog einen der Tokuls, konnte duschen und begab sich zum Abendessen. Das Abendessen vom reichhaltig gedeckten Buffet und das anschließende kühle Bier mit Kollegen schmeckte hervorragend und langsam konnte er sich auch entspannen.

    Etwa zwei Wochen später flog Angelika, die Krankenschwester, für eine Erkundung nach Leer. Dort fand sie viele Leichen mit Kopfschüssen an den Wegen und im Gelände vor. Dies waren wohl die etwa 3.000 Kämpfer, die Leer angegriffen hatten. Nach den erhaltenen Informationen hatten die verteidigenden Kräfte nur und genau einen Kriegsgefangene n gemacht, alle anderen Angreifer waren wohl „gefallen“, ggf. mit Kopfschuss nachgeholfen. Hass und Brutalität in derartigen Kämpfen, nicht nur in Afrika, sondern sicher auch im Bosnien- oder im Ukrainekrieg und vermutlich auch in Gaza und im Westjordanland sprengen sämtliche Vorstellungen von „Menschlichkeit“, „Menschenwürde“, „Haager Landkriegsordnung und Völkerrecht“ – sie kennen meist keine „Barmherzigkeit“ oder „Gnade“!

    Etwa 2 Monate später sah Paul Kim, die australische Freundin des amerikanischen Piloten Dan, der ihn so professionell mit der DC3 evakuiert hatte, hemmungslos weinen. Und dann erfuhr er, dass Dan in etwa 10.000 Fuß mit der DC3 Hilfsgüter transportierend über Angola abgeschossen worden war – auch er hatte keine Chance gehabt.

  • Gessi gibt Gas

    eingestellt am 8.9.24

    somalische Landschaft – Foto: StH,1993

    Ein Ausflug in eine andere Welt (Sommer 1991):

    Gessi gibt Gas. Das ist bei den vielen Schlaglöchern auf dem Rückweg nach Mogadischu gar nicht so einfach. Das Land ist staubtrocken. Der Boden von Rissen übersät, da es bereits länger keinerlei Niederschläge mehr gegeben hatte. An den Ufern des Shebelle-Wadis sieht es an einigen Stellen etwas „grüner“ aus, da sich evtl. im Flussbett in einiger Tiefe unter der ebenfalls ausgetrockneten Oberfläche noch etwas Feucht befindet. Und so gibt es im Flussbett einige gegrabene Löcher, wo noch Wasser für Mensch und Tier gewonnen wird. Fließendes Wasser gibt es selten und höchstens nach der Regenzeit im das Flusswasser speisenden Gebiet jenseits der knapp nördlich von Belet Weyne gelegenen äthiopischen Grenze.

    Die links und rechts die Straße einrahmende Landschaft ist bedeckt von verstreut stehenden und dornigen Schirmakazien, die den Menschen spärlichen Schatten, und Tieren wie Kamelen und Ziegen ein recht bescheidenes, aber ihnen dienendes Mahl bieten.

    Die Straße

    Die alte Straße ist noch so etwas wie „geteert“ und stammt aus Zeiten, als Somalia eine italienische Kolonie war. Nur ist vom Teer an den meisten Stellen nicht mehr allzu viel übrig, sondern sie besteht wie ein Schweizer Käse mehr aus Löchern.

    Gessi sitzt am Steuer. Die somalische Musik, die durchaus rhythmisch und auch melodisch aus dem Tape-Recorder schallt, ist für westliche Ohren zunächst befremdend. Aber die Musik passt zu dieser Landschaft, in der man bisweilen in der Ferne eine Reihe von Kamelen oder eine Herde von Schafen und Ziegen sieht. Und bisweilen erscheint der Rhythmus fast synchronisiert mit dem Rappeln der Stoßdämpfer und Radaufhängungen. Gessi blickt konzentriert auf die voraus liegende Straße, und versucht den vielen Schlaglöchern auszuweichen und somit die Stoßdämpfer des Fahrzeuges und die Rücken der Insassen zu schonen.

    Bisweilen verlässt Gessi auch die „Straße“ und fährt ein Stück rechts oder links auf einer daneben liegenden Sandspur. Das sind kurze Momente des leichten Entspannens für Fahrer und Fahrzeug. Doch achtet Gessi immer darauf, dass er an solchen Spuren frische Reifenspuren sieht. Andernfalls meidet er sie, da er keineswegs der erste sein möchte, der eine Mine aufspürt. Aber eigentlich ist das Gebiet der Hiran Region nahe der äthiopischen Grenze, wo der mächtige Habar Gedir-Subclan des Hawiye-Clans, zu dem auch die jetzt konkurrierenden Abgaal gehören, einigen Einfluss hat, einigermaßen sicher.

    Das Ausweichen von Schlaglöchern gelingt trotz aller Konzentration, die Gessi als vorausschauender und geübter Fahrer an den Tag legt, nicht immer. Dann rumpelt es im Fahrwerk und die Rückenmuskulatur der Insassen versucht, die Schläge auf die Wirbelsäule auszugleichen. Die Wirbelsäule schmerzt dennoch am Abend einer Überlandfahrt, Kehle und Haut sind von Staub und Sonne ausgetrocknet. Deshalb ist das Trinken von genügend Wasser auch essenziell.

    Von Zeit zu Zeit passiert Gessi einen Checkpoint, aber die Besatzungen dieser Posten kennen Gessi, sein Fahrzeug und sein Mandat, und meist lassen sie ihn ohne Weiteres passieren. Man grüßt sich kurz und Gessi kann mit etwas verlangsamter Fahrt passieren. Manchmal muss er auch kurz anhalten, dann tauscht er ein paar freundliche Worte aus, und reicht aus einem Spalt des Fahrerfensters einen 500 Somali-Shilling-Schein. 1991 entsprechen etwa 8.000 Somali Schilling einem US-Dollar – und Geld wird somit eher in Plastiktüten transportiert als in Geldbörsen.

    Die somalischen Männer haben meist ein paar Scheine am oberen Rand ihrer um die Hüften getragenen Wickelrocks eingerollt. In diese bunten, luftigen und traditionellen Tücher steigt man hinein, zieht sie bis zur Hüfte hoch und es gibt eine bestimmte Technik, sie durch Überlappen und Einrollen des oberen Saum um einige Umdrehungen auf der Hüfte zu befestigen. Und derart können auch einige Geldscheine platziert werden, da die Tücher über keine Taschen verfügen. Diese Hüfttücher sind eigentlich sehr bequem, wenn man mit ihnen umzugehen weiß, und vor allem schön luftig und insofern angenehm bei den schweißtreibenden Temperaturen.

    Gessi hat auf seinen Fahrten stets einige Scheine im Aschenbecher, so dass er diese schnell greifen und den Wächtern hinausreichen kann.

    Ein anderen unerlässliches „Kleidungsstück“ ist die Kalaschnikow, die auch links neben Gessi griffbereit an der Fahrertür lehnt.

    Siedlungen

    Manchmal, meist in der Nähe einer der kleinen Siedlungen, passiert Gessi eine Stelle, an der ein Gefahrenschild die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Autos zu reduzieren sucht. Einige junge Somalis mit Eimer und Schüppe geben dort vor, einige Schlaglöcher mit Erde aufzufüllen. An einigen Stellen sind tatsächlich die Schlaglöcher einer kürzeren Strecke mit Erde aufgefüllt, was das Fahren auf diesem Abschnitt des Schweizer Käses vorübergehend etwas komfortabler macht. Natürlich ist dies kein nachhaltiges Roadmanagement, und spätestens bei einem der seltenen Regenfälle in dieser Region ist der alte Zustand wieder hergestellt. Die jungen Somalis, die sich dabei eher nicht überarbeiten, verdienen sich auf diese Weise ein kleines Zubrot von den vorbeifahrenden Fahrzeugen und auch Gessi gibt ihnen kleine Scheine.

    Immer wieder sehen Gessi und seine Fahrgäste auch mit strohbedeckten Lehmhütten bestückte kleine Dörfer vorbeiziehen. Zwischen Belet Weyne, und der vor dem Bürgerkrieg wohl sehr schönen Hauptstadt Somalias, Mogadishu, die von weißen Bauten im italienischen Kolonialstil geprägt war, liegen 4 Kleinstädte: Bulooburti, Jialalaqsi, Jowhar und Balaad.

    In regionalen Zentren

    Diese sind regionale Zentren mit einer gewissen Infrastruktur. Auf den lokalen Märkten können Reisende ein paar Lebensmittel, Strohmatten, bisweilen Kleidung wie Slipper oder die typischen um die Hüften gewickelten Tücher und sehr gesüßten Tee in kleinen Gläsern oder andere Getränke kaufen.

    Foto: Stefan Hagelüken – somalisches Regionalzentrum – 1993

    In den Restaurants können sie sich mit z.B. Nudeln oder Reis mit einer Soße mit Okra, Tomaten und anderem Gemüse und Kamelhaxe, Ziegenfleisch, oder auch bisweilen einem Omelett stärken. Die wenigen Frauen, die im solchen Restaurants sitzen, sind entweder erfolgreiche Geschäftsfrauen, von denen es durchaus einige in Somalia gibt, oder Mitarbeiterinnen ausländischer Organisationen.

    Gegessen wird von großen Tellern mit der Hand. Zum Essen wird nur die rechte Hand genutzt, und diese ist vor dem Essen zu waschen. Es ist gar nicht so einfach, die Nudeln inklusive der Soße mit den Fingern einzurollen und ohne große Selbstbekleckerung in den Mund zu befördern. Ausländische Restaurantgäste können auch blecherne Gabeln und Löffel bekommen. Der Verzehr einer nicht wirklich kleinen Kamelkeule ist für den durchschnittlichen Europäer ebenfalls ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber sie kann durchaus munden, wenn man Fleisch mag. Der lokale Tee ist extrem gesüßt, spendet aber Energie durch Flüssigkeit und die im Zucker enthaltenen Kohlenhydrate in konzentrierter Form. Oder man trinkt aus einem Blechbecher Kamelmilch, die etwas rauchig schmeckt, aber auch einen gewissen Reiz und guten Nährwert hat, wenn man sich darauf eingelassen hat. Auch ist sie für westliche Mägen verträglicher als die lokale Milch der wenigen mageren Rinder, nach deren Genuss eine Begegnung mit Montezuma entstehen kann.

    Die Dunkelheit tritt nahe des Äquators zwischen 17.30 und 18.30 Uhr ein. Aufgrund der im Bürgerkrieg prekären Sicherheitslage sollte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr über Land reisen, sondern am Besten eines der lokalen Hotels aufsuchen. Und so steuern auch Gessi und seine Fahrgäste gegen 18.00 Uhr eines dieser kleinen Hotels in Jialalaxi an und beziehen dort Zimmer. Gessi und andere Somalis übernachten im Innenhof des von Mauern umgebenen Geländes auf Pritschen unter freiem Himmel. Sie sitzen teetrinkend, Khat kauend und erzählend zusammen, um die relevanten Neuigkeiten der verschiedenen Reisenden auszutauschen. Khat ist eine stimulierende Substanz, die gekaut und in der Backe in speichelgetränkten Bällchen aufgehoben wird. Sie wird von den meisten Somalis zum Muntermachen und einer vorübergehenden Euphorie verwendet. Auch vor Kämpfen wird sie gerne konsumiert, da sie die Hemmungen senkt und somit den Mut steigert. Da Khat von vielen Somalis ab morgens konsumiert wird, wird ihre Aussprache häufig bereits gegen Mittag etwas verschwommen und schwer verständlich. Selbst wenn sie gut Englisch sprechen, empfehlen sich zielführende und wichtige Gespräche sinnvollerweise eher vormittags.

    Die Springfederrahmen der Betten in den Hotelzimmern sind meist sehr durchgelegen. Als Toiletten dienen wenige Zellen für die Hotelgäste, wie man sie aus Frankreich kennt, also ein Loch im Boden mit betonierten Fußtritten an beiden Seiten, auf die man sich zur Bedürfnisverrichtung stellt und dann in die Hocke geht. In den kleinen Raum steht auch ein Eimer mit Wasser und einem Schöpfbecher aus Plastik, um abzuspülen. Insofern gibt es auch in Somalia „Wasserklosetts“, und auch mit Wasser und ausschließlich der linken Hand reinigt man sich nach der Notdurft – deshalb ist nur die rechte Hand zum Essen erlaubt.

    Auch duschen kann man in betonierten, kleinen Räumen, indem man mithilfe des Schöpfbechers das Wasser aus dem Eimer über sich schüttet. In Hotels mit gehobenem Standard kann es auch mal einen an einem Gelenk befestigten Eimer voll Wasser mit einer Kette oder einem Strick geben, durch die man den Eimer kippen und dadurch das Wasser über sich schütten kann.

    All das erscheint dem Mitteleuropäer eher nicht wie Luxus, doch empfindet es der staubige und durch die Schlaglöchern stundenlang durchgeschüttelte Reisende als erholsame Wohltat nach einem langen Tag in brennender Sonne und wärme-flimmernden Luft. Geht man nachts in einen Innenhof und schaut in den durch wenig Streulicht gestörten so tiefen und klaren Sternenhimmel, fühlt man sich leicht durch diese „unendlichen Weiten“ entführt. Kann man sich auf diesen Eindruck des „Eine-Millionen-Sterne-Hotels“ einlassen, kann dies zu einem unvorstellbar berauschendem Erleben führen. Dieser visuelle Rausch entschädigt für all das Gerüttel und Geschüttel, den Staub und die haut-gerbende Sonne.

    Auch die Morgendämmerung ist früh, gegen 6.00 Uhr, und so beginnt auch das Treiben des Tages entsprechend früh, was angesichts der schnell ansteigenden Temperatur gut ist, will man die relative Morgenfrische z.B. zum Reisen noch nutzen.

    Nach einer einigermaßen erholsamen Nacht, die an diesem Tag durch das durchdringend-klagende Geschrei eines Esels früh und recht brüsk beendet wird, begeben sich Gessi und seine Passagiere zum Frühstück, Dieses besteht meist aus gebratener Leber mit einer Art weißer Brötchen in länglich-ovaler Form. Gibt es dazu Bohnen in Tomatensoße, hat der Reisende eine gute und alle wichtigen Nährstoffe enthaltende Grundlage für sein Tagesgeschäft.

    Frühstück und weiter

    Nach dem Frühstück gibt Gessi wieder Gas, um weiter gen Mogadischu so gut es geht den Schlaglöchern auszuweichen. Wieder passieren sie staubtrockene Landschaft auf meist schnurgeraden Straßen, nur selten über sanfte Hügel und an kleineren Ortschaften vorbei. Mittags wird in Jowhar eine Rast mit Kamelkeule und Spaghetti eingelegt, und natürlich fehlt auch der eiweißspendende Becher Kamelmilch und der Energie spendende süße Tee nicht. Im Restaurant sitzen einige ältere Männer, die ihre wohl eigentlich weißen Haare auf Haupt und im Bart mit Henna orange gefärbt haben, was sie in ihrer Wahrnehmung wohl jünger und für die somalischen Frauen attraktiver macht. Letztere haben ihre Arme oft durch kunstvolle Henna-Malereien verziert. Nach der Mittagsstärkung geht es mit konzentriertem Gas weiter vorbei an Checkpoints und „lokalen Baustellen“ gen Mogadischu. Nun ist die Morgenfrische längst vergangen und Menschen und Tier bewegen sich, wenn überhaupt, langsam und Hitze geplagt durch das dürre Land.

    Gessi wie seine Fahrgäste freuen sich auf ihre Ankunft in Mogadischu nach der dreitägigen Reise mit Hilfsgüterverteilung an die von Bürgerkrieg und Dürre leidende Bevölkerung. Sie hatten 50 lokal angemietete LKWs mit insgesamt ca. 500 Tonnen Hilfsgütern, bestehend aus Mais, Bohnen und Speiseöl sowie Saatgut beladen. Vor drei Tagen waren sie vom Gelände der internationalen Hilfsorganisation in einem alten Krankenhaus nahe des Hafens von Magadischu entlang des Shebelle nach Norden gefahren. Diese Hilfsgüter hatten sie in unzähligen kleineren und etwas größeren Dörfern sowie in den Kleinstädten an die Bevölkerung verteilt.

    Bruderclans und humanitärer Auftrag

    Die Habr Gedir hatten ebenso wie der Abgaal gegen den vertriebenen Diktator, Siad Barre ,gekämpft. Nun lagen die beiden „Brüder-Clans in konkurrierender Spannung. Somit war die Sicherheitssituation in Zentralsomalia schon seit längerer Zeit angespannt. Deshalb fanden vor diesem Hilfskonvois intensive Diskussionen zwischen der internationalen Hilfsorganisation, ihrer somalischen Partnerorganisation, den Sicherheitskräften des ehemaligen Krankenhauses und anderen politischen und militärischen Kräften in Mogadischu statt. Ein Sicherheitsrisiko war nicht zu verleugnen. Andererseits drängte die Zeit, sollte das Saatgut von den Landwirten noch vor der nahenden Regenzeit ausgebracht werden können. Zumindest fehlendes Saatgut sollte nicht eine dringend erforderliche Ernte verhindern.

    Damit nicht das Saatgut in den bestehenden Notzeiten konsumiert wurde, war die Saatgutlieferung durch eine entsprechend nach Ernährungsstandards der Weltgesundheitsorganisation berechnete Nahrungsmittelhilfe ergänzt.

    Und so war beschlossen worden, den Hilfskonvoi zu wagen, wobei die 50 lokalen LKWs durch eine kleine Armee aus Sicherheitskräften beschützt wurden. Deren Kern bildete eine Gruppe der Sicherheitstruppe des ehemaligen Krankenhaus, in dem die Hilfsorganisation mit Unterkunft, Hilfslager und Büroräumen ansässig war. Als langfristig Beschäftigte konnten sie als loyal und zuverlässig eingeschätzt werden. Der tägliche Umgang trug sicher auch zu einem hilfreichen Verhalten dieser etwa 50 mitreisenden Sicherheitskräfte bei, da sie sich als den „Clans der Hilfsorganisation“ zugehörig auch in ihrer Ehre verpflichtet fühlten, Konvoi und Mitarbeiter der Hilfsorganisation zu schützen. Und so fand der leitende Ausländer des Konvois auch am ersten Tag heraus, dass er auf Schritt und Tritt von zwei Bodyguards begleitet wurde, selbst wenn er auf die Toilette ging. Darauf angesprochen erklärten sie, dass sie vom Chef der Mogadischu-Sicherheitskräfte zu seiner persönlichen Sicherheit abgestellt seien.

    Außer dieser Kerntruppe waren jedoch noch weitere gut 100 bewaffnete Kräfte der Polizei Mogadischus dabei, so dass auf jedem LKW ein bis zwei dieser Bewaffneten saßen und die durchquerte Landschaft auf mögliche Gefahrenquellen in Augenschein nahmen. Natürlich hatte jeder Fahrer und jeder Beifahrer von LKWs und Begleit-Land Cruisern wie dem von Gessi sein Gewehr neben sich stehen.

    In den Orten, wo die Hilfsgüter verteilt wurden, kam die gesamte ansässige Dorfgemeinschaft zusammen. Die für diesen Ort bestimmten Hilfsgüter wurden abgeladen und auf dem Dorfplatz gestapelt, bevor Älteste und ggf. andere lokale Autoritäten mit ihren henna-gefärbten Bärten und Haaren wortgewaltige Dankesreden hielten. Auch der Vertreter der somalischen Partnerorganisation und der Vertreter der internationalen Hilfsorganisation mussten Reden halten, in denen gemäß der somalischen Kultur stets ausführlich betont wurde, welch Aufwand und Anstrengungen die Helfenden in Kauf genommen hatten, um die Hilfe zu bringen. Betont wurde außerdem in jedem Ort, dass alle LKW-Fahrer und Sicherheitskräfte von der internationalen Hilfsorganisation entlohnt würden, um zu vermeiden, dass sie anschließend als „Lohn“ für ihre Mühe einen Teil der aufwändig über bis zu 350 km von Mogadischu aus herangebrachten Güter wieder einsammelten, wenn die Helfer weg waren. Ob das nicht trotzdem in einem gewissen Umfang in einigen Orten geschah, war nicht völlig auszuschließen, aber Arrangements und Reden sind auf jeden Fall der Versuch, derartiges zu minimieren.

    Und nach 3 Tagen dieser Verteilung und Reden in Dutzenden Verteilstellen, befinden sich Gessi und die Mitarbeitenden der Hilfsorganisation auf dem Rückweg nach Mogadischu. Bis auf einen Zwischenfall, bei dem 2 der Sicherheitskräfte mit ihren Waffen hantierten, ein Schuss sich aus einer Waffe gelöst hatte, und eine der Sicherheitskräfte durch die Kugel im Bein verletzt worden war, war zum Glück fast alles gut abgegangen.

    Nur eines abends hatte es an dem Gelände, wo die LKWs mit den noch nicht verteilten Hilfsgütern über Nacht abgestellt waren, einen durchaus kritischen Vorfall gegeben. Einige der angeheuerten Polizeikräfte hatten sich mit einem Pickup vor das Tor des Geländes gestellt. Auf der Ladefläche des Pick-ups war ein Maschinengewehr montiert. Die Polizeikräfte drohten, zu schießen, wenn sie nicht einen Teil der Hilfsgüter überreicht bekämen. Es hatte langwieriges Palaver gegeben. Die Vertreter der Hilfsorganisationen wiesen natürlich darauf hin, dass es bereits eine vereinbarte Bezahlung gegeben hatte. Dies führte aber dennoch über einen ziemlich kritischen Zeitraum von gut 1-2 Stunden zu keiner Aufhebung der Drohung. Die Lösung hatte schließlich die Loyalität der „Kerngruppe“, also der der Sicherheitskräfte der Hilfsorganisation in Mogadischu, gebracht. Sie stellten sich der Bedrohung entschieden entgegen, und erklärten, dass sie die Güter mit ihrem Leben verteidigen würden. Diese Kerngruppe bestand nicht nur aus langjährig erfahrenen Kämpfern, sondern gehörte auch dem mächtigen Hawiye-Clan an, und ein Kampf mit ihnen in Jialalaxi mit Toten und Verletzten hätte ganz sicher auch in Mogadischu eine gewalttätige Auseinandersetzung der an der Drohung beteiligten Clansegmente mit denen der Kerntruppe ausgelöst, und aufgrund deren Einfluss, Wehrhaftigkeit und militärischen Macht war diese Loyalität folglich abschreckend genug.

    Der Ex-Räuber ist nun stolz auf seine Arbeit

    Auch das war also gut gegangen, und so konnte Gessi heute wieder sein Betriebskapital, den Toyota-Landcruiser mit den Abzeichen einer großen internationalen Hilfsorganisation, gasgebend und dennoch durch vorausschauendes Fahren möglichst viele Schlaglöcher und somit eine Beschädigung seines wertvollsten Besitzes vermeidend gen Mogadischu steuern.

    Gessi erzählt während der Fahrt mit leuchtenden Augen von seiner Familie, und besonders intensiv von seinen kleinen, gerade 18-monatigen Sohn Ibrahim.

    Gessis Land Cruiser ermöglicht ihm die Anstellung bei dieser internationalen Hilfsorganisation und sichert ihm Lohn und Brot. Sein Lohn unterhält nicht nur seine eigene Kernfamilie, sondern auch andere bedürftige Mitglieder seines Habr Gidir-Clans. Das bringt Gessi ein angenehmes Leben mit materiellem Auskommen und einigem Ansehen innerhalb seiner Clangemeinschaft.

    Eine andere Sozialversicherung gibt es nicht. In Notsituationen oder Gefahr bildet die Clangemeinschaft die einzige Sicherheit. Deshalb kann der eigene Clan auch absolute Loyalität verlangen, wenn ein Mitglied aufgrund Krankheit Unterstützung benötigt oder ein Konflikt mit anderen Gruppen solidarisches Handeln erfordert, um die Gemeinschaft und deren Mitglieder zu schützen. Diese Solidarität ist in Form materieller Unterstützung entsprechend des Vermögens absolut verpflichtend. Kämpfer wie Gessi leisten sie auch durch Teilnahme an den Kämpfen. Alleine ist ein Somali Niemand und somit absolut schutz- und wehrlos. Wer sich weigern würde, seiner Gemeinschaft loyal zu dienen, könnte aus der Gemeinschaft verstoßen werden, und wäre dann schutzloses Freiwild. Die Zugehörigkeit zu einem starken, wehrfähigen und einflussreichen Clansegment sichert seinen Angehörigen hingegen Schutz und Sicherheit, wie auch die durchaus kritische Situation gestern Abend in Jialalaqsi bewiesen hat. Und Gessi gehört einen solchen Segment an, ist ihm dann aber eben auch zu uneingeschränkter Loyalität verpflichtet, was er als eine völlige Selbstverständlichkeit in keiner Weise je in Zweifel zieht.

    Die derzeit in einer spannungsreichen Situation miteinander stehenden Habr Gidir und Abgaal, beide Subclans der Hawiya, also „Brüder“ konkurrieren um politischen Einfluss und somit den Zugang zu den „Fleischtöpfen“ in Zentralsomalia. Ali Mahdi, Führer des Abgaal-Subclans der Hawiye, und General Mohamed Farah Aidid, Führer des Habr Gidir-Subclans der Hawiye, verhalten sich ziemlich anders, als man es bei „Brüdern“ vermuten würde, aber im sensiblen Gefüge des durch Jahrzehnte von Bürgerkrieg in seinen Strukturen zerrütteten Somalias durchaus folgerichtig.

    Das Ringen der „Brüder“ um Macht

    Beide „Brüderclans“ hatten zusammen den jahrzehntelange Kampf gegen den früheren Diktator Somalias, Siad Barre, geführt, Der Geschäftsmann Ali Mahdi in materieller Form, General Aidid als erfahrener Militärführer der Widerstandstruppen. Erst vor wenigen Monaten hatten sie gemeinsam obsiegt, so dass Siad Barre ins Nachbarland Kenia geflohen war. Er hatte bei seiner Flucht angeblich Tonnen von Gold außer Landes geschafft, das doch eigentlich dem somalischen Volk gehörte. Aber zumindest war er vertrieben und konnte keine Folter und Ermordung von Oppositionellen mehr in Auftrag geben.

    Der große und starke Hawiye-Clan hatte einige der Schaltstellen der Macht in Zentralsomalia übernommen, was natürlich in gewisser Weise allen Clanmitgliedern zugute kam.

    General Aidid war weiterhin Stratege und Politiker und verfügte noch immer über gut-organisierte Kämpfer. Ali Mahdi war zum Präsidenten von Somalia gewählt worden, allerdings gegen den Willen von Aidid. Und so schwelte diese Fehde zwischen den Brüderclans, deren Mitglieder ihren jeweiligen Führern nun Gefolgschaft und Loyalität leisten mussten.

    Auch Gessi war Kämpfer des Widerstandes gegen Barre gewesen. Bereits mit 13 war er als alt genug angesehen worden, um nach einer militärischen Grundausbildung und mit einer Kalaschnikow ausgerüstet mit seinem Clan in den Kampf zu ziehen. Er war ein guter und verlässlicher Kämpfer gewesen, doch nach dem Sturz von Barre fiel er in ein Loch. Nun war er beschäftigungslos und ohne Einkommen. Erwerbsarbeit gab es nicht, und er hatte ja ohnehin außer Kämpfen nichts gelernt.

    Also schloss er sich zunächst einer Bande seines Subclans an, und sie erwarben ihr Auskommen durch Raub. Auch damit konnte er ein erkleckliches Einkommen erwerben und seine Frau und seinem Sohn Ibrahim ein gesichertes, wenn auch kein luxuriöses, Leben bieten. Auf seine kleine Familie war er sehr stolz, doch des Banditentums war nach er so vielen Jahren des Kämpfens und der ständigen Lebensgefahr müde.

    Wie glücklich war er gewesen, als er mit seinem Land Cruiser eine Anstellung als Fahrer bei der internationalen Hilfsorganisation bekommen hatte, und nun gutes und ehrlich verdientes Geld bekam.

    Und nun waren es nur noch wenige Meilen zurück nach Mogadischu, wo seine Familie auf ihn wartete, und vor allem die leuchtenden Augen von Ibrahim. Dieser Gedanke beflügelte ihn nun, als er auch auf diesen letzten Meilen noch trotz Schlaglöchern Gas gab. Sie mussten sich etwas spurten, um in Mogadischu vor dem Einbruch der Nacht einzutreffen, aber er kannte seinen Wagen und war ein geschickter Fahrer.

    Sorge um das Betriebskapital

    In der Dunkelheit war die Gefahr zu groß, von Banditen, wie Gessi selbst noch vor wenigen Monaten einer gewesen war, überfallen und beraubt zu werden. Wie sollte er weiter seine Familie ernähren und einen Beitrag zum Wohl seiner Habr Gidir leisten, wenn ihm sein Toyota geraubt würde? Noch heute morgen hatte er dem führenden Logistiker des Hilfskonvois gesagt: „Früher war ich ein Bandit, Heute arbeite ich für eine seriöse Organisation!“ Dieses Privileg, auf das er so stolz war, zu gefährden, konnte er nicht zulassen, also gab er in hochkonzentrierter Weise weiter Gas.

    Jedes Mal, wenn eines der Räder trotz all seiner Fahrkunst hart in ein Schlagloch schlug, verspürte er den Stoß, der von den Dämpfern nur teilweise abgefedert werden konnte, quasi körperlich selbst. Es war die Fahrt auf den schmalen Grat zwischen Schonung seines so wichtigen und wertvollen Land Cruisers und der keineswegs banalen Gefahr eines Überfalles. Aber sie erreichten rechtzeitig vor der Nacht und wohlbehalten das Gelände der Hilfsorganisation im Herzen Mogadischus.

    Gessis Fahrgäste luden ihr Gepäck aus und sie verabschiedeten sich voneinander nach diesen intensiven und gemeinsam verbrachten Tagen. Gessi fuhr zu seiner Familie nach Hause.

    Nach einer erholsamen Nacht erwachte er am Morgen durch den Klang von Explosionen. Er kannte dieses Geräusch allzu gut: es war der vom Aufprall von Mörsergranaten verursachte Knall. Und es schien nicht allzu weit von seiner Wohnstätte. Er erschrak!

    Sein Toyota stand relativ ungeschützt zwei Straßenecken entfernt auf der Straße. Wenn der nun von einer Granate getroffen würde. Er musste sein wertvollstes Kapital unbedingt in Sicherheit bringen!

    Und so warf er sich seine Kleidung über, griff seine Kalaschnikow, und eilte auf die Straße – nach allen Seiten Ausschau haltend und stets sich möglichst in ein wenig Deckung bewegend.

    Die erste Straßenecke hatte er bereits umrundet, vereinzelt hörte er in der Nähe Schüsse.

    Also duckte er sich noch etwas tiefer und lugte um die zweite Ecke, hinter der sein Auto stand. Er hörte ein Zischen knapp an seinem Kopf vorbei. Doch: der Schuss, den Du hörst, hat Dich nicht getötet. Wer den Schuss nicht mehr hört, der hat ein Problem!

    Er duckte sich so weit es ging, und schaute erneut vorsichtig um die Ecke des Hauses, an dessen Wand er Deckung hatte. Er sah seinen Toyota kaum fünf Meter entfernt, offensichtlich noch unversehrt. Er suchte die Umgebung nach einer Gefahrenquelle ab, sah keine, und spurtete tief gebückt auf seinen Wagen zu.

    Dann hörte und sah er nichts mehr und nie wieder etwas.