Da tauschen die Thüringer und die dortigen (vielleicht künftigen) Regierungsparteien einen eher gemäßigten und über Jahre populären Ramelow gegen eine wohl zumindest scheinbar populistischere Wagenknecht. Bei der vorletzten Landtagswahl befanden sich beide noch in derselben Partei …
Das klingt nach einer gelungenen Aktion für die Demokratie.
Die Folgen werden wir vermutlich in den kommenden Jahren auf mehreren Ebenen bewundern dürfen. Wir sind gespannt!
Verstehen müssen wir einige Akteure und die Logik ihrer „Unvereinbarkeitsbeschlüsse“ vermutlich nicht (?)
Hoffentlich sind wir in einigen Jahren überzeugt, dass die Demokratie tatsächlich gewonnen hat.
Die schrecklichen Attentate in Mannheim, Solingen, Magdeburg, München und zuletzt Villach sind durch absolut nichts zu rechtfertigen! Sie sind und bleiben schrecklich und unmenschlich, sind nicht zu entschuldigen und müssen angemessen bestraft werden.
Dabei ist zunächst auch unerheblich, ob solche Taten aus privaten Gründen/Streitigkeiten motiviert sind, auf psychische Erkrankung oder religiösen oder politischen Fanatismus zurückzuführen sind. Zumindest für die Opfer ändert das rein nichts!
Aber was sind die Folgen all dieser schrecklichen Taten?
Sie werden offensichtlich von verschiedenen „interessierten Seiten“ benutzt. Der politische Diskurs etwa in Deutschland und Österreich verhärtet sich in Urteilen über ganze Gruppen wie „Migrierende“ oder Menschen aus Afghanistan und oder Syrien. Differenzierung erscheint nicht mehr erwünscht und letztlich nur störend. Ist es nicht das Einfachste – oder gar, wie manche meinen, die Lösung ALL unserer Probleme, wenn wir einfach die Grenzen schließen und alle „Gefährder“, und „am Besten“ ALLE Menschen aus Afghanistan und Syrien, demnächst vielleicht anderen Herkunftsregionen einfach abschieben?
Wäre das tatsächlich die Lösung all unserer Probleme, ob in den Sozialversicherungen, auf dem Wohnungsmarkt,oder bei der inneren Sicherheit?
Ein paar „ketzerische Fragen:
Wieviel Migrierende (früherer Jahre), wie viele Menschen auch aus Afghanistan und Syrien, sind in unserer Gesellschaft gut integriert, sprechen unsere Sprache, arbeiten und zahlen ebenso wie Du und ich „Sozialabgaben in der festgelegten Höhe“? Wie viele dieser Menschen tragen also nicht nur zu unserem Wohlstand bei, sondern erhalten und fördern diesen?
Was würde mit unserer Gesellschaft und Wirtschaft geschehen, wenn alle „Menschen mit Migrationshintergrund“ Deutschland morgen verlassen würden? Was geschähe dann mit vielen Firmen? Was mit den Sozialsystemen oder den Steuereinnahmen? Ja – vermutlich gäbe es dann genügend Wohnraum für die verbliebenen Menschen in Deutschland, doch brächen vermutlich viele andere Strukturen zusammen!
Erinnern wir uns noch, wofür „Solingen“ am 29.5.1993 traurige Berühmtheit erlangte? Ja, auch damals waren Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt, allerdings wie zuvor in Rostock-Lichtenhagen und später zum Beispiel in Mölln und Hanau als Opfer von Hass und Hetze!
Negieren wir, dass nicht nur der Täter in Villach aus Syrien stammte, sondern auch der Essenslieferant, der aller Wahrscheinlichkeit nach durch sein beherztes Eingreifen weitere Opfer vermeiden half?
Werden auch jene Menschen, meist mit rechtsradikaler Einstellung „abgeschoben“, da auch sie unsere „innere Sicherheit“ gefährden? Auch einige von ihnen aus politischen oder religiösen Gründen oder mit „psychischen Problemen“?
Und wovon spricht das Grundgesetz? Sagt es etwa: „Die Würde von alten, weißen Männern“ ist unantastbar? Ich bin übrigens auch ein solcher, doch haben für mich ALLE Menschen „eine unantastbare Würde“ (Art 1 des Grundgesetzes und „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (Art 3 des Grundgesetzes)
Was können wir daraus lernen?
Das Verhalten eines Menschen ist nicht rein aus seiner Herkunft vorauszusagen, sondern von vielen Faktoren bedingt, von denen einige individueller und andere gesellschaftlicher Natur sind.
Unzweifelhaft ist Deutschland seit vielen Jahrzehnten ein „Einwanderungsland“ und die „Einwanderung“ hat stets unser aller Wohlstand ermöglicht, gefördert und erhalten
Sorry, aber Idioten gibt es mit jeder denkbaren Herkunft oder Religion ebenso wie Menschen, die sich um andere sorgen und ein/unser Gemeinwesen stützen und voranbringen
Mit welchem Recht meinen einige Menschen offensichtlich, sir hätten mehr Würde als Andere? Wieso sollten sie „wertvoller“ sein als Andere? Oder „richtiger“?
Und deshalb ist es einfach falsch, Menschen mit einem Herkunfts- oder Religionsmerkmal über einen Kamm zu scheren, und sich bei der Beurteilung eines Menschen diesen auf dieses Merkmal zu reduzieren.
Und warum würden nun Islamisten rechtspopulistisch wählen?
Weil diese die Gesellschaft ebenso spalten wollen wie jene!
Weil sie gewonnen haben, wenn der Ausspruch eines ehemaligen amerikanischen Präsidenten in den 00er Jahren in unserer und anderen Gesellschaften anerkannt würde: „Either you are with or against us!“ – und der konstruktive Dialog endgültig beerdigt wäre.
In einem viel diskutierten Buch hieß Mitte der 1990er Jahre auch der „Clash of Civilizations“.
Und was hätten wir dabei gewonnen?Außer der Zerstörung all jener Werte, die uns in den letzten 80 Jahren Frieden und Wohlstands gebracht haben? Dann erodierten nicht nur unsere humanitären Werte!
Also: Augen auf bei der Wahl – und das Hirn einschalten gegen Wut und Hetze
in Magdeburg wie überall – egal von welcher Seite er kommt!
Und wo er sein böses Werk verbricht – ob in den 1920er-1940er Jahren, in den späten 1980er und 990ern in u.a. in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen oder Mölln, an 9/11 in den USA oder seit der Jahrtausendwende in Hanau, Solingen, am Breitscheidplatz in Berlin oder nun in Magdeburg
Diskussionspause – Blick von der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte auf den Kellersee (Foto: StH, Juli 2025
Das Bildungsseminar „Deutschland, Europa und die Zukunft unserer Demokratie“ fand vom 7.-11.7.25 in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente unter sehr kompetenter Leitung von Joachim Bussiek in einer Gruppe von 19 Teilnehmenden statt. Die Inhalte und Diskussionen hier weitergeben zu wollen, würde zu weit führen. Inhalte waren unter anderem die Krisen der letzten Dekaden als Polykrisen, die Demokratieentwicklung in Deutschland, ein Überblick über bundesdeutsche Institutionen sowie die Schutzmechanismen unserer Verfassung, der Einfluss sozialer Medien, sowie die EU und ihre Chancen und Herausforderungen. Ich und die anderen Teilnehmenden empfanden die Inhalte und Diskussionen in einer wirklich interessanten Seminargruppe als hilfreich und anregend. Ich kann die Teilnahme an diesem Seminar nur empfehlen.
Vielleicht kann man das Seminar zusammenfassen durch zwei (nicht völlig überraschenden) Grundaussagen:
Gemeinsam (in Europa!) sind wir und unsere Demokratie stark – es wäre gut, wenn wir alle uns dessen wieder bewusster würden und die Ergebnisse und Erkenntnisse der letzten 80 Jahre nicht aufs Spiel setzen würden. Andernfalls merken wir, was wir verloren haben, wenn wir es verloren haben. Aber das wäre dann ein echter und großer Verlust. Einige Angehörige der jüngeren Generationen mögen es nicht mehr kennen. Ich lebte einige Jahre in Aachen, also sehr nah an den Niederlanden und Belgien, und „durfte“ z.B. die Mühen eines innereuropäischen Grenzübertrittes vor Schengen oder des Bezahlens in einem anderen europäischen Land vor der €-Einführung, und sei es für Grenzgänger auch nur wenige km entfernt, noch kennenlernen 🙁 Dies und Weiteres halte zumindest ich neben Frieden zwischen sogenannten „Erbfeinden“ für echte europäische Errungenschaften. Wer guten Willens und ernsthaft nachdenkt, mag noch weitere Erfolge der EU identifizieren! Probleme bei der EU abzuladen und „Erfolge“ national zu reklamieren, ist allerdings kein neues Phänomen, sondern wurde schon vor 40 Jahren in den Mitgliedsstaaten gerne praktiziert.
Die Demokratie benötigt jeden von uns. Und der Einsatz Jeder und Jedes für unsere Demokratie und gegen alle Interessen geleiteten Missgünstigen im Innern und von Außen lohnt sich! Gleiches gilt m.E. für Europa!
Natürlich wurden diese beiden Erkenntnisse vorbereitet und in diversen Schritten durch mehrere Themen hergeleitet und intensiv in der Teilnehmendengruppe diskutiert.
Foto: StH(1982) – manches scheint alter Kaffee, in dessen Satz es zu lesen gilt?
Europa heute mit seinen Herausforderungen
Europa ist gerade wieder in vieler Munde, sei es im Zusammenhang mit Trumps versuchtem Zolldiktat oder Putins versuchtem Diktat zu einer ihm genehmen Ordnung in der sich wehrenden Ukraine. Oder auch als „Festung“ gegen Menschen, die in Europa Schutz, oder auch Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten suchen, um zu ihrem eigenen wie auch unsere aller Wohlstand beizutragen.
Wo steht Europa? Wie verhält es sich gegen solch äußeren oder auch manchen inneren Druck? Agiert es geeint oder basierend auf Individualinteressen? Wo kommt das derzeitige Europa her? Auf welchen Erfahrungen und Erkenntnissen fußt es? Was ist es uns wert?
Die einen meinen, es müsse mehr Europa geben, die Anderen wollen Europa beschneiden und wieder mehr „national“ oder „einzelstaatlich“ denken und handeln. Aber ist nicht gerade in der Auseinandersetzung mit Trump oder Putin ein geeintes Europa, das mit einer Stimme spricht, „schlag-„fertiger, stärker, einflussreicher und resilienter?
Und doch scheint dies im Europa der 27, dessen Entscheidungen in vielen zentralen Politikfeldern und Fragen auf dem Einstimmigkeitsprinzip basiert, die Entscheidungsfindung fürchterlich langwierig und anstrengend Es ist keineswegs immer Orban, der querschießt. Auch das „German Vote“ erschwert europäisches Handeln dort, wo z.B. Interessen der deutschen Autoindustrie „zu verteidigen“ sind. Oder Irland, wenn es um niedrige Unternehmenssteuern oder die Interessen der (meist nicht europäischen) „Techgiganten“ geht. Also jeder Mitgliedstaat betrachte auch seine eigene Nase und vergesse das Kehren im eigenen Eingangsbereich nicht!
Timothy Garton Ash zu Europa
Vor ein paar Wochen stieß ich durch einen Freund auf das Buch „Europa“ des britischen Historikers und Publizisten Timothy Garton Ash, aus dem ich einige mir bemerkens- und bedenkenswerte Gedanken hier zitieren möchte:
Timothy Garton Ash entwickelt seine Gedanken um die Frage von Einheit und Vielfalt vom geschichtlich wiederholt genutzten Konstrukt von Rom aus, ob das alte römische Reich, das Papsttum, das „heilige römische Reich deutscher Nation“ oder auch die „römischen Verträge“, die in der heutigen Europäischen Union eine wichtige Rolle spielen
Er schreibt: “ (…) Konrad Adenauer, der Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland, bemerkte ein wenig vorsichtiger: „So ist uns das große, gemeinsame Erbe, für das Rom immerwährendes Zeugnis ablegt, zugleich Mahnung und Hoffnung.“ – Als ich in den späten 1960er Jahren zum ersten Mal den Kontinent bereiste, war die Europäische Gemeinschaft noch weitgehend mit dem Reich Karl des Großen um 800 identisch. Erst 1973, mit dem Beitritt Großbritanniens, Irlands und Dänemarks zu diesem 6. oder 7. Rom begannen die nicht-karolingischen Barbaren Karls Garten beizutreten. Aber auch wir Barbaren haben auf unsere ganz eigene Art und Weise auf Rom zurückgeblickt und es nachgeahmt. Die römische Frage ist bis heute das große politische Rätsel Europas. Es ist das Rätsel von Einheit und Vielfalt. Jede Generation fragt sich, wie Europa am besten funktioniert. Einige sagen: mehr Einheit, mehr Rom – das ist der Tenor von tausend Brüsseler Reden. Nein!, erwidern Andere: Mehr Vielfalt, weniger Rom! Nicht die Nachahmung Roms, so argumentieren sie, sondern das, was der Historiker, Walter Scheidel, die Flucht aus Rom nennt, habe unserem Kontinent seine Dynamik verliehen. In Erweiterung einer alten These, wonach Europas Vielfalt der historische Schlüssel zur Erklärung seines beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs ist, argumentiert Scheidel, dass es der poströmische Polyzentrismus war, der Europa im Gegensatz zu zentralisierten Einheit der asiatischen Reiche zum Geburtsort der Moderne machte. Ohne Polyzentrismus keine Moderne. Er wirft jedoch die Frage auf, ob das auch der Fall gewesen wäre, wenn es Rom gar nicht erst gegeben hätte. Ein Rom, von dem man fliehen, von dem man aber auch träumen konnte.
Einheit und Vielfalt sind Europas Yin und Yang, seine These und Antithese, die stetig auf der Suche nach ihrer schwer fassbaren Synthese sind.
Drängt man zu sehr auf Einheit, beginnt die erzwungene Union zu zerfallen. Drängt man zu sehr auf Vielfalt, bekämpfen sich die Europäer am Ende gegenseitig. Irgendwann marschiert dann jemand ein, um das innere Chaos zu beseitigen, wie Fortinbras am Ende von Hamlet – der Fortinbras von morgen könnte ein Chinese sein. Das „heilige, römische Reich“ hielt sich gerade deshalb so lange, weil es eine tiefe, einigende Mystik mit dem kombinierte, was der Historiker, Peter Wilson, einen Rahmen nennt, der lokale und besondere Freiheiten bewahrt und Vielfalt, Autonomie und Unterschiede respektiert. Bei der Aushandlung dieser Unterschiede, so Wilson weiter, hing der Erfolg in der Regel von Kompromissen und Schummeleien ab. Obwohl das Imperium nach Außen Einheit und Harmonie betont, funktionierte es in Wirklichkeit, indem es Meinungsverschiedenheiten und Verstimmungen als ständige Elemente seiner Innenpolitik akzeptierte. Wenn das vertraut klingt, sehe ich das als ein Zeichen der Hoffnung, nicht der Verzweiflung für die Zukunft der heutigen europäischen Union.“
Wie kam es eigentlich zur Europäischen Union?
Timothy Garton Ash ist bekanntlich Brite und somit heute kein EU-Bürger mehr. Aber er bereiste Europa viel und intensiv und das auch in Zeiten des Umbruchs und danach in dessen Osten. Und so führt er aus:
„Bronis?aw Geremek glaubte mit jeder Faser seines Seins an das Projekt, ein besseres Europa aufzubauen. Geremeks Geschichte ist einzigartig, aber die Grundform seines Europäertums ist typisch für mehrere Generationen von Baumeistern Europas, die unseren Kontingent zu dem gemacht haben, was er zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist.
Wenn man sich anschaut, welche Argumente für die europäische Integration in den verschiedenen Ländern von den 1940ern bis zu den 1990er Jahren vorgebracht wurden, scheint jede nationale Geschichte auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu sein. Aber wenn man ein wenig tiefer gräbt, findet man immer denselben Grundgedanken: „Wir waren an einem schlimmen Ort, wir wollen an einem besseren Ort sein. Und dieser bessere Ort heißt Europa.
Die Alpträume, aus denen die europäischen Nationen zu erwachen versuchten, waren vielfältig und unterschiedlich.Für Deutschland war es die Scham und Schande des verbrecherischen Regimes, das Bronings Vater ermordet hatte. Für Frankreich war die Demütigung von N iederlage und Besatzung. Für Großbritannien der wirtschaftliche und politische Niedergang. Für Spanien eine faschistische Diktatur und für Polen eine kommunistische Diktatur. Europa mangelt es nicht an Alpträumen, aber für die Menschen in all diesen Ländern war die Grundform des pro-europäischen Arguments die gleiche. Diese Form war ein langgezogenes, überschwängliches Häkchen: ein steiler Abstieg, eine Kehrtwende und dann eine aufsteigende Linie, die in eine bessere Zukunft führte. – eine Zukunft namens Europa.
Zu den Gründungsvätern der Europäischen Union gehörten Menschen, die man die „14er“ nennen könnten, die sich noch lebhaft an die Schrecken des 1. Weltkriegs erinnerten. Einer dieser 14er war der britische Premierminister Harold Mc Millan, der mit brechender Stimme von der verlorenen Generation seiner Zeitgenossen sprach.
Nach ihnen kamen 39er wie Geremek, unauslöschlich geprägt von den Traumata von Krieg, Gulak, Besatzung und Holocaust. Das gilt genauso auch für die französische Politikerin Simone Veil, die Ausschwitz und Bergen-Belsen überlebte.
Und dann waren da noch die 68er, die sich gegen die kriegsgeschädigte Generation ihrer Eltern auflehnte, von denen einige aber auch die Diktaturen in Süd- und Osteuropa aus erster Hand kannten. Jede Generation hatte ihren langen Schweif.
Die Nach-39er, wie Helmut Kohl z.B., der zu jung war, um im 2. Weltkrieg zu kämpfen, aber dennoch von ihm geprägt war. Und die Nach-68er wie mich.
Nach den 68ern kamen die 89er, die in ihren späten Jugendjahren oder Anfang 20 waren, als sie die samtenen Revolutionen von 1989, die den Kommunismus in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beendeten, den Fall der Berliner Mauer und die anschließende Auflösung der Sowjetunion erlebten,
Wir müssen uns natürlich davor hüten, die Nachkriegsgeschichte Europas in ein Märchen zu verwandeln, in dem weise, tugendhafte Helden aus ihren Erfahrungen in der Hölle lernen, und daraus dann den Himmel schaffen. Die wahre Geschichte ist voll von Staaten, die ihre nationalen Interessen verfolgen, von verfallenden Imperien, hinterhältigen Machtspielen mit harten Bandagen kämpfendem Wirtschaftslobbyismus, diplomatischen Kompromissen, persönlichen Ambitionen und nicht zuletzt dem historischen Glück, Fortuna, das laut Machiavelli die halbe Erklärung für die meisten politischen Ereignisse ausmacht. Doch irgendwo dazwischen war, über vier Generationen hinweg, der Erinnerungsmotor am arbeiten, in den Köpfen und Herzen der führenden Politikern, aber auch in jenen von Millionen Europäern. Und so waren wir hoffnungsvoll unterwegs in Richtung dieser besseren Zukunft, die sich Europa nennt.
Die Probleme beginnen, sobald man im gelobten Land angekommen ist. Im zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts hatten wir zum ersten Mal eine Generation von Europäern, die nichts anderes kannte als ein friedliches, freies Europa, das hauptsächlich aus liberalen Demokratien bestand. Kein Wunder, dass ihnen das selbstverständlich erschien. Diejenigen, die im ehemaligen Jugoslawien, oder in Ländern wie der Ukraine, Weißrussland und Russland aufgewachsen sind, bildeten wichtige Ausnahmen.
Diese neue Generation könnte man die Nach-89er nennen, oder, um einen anschaulichen Begriff aus der Zeit nach der Apartheit in Südafrika zu verwenden, die Born frees, die in Freiheit Geborenen.
Erinnerungen an Dinge, die man persönlich gesehen und gehört, genossen oder ertragen hat, sind eine unvergleichlich starke Motivationskraft. Aber die unmittelbare, persönliche Erinnerung ist nicht die einzige Art und Weise, wie das wissen über vergangene Dinge weitergegeben werden kann.
So war beispielsweise der D-Day ein wichtiger Moment für mich, obwohl er elf Jahre vor meiner Geburt stattfand. Eine einzige, persönliche Begegnung mit einem Veteranen oder Überlebenden, kann das ganze Leben verändern. Und dann ist da noch die Arbeit von Historikern, Romanautoren, Journalisten und Filmemachern, die versuchen, die Toten um der Lebenden willen lebendig zu machen.
Der Ausschwitz-Überlebende, Elie Wiesel, nannte diesen Prozess „Erinnerungstransfusion“. Die größte Chance der Zivilisation besteht darin, dass wir aus der Vergangenheit lernen können, ohne sie selbst noch einmal durchleben zu müssen.“
noch verfügbare Erinnerung
Ja: ich weiß noch, wie es im Europa vor Schengen war, meine Eltern haben noch Krieg und Zerstörung am eigenen Leib erlebt – mit unseren „Erbfeinden“. Wer im Geschichtsunterricht nur ein wenig aufgepasst hat, kann ein vereinigtes und in friedlicher Nachbarschaft lebendes Europa wirklich schätzen, in den letzten Jahrhunderten war dies eher die Ausnahme als die Regel! Meinen Kindern, Kindeskindern – und letztlich uns allen wünsche ich, dass wir lernen, ohne die früheren Schrecken selbst nochmals durchleben zu müssen – Sie und wir alle werden genug mit den jetzigen und vermutlich künftigen, uns teilweise – und zum Glück – noch unbekannten Schrecken zu tun haben.
Wissen wir eigentlich auch heute noch, was wir leichtfertig aufs Spiel stellen, oder gar wegwerfen, wenn wir (rechts-)populistisch wählen?
Einfache Lösungen und ihre Konsequenzen
Die einfachen „Lösungen“ scheinen auf dem Vormarsch. Politiker und Parteien, die solche versprechen eilen von Wahlsieg zu Wahlsieg. Sie scheinen immer mächtiger und einflussreicher zu werden – ob in Amerika oder Europa.
Und tatsächlich erscheint die Welt unerträglich kompliziert. Pluralismus des Denkens und Lebens erscheint anstrengend. Einfache Lösungen hingegen erscheinen attraktiv. Wie schön wäre es, in einer übersichtlichen Welt zu leben, wo alle so sind und denken wie ich?
Meinem Geschlecht, meiner Religion, meiner politischen Einstellung angehören?
Meine Einstellungen und Ansichten teilen. Keine anstrengenden Meinungsverschiedenheiten oder gar Streitigkeiten?
100 % für die von mir favorisierte Partei?
Derartige „Führersysteme“, in denen mir eine starke Persönlichkeit die Qual des eigenständigen Denkens, die Verantwortung und somit die Last der Entscheidung abnimmt, gab es in vielen Zeitaltern und Weltregionen.
In einigen Ländern gibt es diese noch immer.
Und in offensichtlich immer mehr Ländern sehnen sich scheinbar immer mehr Menschen danach.
Wäre das Leben in einem derartigen Staat tatsächlich einfach? Vielleicht! Aber auch schön oder interessant?
Mit wem sollte ich diskutieren? An wessen Meinung mich reiben? An wessen Argumenten wachsen? Über wessen Kultur staunen?
Meinungsfreiheit? Presse- und Versammlungsfreiheit: Wollen Orban, Milley, Trump oder Putin eher nicht – zumindest nicht für die anderen!
Pluralismus? Besser nicht!
Offenheit für das Fremde? Gott bewahre! Viel zu anstrengend! Zu kompliziert!
Deutsche Leitkultur will ich! Was auch immer das genau sein soll! Da ich nicht genau weiß, was es sein könnte, sollen andere (starke Personen) das lieber für mich entscheiden!
Denken wir das mal zu Ende:
Alle sehen aus wie ich.
Alle denken und glauben dasselbe wie ich.
Alle wollen und wählen das Identische wie ich
In jener Welt habe ich stets den Eindruck, in einer Welt von Millionen Spiegeln rumzulaufen – überall begegne ich nur mir selbst!
Alles bleibt, wie es ist, das Leben ist leicht, geordnet und alle Probleme lösen Andere für mich. Eigentlich gibt es ja überhaupt keine Probleme.
ALLES ist klar, eindeutig und von Anderen für mich entschieden und gelöst. Die „perfekte Gleichheit“, die „grenzenlose Freiheit“ von Belastungen und Kompliziertheit/Komplexität.
Das Paradies völlig ohne Problem oder Herausforderung? Oder eher die Hölle der gleichförmigen Langeweile?
Will ich in einer derartigen Welt leben? Möchtest Du es?
Und Europa? Oh mein Gott! Die Brexitiers meinten, ohne Europa ginge es uns (Briten) besser – ging offensichtlich nicht ganz auf. Vielleicht nicht radikal genug umgesetzt? Schon stürmt einer, der sich zunächst nach dem Brexit zunächst einen schlanken Fuß machte, die Hitlisten der Wahlprognosen: Nigel Farage.
Auch in anderen europäischen Ländern, ob in den Niederlanden, Italien, oder möglicherweise demnächst Spanien, Portugal, Frankreich und selbst Deutschland, wird von einigem Parteien vom „Europa der Nationen“, von „weniger Europa und mehr nationaler Souveränität geschwafelt, und zunehmend vielen Wählenden scheint dies zu gefallen.
Wissen die, was sie wegwerfen? Warum wählen so viele junge Menschen national bzw. nationalistisch rechts? Geben Timothy G. Ashs oben zitierte Gedanken auch einen Teil der Antwort?
Nun ist bekannt, dass jede Generation wie jeder Mensch seine/ihre eigenen Erfahrungen machen muss, selbst wenn sie schmerzhaft werden.
Aber ist es nicht auch legitim, zur möglichen Schmerzvermeidung auf Gedanken wie die von Timothy G. Ash hinzuweisen?
Ist das „altklug“ oder gar „altersstarrsinnig“? Oder beinhaltet es auch ein wenig „Altersweisheit“ und eine Portion „gesunden Menschenverstandes“?
Es heißt: Geschichte wiederholt sich nicht! Das bleibt sicherlich zu hoffen!
Wie bei Vielem wissen wir, WAS wir verloren haben, wenn es nicht mehr existiert – doch dann ist es oft zu spät! Deshalb sollten wir vor dem „Zerstören“ überlegen und fühlen, was wir an unserer Demokratie haben und (hoffentlich) schätzen, und ob (hoffentlich „dass“) uns diese Aspekte wertvoll und wichtig sind.
„Interessierte Kreise“ behaupten oft, sie dürften diese (oder jene) Meinung nicht äußern. Doch dürfen sie in der derzeitigen bundesrepublikanischen (wie auch europäischen) Realität zumindest diese Meinung (dass sie etwas nicht äußern dürfen) behaupten , während dies in der Zeit von 1933 -1945 i n ganz Deutschland, nach 1945 wohl tendenziell in der DDR und in Trumps wie Putins Machtbereich auch heute höchsten mit größeren Einschränkungen und eventuell unter erheblichen, persönlichen Opfern von Repression über Verhaftung bis hin zur Versehrtheit von Leib und Leben möglich ist – etwa bezüglich des offiziell vertretenen Geschichtsbildes, der Benennung von „Krieg“ und „Diskriminierung“ oder anderen Aspekten der Meinungsäußerung.
Mir zumindest sind solche Errungenschaften westlich, offener Gesellschaften und ihrer Gesellschaftsordnung vom Grundgesetzt bis hin zur Rechtsstaatlichkeit wichtig und erhaltens- sowie verteidigungswert!
Deshalb:
Vielfalt statt Einfalt
Feinbild statt Feindbild
Menschenrecht statt rechte Menschen verteidigen
Mitbürger statt Wutbürger
Demokratie fördern statt Autokratie fordern
Überlegung statt Überlegenheitsgefühl
Nachdenken statt Nachtreten
Toleranz statt Ignoranz
Arsch huh und Zäng ussenander!
Beteiligen statt beleidigen
Menschenwürde statt Menschen herabwürdigen und abwerten
Augenhöhe statt „Supremacy“
We together statt „Me first“
Auch wenn menschlich verständlich, zur Lebensbewältigung einfacher und zum Erhalt des eigenen Selbstwertes hilfreich, so verstehe ich nicht, wie ein Mensch sich aufgrund von Rasse, Religion, Herkunft oder Geschlecht als „wertvoller“ empfinden kann als ein anderer Mensch.
Die Herkunft eines Menschen ist wohl weit mehr Zufall (und ggf. „Glück“ als „eigener Verdienst“!!
Vielfalt kann bereichern, weil sie aus dem „Gefängnis“ eigener Ansichten und Horizonte befreien kann, sofern sie auf der Basis von Menschenwürde und Wertschätzung basiert statt auf „meine interssen zuerst!
Ein Blick in die Geschichte zeigt die zerstörerische Wirkung von Egozentrik und rassistischen Überlegenheitsgefühlen.